Von Mark Siemons, Peking
22. März 2008 Die tibetischen Unruhen versetzen die Welt in eine seltene Erregung - wegen der Gewalt, die da explodiert, aber auch wegen des grotesken, nachgerade unheimlichen Missverhältnisses, in dem die Tragweite der Ereignisse zu den wenigen gesicherten Informationen steht, die man darüber bekommen kann. Nachdem die chinesische Regierung fast alle ausländischen Journalisten aus Lhasa ausgewiesen hat, ist die Hauptkampfzone endgültig zu einer Black Box geworden, in der die Sicherheitskräfte ohne Beobachter von außen agieren können - und nicht viel anders sieht es in den anderen Städten in China aus, wohin sich die tibetischen Proteste ausgeweitet haben; überall riegeln die Behörden erst einmal das Gelände ab, um für ihre Art der Konfliktregelung keine Zeugen zu haben.
Natürlich ist die Funkstille nicht total - immer dringen Stimmen, Bilder und Gerüchte über die Grenzen und werden in Windeseile von den beteiligten Parteien und Medienunternehmen verarbeitet. Aber da in den meisten Fällen das Korrektiv von anderen am Ort fehlt, die die gemachten Behauptungen bestätigen oder widerlegen können, ergeben diese Stimmen nur ein Rauschen, das man je nach Lust und Laune interpretieren kann. Man hat sich an Ereignisse gewöhnt, die von den Medien selber inszeniert und gemacht sind. Hier aber begegnet einem der unvorhergesehene Fall eines Weltereignisses ohne Welt, die es betrachten kann.
Jedes Bild kann manipuliert sein
Das alles ist umso erstaunlicher, als mit der rapiden Erweiterung der Internet-Möglichkeiten in den letzten Jahren die Vorstellung entstanden war, dass nun wirklich kein Winkel der Erde mehr vor der Öffentlichkeit des globalen Mediendorfs und dessen Diskursen sicher sei: jedes Erdenkind ein potentieller, mit Handykamera ausgerüsteter Bürgerreporter und Blogger. Doch in einem Fall wie diesem, wo so mächtige Interessenblöcke gegeneinanderstehen, wächst mit den technischen Möglichkeiten auch der Verdacht: Jedes Bild, jedes Video kann auch manipuliert sein, von Berichten angeblicher Zeugen ganz zu schweigen. Auch die digitale Öffentlichkeit lebt wohl mehr von den Beglaubigungsmöglichkeiten der analogen Öffentlichkeit, als man das bisher ahnte: Wenn die Freiheit für ein solches Zusammenwirken auf dem Boden fehlt, hängen auch die vielen Stimmen des weltweiten Netzes in der Luft.
Unter den Bedingungen der, gelinde gesagt, eingeschränkten Information kommt es zu Merkwürdigkeiten. Gleich zu Beginn der Unruhen am Freitag vor einer Woche assoziierten viele westliche Zeitungen und Fernsehsender die ersten Bilder aus Lhasa sofort mit dem Tiananmen-Massaker von 1989, einem gewaltsam unterdrückenden Staat; die Fotos zeigten aber bloß randalierende Tibeter und brennende Geschäfte. Westliche Augenzeugen stimmen darin überein, dass die chinesische Polizei zunächst kaum oder halbherzig eingriff - ein etwas rätselhafter Umstand, der am ehesten dadurch zu erklären ist, dass sich die entscheidungsfähigen Parteimänner Tibets gerade beim Volkskongress in Peking aufhielten.
Tibet oder Nepal, wer kann das schon unterscheiden
Ausgerechnet diese Phase erschien der westlichen Öffentlichkeit nun als Beleg für die Repressivität des chinesischen Staats und als Anlass, die Diskussion eines Olympiaboykotts wiederaufzunehmen. Da die vorhandenen Fotos diese Deutung nicht stützten, wurde mitunter nachgeholfen, wie jetzt mehrere chinesische Blogger nachgewiesen haben. Die Website des amerikanischen Fernsehsenders CNN etwa veröffentlichte von einem Bild, das Jugendliche beim Steinewerfen auf Militärlastwagen zeigte, nur einen Ausschnitt, in dem die Steinewerfer verschwunden waren und man nur noch einen Mann sieht, der vor den nahenden Militärwagen davonzulaufen scheint. Deutsche Fernsehsender und Zeitungen nahmen kurzerhand Fotos von nepalesischen Polizisten, die rüde mit tibetischen Demonstranten umgingen - wer will da schon so genau unterscheiden.
Die zweite Phase der Merkwürdigkeiten war, dass die chinesische Regierung danach nichts Eiligeres zu tun hatte, als das desaströse Urteil, das sich der Westen in diesem Fall vorauseilend von ihr gemacht hatte, nachträglich zu bestätigen. Mit einer martialischen Sprache (Volkskrieg), mit waffenklirrenden massiven Militäraufmärschen, mit kurzen Schauprozessen im Fernsehen, vor allem aber mit der rigorosen Medienabschottung liefert das Regime eine fast schon absurde Karikatur seiner selbst.
Die eingefahrenen Schemata sind stärker
Aus westlicher PR-Perspektive hätte man annehmen können, dass ein Land, das in der globalen Wirtschaft höchstes Geschick beweist und das sich dieses Jahr als zwar nicht demokratische, aber doch weltoffene Hochkultur präsentieren wollte, mit der internationalen Öffentlichkeit vorsichtiger umgeht. Aber die eingefahrenen Schemata scheinen stärker zu sein: Erst wird das Problem gelöst, dann soll die Propaganda dafür sorgen, das Ergebnis zu verkaufen. Und es wird an einer abgestuften Kommunikation festgehalten, wie sie im chinesischen Kommunismus immer üblich war: Die rüde Sprache war eigentlich nur für Tibet selbst gedacht, aber an solche feinen Unterscheidungen hält sich die globale Gleichzeitigkeit des Internets eben nicht mehr.
Doch innerhalb dieser Gleichzeitigkeit gibt es aberwitzige Unterschiede. Während die Welt auf Tibet schaut und China nur noch an seinem Vorgehen dort misst, verliert der Pekinger Alltag selbst darüber nicht viele Gedanken. Die Sache der Tibeter macht sich auch unter Dissidenten kaum einer zu eigen. Eher hat man Sorgen angesichts der Wahlen in Taiwan am Sonntag und den Folgen. Die Welt ist noch lange nicht flach, und mit Grausen denkt man an die Dinge, die sich hinter ihren Unebenheiten gerade jetzt vollziehen mögen.
Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite 33
Bildmaterial: AP
