Literarisches Leben

Autorenförderung? Hungert sie aus!

Friss und stirb, Literat: Die Literaturpreisflut schadet der Literatur. Aus Wölfen sind Schoßhunde geworden. Dabei schert sich ein großes Werk um Preise so wenig wie um Verbote. Ein Ruf zu den Waffen. Von Oliver Jungen

Lesermeinungen zum Beitrag

02. Mai 2008 16:16

Für mehr satte Autoren

Peter Jüde (pitterle1999)

Jungen behauptet, es gäbe zu viele Literaturpreise und beklagt „Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller.“ Was für eine Beleidigung der Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Geschätzte 80 Prozent der Menschen, die sich als Schriftsteller verstehen, enthebt Jungen mit einem Satz ihres Berufs. Jungen hält darüber hinaus die deutsche Gegenwartsliteratur für belanglos und unterstellt, dass die Literatur immer noch meinungslos und unpolitisch sei. Ich sehe das etwas anders, aber diese Meinung sei Herrn Jungen zugestanden. Nur Jungens Argumentation ist grotesk. Jungen schreibt sein Pamphlet vom hohen Ross dessen, der vermutlich ganz gut lebt im und vom Literaturbetrieb. Denn als Problemlösung schlägt Jungen vor: „Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend.“ Im Klartext: Keine Literaturförderung mehr. Gut, dann keine Literaturförderung mehr. Aber nur wenn Herr Jungen auf die Honorare für seine Artikel verzichtet. Mehr unter http://schreiberfahrungen.blog.de

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02. Mai 2008 16:15

Für mehr satte Autoren

Peter Jüde (pitterle1999)

Jungen behauptet, es gäbe zu viele Literaturpreise und beklagt „Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller.“ Was für eine Beleidigung der Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Geschätzte 80 Prozent der Menschen, die sich als Schriftsteller verstehen, enthebt Jungen mit einem Satz ihres Berufs. Jungen hält darüber hinaus die deutsche Gegenwartsliteratur für belanglos und unterstellt, dass die Literatur immer noch meinungslos und unpolitisch sei. Ich sehe das etwas anders, aber diese Meinung sei Herrn Jungen zugestanden. Nur Jungens Argumentation ist grotesk. Jungen schreibt sein Pamphlet vom hohen Ross dessen, der vermutlich ganz gut lebt im und vom Literaturbetrieb. Denn als Problemlösung schlägt Jungen vor: „Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend.“ Im Klartext: Keine Literaturförderung mehr. Gut, dann keine Literaturförderung mehr. Aber nur wenn Herr Jungen auf die Honorare für seine Artikel verzichtet. Mehr unter http://schreiberfahrungen.blog.de

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02. Mai 2008 13:47

Vorschlag

Markus Bräuer (Susanne31)

Vorschlag zur Güte: Herr Jungen probiert das Hungern mal aus. Nein, nicht einen oder zwei Tage, sagen wir: drei Wochen. Wasser und ein wenig trocken Brot. Das drei Wochen lang. Danach würde ich gern wissen, ob er seine Forderung nach Aushungern der Literatur aufrecht erhält. (Falls ja, ist er ein Fall für die Psychiatrie, falls nein, hätte er sich das Experiment sparen können, wenn der Artikel unterblieben wäre. Meine lieben FAZ-Redakteure, entweder geht es Ihnen gar zu gut oder es gibt ein eklatantes Erlebnisdefizit, einen worterzeugenden horror vacui, der Lebensarmut den Literaten in die Schuhe schiebt. Und ich bin gern bereit, mindestens fuenfzig Schriftsteller zu nennen, die nahe am Hungern sind und dennoch keine Weltliteratur verfassen. Leider ist der Artikel sehr schwach und stumpfsinnig, komisch, dass die Leser ihn dennoch loben? Reflexionsprobleme?

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02. Mai 2008 13:00

Autorenförderung wohlfeile Werbung

Werner Traschütz (szylla)

Solange es für die Kreissparkasse werbewirksamer und billiger ist einen Literaturpreis zu stiften als eine Anzeige in der Lokalzeitung zu schalten, wird sich kaum was an der Schwemme obskurer Literaturpreise ändern. Die Praxis funktioniert auch nur, wenn Autorinnen und Autoren diesen Zirkus mitmachen. Preise kann man auch ablehnen. An Preisausschreiben muss man sich nicht beteiligen.

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02. Mai 2008 11:52

Brot

Stefan Rehberger (stefanrehberger)

Sagen wir es konkret: Sie sollen leiden, die Schriftsteller, auf dass sie dem Leser große Literatur schenken. Sie, die große Literatur, wird ein kritisches Gegengewicht liefern zur Realität, sie wird all die verwirrenden Diskurse der Gegenwart durchdringen und sie ihm, dem Leser aufschlüsseln und nahebringen – nach Feierabend im Sessel, zur Erbauung. So wäre der Schriftsteller am ehesten wohl der Weinrebe vergleichbar, die man bekanntlich auch quälen muss, damit sie Großes hervorbringt. Möge man die Rebe auf kargen Boden pflanzen und sie ständiger Todesfurcht aussetzen, auf dass sie all ihre Kraft in die Beeren stecke – bei Autoren handelt es sich noch immer um Menschen. Die sind von momentan von der von Oliver Jungen genannten Euro pro Jahr alimentiert. Eine Million Euro. Für wie viele Autoren? Zwei oder drei? Oder eher mehrere Hundert? Und was verdienen diese Autoren sonst so? Mein erster Roman ist bei Rowohlt als Taschenbuch erschienen. Daran habe ich bislang 6000 Euro verdient. Wie viele Romane schreibe ich wohl pro Jahr? Wer glaubt im Ernst, es sei nicht eine absolut existentielle Notwendigkeit für fast alle Autoren, noch einem „Brotjob“ nachzugehen, nicht nebenbei, sondern hauptsächlich. (Fortsetzung im nächsten Kommentar)

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01. Mai 2008 12:44

Kunst nach dem Ende der Kunst

Annette Lotz (Anlo)

Der Fehler in der Literaturförderung besteht darin, daß es zu wenig Nachwuchspreise für unbekannte Autoren gibt. Und denen wird dann ein Thema vorgegeben, was mehr als zahm ist und wo man sich durchaus fragen kann, wie es um Adornos These mit der Mimikry der Kunst und der Wahrheit der Kunst überhaupt bestellt ist, denn die meisten dieser Themenstellungen liegen völlig fern davon. Die meisten Literaturpreise jedoch fördern Autoren, die bereits bekannt sind, einen Verlag haben und schon eine gut bestückte Literaturliste vorweisen können. Das Kernproblem jedoch ist der Literaturbetrieb in den Verlagen. Neues wird nicht gewagt, stattdessen gibt es nur Programmplätze, die ein Instant-Buch, das zu den Gewinnprognosen paßt, erwarten. Wenn der Autor also etwas schreibt, muß er schon so schreiben, wie es die Verlage für ihre Programmplätzen erwarten. Um genau zu sehen, was da passiert, reicht ein Blick in die Literaturtheorie des 18. Jahrhunderts: Effektehascherei ist demnach keine Kunst. Aber Verlage basieren auf dem Effekt. Und insofern stimmt Hegels These von der Kunst nach dem Ende der Kunst, aber nicht, weil der Weltgeist fortgeschritten ist, sondern weil ein Markt besteht.

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01. Mai 2008 08:52

Recht so!

Johannes Cuntius (sling_blade)

Ein schöner, wichtiger Artikel. Das alles gilt jedoch nicht nur für die Literatur, sondern für die gesamte bundesdeutsche Kultur. Film, bildende Kunst, Theater, Oper: alles hängt - via Förderung, und darunter fallen eben auch die Preise - letztlich am Gängelband des Staates, weshalb die Kultur insgesamt brav, angepasst und verschnarcht, wo nicht gar zurückgeblieben ist. Wenn sie es nicht schafft bzw. nicht einmal bemüht ist, sich aus dieser allzu gluckenhaften Umklammerung zu befreien und sich damit begnügt, auf ewig Pflegekind zu beiben, wird sie nie erwachsen werden. Und deshalb im internationalen Vergleich auch weiterhin wenig gelten. Es ist schließlich kein Wunder, daß deutsche Autoren praktisch nicht übersetzt werden und deutsche Filme - mit wenigen Ausnahmen - so gut wie nicht in ausländische Kinos gelangen. Die Kultur ist saturiert, zu Tode gefördert - und produziert folglich auch nur das, was als genehm, förderungs- und eben preiswürdig erachtet wird. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Also: weg damit! Weg mit der Film- und Literaturförderung, den zig Millionen, mit denen Opern und Theater ihr ewiggleiches, abonnentenfreundliches Programm bestreiten! Und her mit einer - im wahrsten Wortsinn - freien Kunst!

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30. April 2008 14:44

Mehr von diesem zornigen Journalismus

Jan S. (7an)

Deshalb liebe ich das Feuilleton. Genau so etwas möchte ich lesen. Grundsatzkritik. Fast gleich, worum es geht. In dieses Schema passt auch der Artikel, der sich kürzlich darüber aufgeregt hat, dass die Wissenschaftssprache Deutsch verkümmere, oder neulich das Pamphlet gegen G8. Und da muss ich sagen, leistet das FAZ-Feuilleton mittlerweile mehr als das der Süddeutschen Zeitung - auch wenn ich diese als gesamte Zeitung immer noch vorziehe. Trotzdem: Weiter so! Gebt mir mehr zornigen Journalismus!

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30. April 2008 13:06

Die Heuchelei der Kritik

Worst Case (exil_am_strand)

„Warum aber erlebt die Literatur unter diesen paradiesischen Umständen keine ungekannte Blüte? Warum im Gegenteil diese Verschnarchtheit?” Weil unverschnarchte Literatur heutzutage politisch inkorrekt sein muß. Und genau solche Literatur verfällt sofort der Ächtung. Sie würde aber, wie Jungen es möchte, preislos bleiben! Das liegt eben auch daran, daß Verleger und Lektoren die Hosen gestrichen voll haben. „Nur das, was ohne alle Rücksicht geschrieben werden muss, schreibt sich ein in den Lauf der Geschichte”, schreibt Jungen. Recht so. Aber es wird nicht verlegt. Nach der Rushdie-Affäre, dem dänischen Karikaturen-Skandal und der Berliner Opern-Peinlichkeit ist es notwendig, rücksichtslos und unverschnarcht den Islam zum Thema zu machen, die drohende Islamisierung Europas. Allein der Themenvorschlag verfällt dem Etikett rechtsradikal. Die grünlackierte DDR 2.0 hat sich nun einmal durchgesetzt. Da bleibt jede Kritik an verpennter Bauchnabelschauliteratur nichts anderes als kritische Heuchelei. Und zu Goetz: „Lieber geil angreifen, kühn totalitär kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt.“ Sein Maulhelden-Sozialismus ist Wirklichkeit geworden. Für ihn gibt es nichts mehr zu tun.

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