22. August 2006 Der polnische Friedens-Nobelpreisträger Lech Walesa hat seine Forderung zurückgenommen, der Schriftsteller Günter Grass solle wegen des späten Eingeständnisses seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS die Ehrenbürgerwürde in Danzig (Gdansk) zurückgeben. Ein Schreiben des Literatur-Nobelpreisträgers an Bürgermeister Pawel Adamowicz habe ihn überzeugt, sagte Walesa am Dienstag. Von diesem Augenblick an habe ich keinen Konflikt mehr mit Herrn Grass.
Die Entscheidung über die mögliche Aberkennung des Ehrenbürger-Status steht jedoch noch aus: Der Ältestenrat Danzigs, dem der übersetzte Grass-Brief erst am Dienstag abend vorgelegt werden sollte, beschloß am Nachmittag, daß sich der Stadtrat am 31. August mit dem Thema befassen soll. Vor Beginn der Diskussion werde er den Grass-Brief den Abgeordneten des Stadtrates vorstellen, sagte Bürgermeister Adamowicz. Das Schreiben enthalte Antworten auf eine Reihe von Fragen, sagte er dem Nachrichtensender TVN 24. Der Brief ist sehr interessant, teilweise sehr rührend.
Walesa hatte den in Danzig geborenen Schriftsteller kürzlich aufgefordert, dieser solle von sich aus seine Ehrenbürgerschaft aufgeben. Andernfalls wolle er selbst seine Danziger Ehrenbürgerwürde niederlegen, drohte er. Grass hatte die auch von anderen polische Politikern geforderte Rückgabe allerdings abgelehnt. Nachdem er Grass' Brief am Dienstag gelesen hatte, sagte der ehemalige polnische Präsident: Ich hoffe, daß wir gemeinsam Freundschaft zwischen Polen und Deutschland aufbauen und überhaupt ein gemeinsames Europa errichten können. Adamowicz hatte kürzlich bereits öffentlich betont, er hoffe, das Thema sei nach der Sitzung am Dienstag erledigt. In einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage hatten sich 72 Prozent der Danziger gegen eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde ausgesprochen.
Text: dpa
Bildmaterial: AP
