Von Regina Mönch
01. Mai 2007 Muslimische und säkulare Vertreter in Schäubles Islamkonferenz sind tief besorgt über die Zusammensetzung des Koordinierungsrates der Muslime, der sich Ende März zusammenschloss. Dabei geht es nicht um Eifersüchteleien, sondern um Grundsätzliches: um ideologische Differenzen und Transparenz. Vor allem aber geht es den Kritikern um ein eindeutiges Bekenntnis zu den Menschenrechten, die unteilbar sind und als Grundrechte das Selbstverständnis der westlichen Gesellschaft definieren. Die Islamische Konferenz, höchstes weltliches Gremium der Muslime, verabschiedete eine Menschenrechtserklärung 1990 in Kairo, die das Verhältnis des Islam dazu festlegte. Und sie besagt, dass alle Rechte und Freiheiten der Scharia, dem islamischen Recht, unterstehen. Eine für europäische Gesellschaften nicht hinnehmbare Position.
Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, einer der am besten vernetzten und wichtigsten Dachorganisationen türkischer Migranten, ist eigentlich kein Mann der starken Worte und eher ein Vermittler denn politischer Warner. Er sitzt im Plenum der Islamkonferenz. Auch er kritisierte im Gespräch mit der F.A.Z. wie in Hürriyet, dass die Ditib (Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion), eine der vier Organisationen im Koordinierungsrat, nun von einer religiösen Ebene auf die politische gewechselt sei. Man sei irritiert und sehr beunruhigt. Denn die Ditib habe sich dort mit Organisationen zusammengeschlossen, deren Positionen zu Staat und Religion bedenklich seien. Das werfe Fragen auf. Wenn der Staat die Ditib jetzt als Ansprechpartner aufwerte, glaubt Kolat, hätten wir ein Problem, vor allem mit dem politischen Islam, der plötzlich mit am Tisch sitze. Ditib-Präsident Arslan beklagte in Hürriyet sogleich, Kolat bedrohe die Konferenz.
Vom Gegengewicht zum Gleichgesinnten
Kolat beruft sich auf viele muslimische Deutschtürken, die in Sorge über diese Entwicklung sind. Sie fürchten den zunehmenden Druck islamischer Sittenwächter, was allein schon an der beunruhigend gestiegenen Zahl von Abmeldungen vom Schwimmunterricht und von Klassenfahrten der Kinder aus muslimischen Familien festzumachen sei. Seine Gemeinde will einen Rat für islamische Angelegenheiten vorschlagen, in dem sich alle Glaubensrichtungen wiederfinden, mit Islamwissenschaftlern und Theologen aus den Herkunftsländern der Migranten.
Am meisten war die Migrantengesellschaft überrascht, dass sich die Ditib in dieses Bündnis begeben hat. Diese wird seit Jahren als Gesprächspartner bevorzugt, weil sie das laizistische Staatsverständnis der Türkei in Deutschland zu vertreten hat. Es sollte für gläubige Deutschtürken ein Gegengewicht zur Islamischen Föderation sein, die immer mehr Moscheevereine übernahm, eng mit Milli Görus verstrickt ist und in ihren Koranschulen ein Menschenbild predigt, das nicht jedermanns Sache ist.
Ein Fall für den Verfassungsschutz
Kritiker warnen schon lange, dass man sich bei der Ditib allzu sehr auf laizistisch fokussiert habe. Die schleichende Reislamisierung jedoch, die gerade erst Hunderttausende empörter Türken auf die Straßen Istanbuls trieb, wollte man nicht sehen. Eines der vielen Versäumnisse deutscher Politik in Fragen der Zuwanderung. Was wäre, käme eine radikalere Regierung in der Türkei an die Macht?
Die Ditib hat eine eher nationale Funktion, die, vermittelt über die Religion, das Türkentum der Migranten stärken sollte. Sarkastisch nannte man ihre Funktionäre darum auch Berufstürken, die arbeitslos würden, bemühten sie sich sehr um Integration. Die Ditib ist der deutsche Ausleger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, ihr Vorsitzender ein türkischer Diplomat. Tief beunruhigt hat viele Deutschtürken, dass der Diyanet-Chef bei seinem Deutschland-Besuch erstmals Kontakt mit Milli Görus aufgenommen habe, jener Organisation, die in der Türkei für den islamischen Staat eintritt und hierzulande wegen ihrer klandestinen Aktivitäten vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Der Kernbestand der Menschenrechte
Jetzt aber, sagt der Islamwissenschaftler Ralf Ghadban, nehmen wir wahr, dass die Ditib offenbar die Fronten gewechselt hat. Sie sitze im Koordinierungsrat gemeinsam mit dem Islamrat, dessen Mitglied Milli Görus ist. Des Weiteren sind dabei der Zentralrat der Muslime sowie der Verband der islamischen Kulturzentren. Sie alle sind nach Auffassung ihrer Kritiker orthodox-konservativ bis islamistisch orientiert und stellen Gottesrecht, die Scharia, über die Menschenrechte. So hat der Zentralrat der Muslime in seiner Charta unter anderem verkündet, dass zwischen den von Gott gewährten Individualrechten und dem Kernbestand der westlichen Menschenrechtserklärung kein Widerspruch bestehe. Aber eben nur zum Kernbestand, um den Rest müssen wir fürchten. Die sakrosankten Ungleichheiten des traditionellen Islam, die Frau und die Ungläubigen betreffend, stellen diese Vereine nicht infrage.
Ralph Ghadban, der in der Islamkonferenz im Gesprächskreis Islam und Sicherheit sitzt, sagt: Wenn der Koordinierungsrat jetzt erklärt, es gebe keine Differenzen mehr, muss das beunruhigen. Denn dort sitzt die Ditib plötzlich mit Organisationen unter einem Dach, deren Verbindungen zu islamistischen Kreisen bekannt sind und von denen sie sich bisher immer zu unterscheiden trachtete. Also hat sich ein Verein, den die türkische Regierung kontrolliert und der keinen solchen Schritt gehen dürfte, wenn sie dies nicht guthieße, verbündet mit drei Vereinen, die eine Ideologie vertreten, die wir ablehnen. Die theologische Dimension der Auseinandersetzung, vor allem aber der Rolle der Menschenrechte und des Gottesrechtes, sei plötzlich verschwunden. Dieser Zusammenschluss sei zu schnell zustande gekommen. Die ideologischen Fragen, die nie gelöst wurden, vor allem die zur Scharia, seien nun unter den Teppich gekehrt. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass hier ein politisches Bündnis entstanden ist, sagt Ghadban.
Ghadban befürchtet, dass nicht nur der theologische Dialog untergegangen ist, sondern mit der Konzentration auf Sicherheitsfragen auch die grundsätzlichen Fragen der Integration aus dem Blick geraten sind. Man könne leicht öffentlich den Terrorismus verurteilen, doch die Ideologie des Islamismus, der Boden, auf dem der Terrorismus entstehe, werde trotzdem in vielen Moscheen gepredigt. Die Sozialarbeit und die Erziehung in den Moscheevereinen fänden jetzt schon vielerorts auf der Basis der Scharia statt. Dort werde das Klima der Gewalt und der Ablehnung der Ungläubigen erzeugt. Und wenn diese Vereine auf der Islamkonferenz versuchen, so Ralph Ghadban, die Vertretung der Muslime zu übernehmen, wird dem Projekt Integration ein Bärendienst erwiesen.
Text: F.A.Z., 02.05.2007, Nr. 101 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Christian Thiel