China

Wortkampfsport

Von Mark Siemons, Peking

China hat seine erste Mediendebatte

China hat seine erste Mediendebatte

09. März 2006 Debatten im westlich-feuilletonistischen Sinn, bei denen sich These und Gegenthese im übersichtlichen Raum von Meinungsseiten und Talk-Shows stoßen, gibt es in China normalerweise nicht. Von einem bestimmten Relevanzgrad an gibt es nur etwas, das man als asymmetrische Debatte bezeichnen könnte: Dabei wird nicht bloß mit Worten, sondern auch mit administrativen Maßnahmen und symbolischen Handlungen gefochten, und man muß die Umstände des Gesagten mindestens so genau kennen wie den Inhalt.

Beispielsweise wird auf einen originellen Gedanken, der irgendwo im Internet auftaucht, rasch mit der Sperrung der entsprechenden Website reagiert, worauf dann westliche Medien Bezug nehmen, was wiederum Anlaß zu weiteren Wortmeldungen im Internet sowie einem mehr allgemein gehaltenen Leitartikel in einer Regierungszeitung gibt. Von solchen Auseinandersetzungen ist die asymmetrische chinesische Öffentlichkeit allerdings voll; doch da nicht auf gleicher Ebene gestritten wird, fällt es westlichen Beobachtern bisweilen schwer, die real existierende Vielfalt der Meinungen, die sich darin ausdrückt, einzuschätzen.

Doch eine richtige Debatte

Und nun ist es überraschend doch zu einer richtigen Feuilletondebatte gekommen. Allerdings eher unabsichtlich: Als die Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei im Januar entschied, die populäre Wochenbeilage „Bindian“ (Gefrierpunkt) der Parteizeitung „China Youth Daily“ einzustellen, verbot sie den wichtigen Medien des Landes zugleich, über den Fall zu berichten. Internetanfragen mit den Namen der Beilage und ihres Chefredakteurs gingen von Stund an ins Leere. Doch ausgerechnet dieser so umsichtig vorbereitete Coup, der, vom Westen aus betrachtet, einen vergleichsweise unbedeutenden Gegenstand zu haben schien - Was ist schon eine Wochenbeilage? -, wurde zum Auslöser für eine Auseinandersetzung über die historische Selbstdeutung Chinas, wie es sie hier selten zuvor gegeben hat.

Zwölf Parteiveteranen, darunter ein ehemaliger Sekretär Maos, ein Ex-Chefredakteur der „Volkszeitung“ und ein früherer Vorsteher der Propaganda-Abteilung, verfaßten einen scharfen Protestbrief, in dem sie vor einem Mißbrauch der Macht und vor sozialen Unruhen warnten. Die Zensur, schrieben sie, könne eine „verheerende Saat für die gesellschaftliche und politische Transformation sein“. Das war ein erstaunliches Novum. Hunderte entrüstete Anrufe, E-Mails und Abbestellungen gingen bei der Redaktion von „China Youth Daily“ ein. Der in die Nachrichtenabteilung versetzte Chefredakteur Li Datong, ein Parteimitglied, reichte eine Beschwerde bei der Disziplinarabteilung der Partei gegen den „ungesetzlichen Vorgang“ ein. In Interviews mit ausländischen Medien bescheinigte er der „kritischen Lesegruppe“ innerhalb der Öffentlichkeitsabteilung, auf die das Votum zur Einstellung offenbar zurückging, „diktatorische Methoden“ und eine „enge Weltsicht“.

Aus dem Bauch des Systems

Vielleicht lag es daran, daß die ungebärdige Beilage gewissermaßen aus dem Bauch des Systems selbst kam und ihre kritischen Sozialreportagen geeignet waren, das Gewissen der älteren Genossen zu rühren. Jedenfalls wurde bald angekündigt, daß die Beilage wieder erscheinen werde, allerdings mit anderem Personal. Und es sollte darin ein Gegenartikel zu jenem Essay erscheinen, der die offizielle Begründung für die Schließung abgegeben hatte.

So kam letzte Woche tatsächlich ein publizistischer Disput zustande, bei dem die Argumente direkt aufeinanderstießen - ein Disput freilich, bei dem charakteristischerweise dessen Verhinderung durch die Zensur mitdiskutiert wurde, als Subtext, ohne den die ganze Auseinandersetzung nicht verständlich ist. Es geht um das Geburtstrauma des modernen China: den demütigenden Zusammenprall der Nation mit den westlichen Mächten im neunzehnten Jahrhundert. Dahinter steht die Frage, wie die Öffnung des Landes und die „Moderne“ interpretiert werden sollen.

Desaströse Entwicklung

Der fünfundsiebzig Jahre alte Philosophieprofessor Yuan Weishi aus Kanton hatte in dem beanstandeten Aufsatz die orthodoxe Deutung der Ereignisse kritisiert, wie er sie in Schulbüchern vorfand. Er wirft ihnen vor, einseitig den westlichen Ländern die Schuld zu geben. Die desaströse historische Entwicklung wäre nach dem Urteil des Autors vermeidbar gewesen, wenn sich die Qing-Regierung ihrer schwachen Position bewußt gewesen wäre und sich vertragstreuer verhalten hätte.

Vor allem kritisierte Yuan die Darstellung der „Boxer“, jener sektiererischen Bauernbewegung, die mit ihren ausländerfeindlichen Feldzügen und Konsulatsbesetzungen den westlichen Mächten im Jahr 1900 den Anlaß zum Einmarsch geboten hatte. Die Boxer würden heute nicht als jene zivilisations- und modernefeindlichen Barbaren, die sie waren, beschrieben, sondern bloß als Kraft der nationalen Befreiung. Eine solche nationalistische Perspektive aber verleugne das Prinzip der Modernisierung, den Geist der Rationalität.

Nationale Gefühle verletzt

Der Artikel traf nicht nur in Parteizirkeln einen Nerv, sondern auch bei weiten nationalistisch eingestellten Kreisen, die ihr Selbstbewußtsein an bestimmte überlieferte Stereotype gebunden hatten. So war er für die öffentliche Begründung der Zensurmaßnahme bestens geeignet. Der Aufsatz, hieß es, versuche die verbrecherischen Taten der imperialistischen Mächte zu rechtfertigen, er verdrehe die geschichtlichen Fakten, laufe „der Disziplin der Nachrichtenpropaganda“ zuwider und vor allem: Er verletze die nationalen Gefühle des chinesischen Volkes. Schon bevor jetzt die Erwiderung erschien, sammelten sich auf einer Tagung in Peking Kritiker der Geschichtskritik und erklärten: Der Patriotismus der Boxer sei ein „nationaler Glaube“, der für irgendwelche Abänderungen nicht zur Verfügung stehe.

Erwartungsgemäß versucht die Entgegnung von Zhang Haipeng, einem Historiker von der Akademie für Sozialwissenschaften, im nun neu erschienenen „Gefrierpunkt“ die orthodoxe Sicht der Ereignisse wiederherzustellen. Der zweite Opiumkrieg sei unvermeidlich gewesen, die politischen und wirtschaftlichen Interessen der westlichen Mächte hätten sich auch nicht verändert, wenn sich China anders verhalten hätte. Und die Gewalt der Boxer sei eine Reaktion auf das Unrecht der Ausländer gewesen: „Sie antihumanistisch und zivilisationsfeindlich zu nennen ist die Perspektive der westlichen Eindringlinge.“

Kampf um Modernisierung und Wohlstand

Mindestens so wichtig wie die behauptete Faktenlage ist dem Hüter der Orthodoxie jedoch deren Funktionszuweisung in einem übergeordneten Schema, dem historischen Materialismus. Denn der Fremdenhaß und die Gewalttätigkeit der Boxer (die sich zuerst übrigens gegen Landsleute christlichen Glaubens richtete) lassen sich schwerlich rundheraus abstreiten. Man könnte sich die Boxer heute auch gut als Speerspitze einer nationalistischen Erhebung gegen die Partei vorstellen. Deshalb fügt Zhang Haipeng hinzu, die Xenophobie der Boxer solle „nicht einfach geleugnet“, sondern innerhalb der historischen Grenzen ihrer Klasse und ihrer Epoche verstanden werden. Er unterteilt die neuere Geschichte in zwei Phasen: Bis 1949, dem Machtantritt der Kommunisten, habe China um seine Unabhängigkeit gekämpft, seither kämpfe es um Modernisierung und Wohlstand.

Für beide Phasen gelten laut Zhang unterschiedliche Kriterien, die Unterscheidung aber treffe die Gruppe, die ihre Macht aus der eigenen Geschichtsdeutung ableitet. „Die Geschichte ist nicht wie ein Mädchen, das nach Belieben zurechtgemacht werden kann“, sagt Zhang streng, und seine schärfste Kritik am Kontrahenten lautet: „Es sind nur persönliche Gedanken.“ Macht und Geschichtstheorie stützen sich gegenseitig, einen davon losgelösten Maßstab gibt es nicht.

Die Schlagworte der Regierung

Das ist die klassische marxistisch-leninistische Position. Aktuell wird sie dadurch, daß sie sich auch auf die Schlagworte bezieht, mit denen die chinesische Regierung für gewöhnlich hantiert. Auch Moderne und Modernisierung sollen in einem instrumentellen Verhältnis zur nationalen Selbstermächtigung stehen - und die vielbeschworene „Öffnung“ steht unter dem Vorbehalt, daß nichts außer Kontrolle gerät. Erst als China unabhängig und stark wurde, schreibt Zhang, habe es sich eine „Modernisierung“ leisten können, vorher hätte der Westen das gar nicht zugelassen.

Auch jenseits der Partei-Kasuistik scheint das die Konfliktlinie in der Gesellschaft zu sein, die sich hinter dem Streit um die Pressefreiheit auftut: Sollen universelle menschliche Werte als letzter Maßstab der Politik gelten oder eine durch die gegenwärtige Macht definierte Nationalgeschichte? Dabei schien auch Yuans Aufsatz keinen gänzlich universalistischen Standpunkt einzunehmen; zumindest gab er sich mit seiner Empfehlung, unterentwickelte Länder sollten, um Zeit zu gewinnen, grundsätzlich den entwickelten, westlichen Ländern folgen, eine Blöße, die seine Gegner weidlich nutzten.

Bildung einer Gegenmacht

Doch hinter der orthodoxen Auffassung tun sich erst recht Abgründe auf. Der Nationalismus, auf den sich die Partei als Quelle ihrer Legitimation beruft, kann sich im nächsten historischen Augenblick schon gegen sie kehren, und eine andere Ideologie hat sie nicht mehr. Das ist wohl auch der Grund, weshalb die Parteiführung seit einiger Zeit eine theoretische Wiederbelebung des Marxismus unter den neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen einfordert. Konkrete Ergebnisse sind bislang nicht bekannt geworden.

In solcher Lage sind Figuren wie die Boxer heikle Bundesgenossen. Auf der einen Seite rücken ihre kultischen Verrichtungen und Kampfsportübungen sie in verdächtige Nähe des Bildes, das die Regierung von der Falun-Gong-Bewegung zeichnet; auf der anderen Seite erinnern ihre fremdenfeindlichen Aktivitäten, wie Yuan Weishi schrieb, an die Rotgardisten der Kulturrevolution. Beides, die Bildung einer Gegenmacht von außen wie die Selbstradikalisierung von innen, könnte der Partei heute gefährlich werden. So droht die Geschichte jene, die sie sich zunutze machen wollen, wieder einzuholen.

Yuan Weishi, der inkriminierte Philosoph, ist unterdessen optimistisch. Er schreibt, wie er der Hongkonger Tageszeitung „Ming Pao“ anvertraute, schon seinerseits an einer Entgegnung auf Zhang. Die Debatte lebt.

Text: F.A.Z., 09.03.2006, Nr. 58 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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