In der einschlägigen Fachliteratur wird der populistische Vergleich zwischen Gehirn und Muskel vermieden, z.T. sogar explizit verneint. Diese Allegorie suggeriert nämlich die falsche Annahme, man müsse nur stur das Selbe wiederholen (ähnlich dem Muskelaufbau im Fitness-Center), um das Gehirn zu "trainieren". Diese Vorstellung ist falsch und entspricht auch nicht der Funktionsweise unseres Gehirns. Die Plastizität des Gehirns beruht neben einer u.U. vernachlässigbaren Neurogenese im Hippocampus in erster Linie durch Umstrukturierung von Verschaltungen (Bildung neuer Synapsen). Hier sollte man übrigens auch erwähnen, dass " zur Entwicklung des NS, neben einem vermehrten Wachstum, auch ein differenziertes Absterben überzähliger Neurone bzw. überzähliger synaptischer Verbindungen zwischen Nervenzellen" (Pritzel, Brand, Markowitsch, 2003, S. 92) gehört. Unser Gehirn funktioniert gerade nicht wie ein Muskel. Es kommt nicht auf die Quantität sonder auf die Qualität des Lernens an, d.h. man muss gehirngerecht lernen, um effektiv zu lernen. Gedächtniskünstler haben kein besseres "Gedächtnis" als Otto-Normalbürger. Sie können ihre Gedächtnisfunktionen aber besser nützen und einsetzen, z.B. durch optimales assoziatives Lernen.
Spezies,die sich im Spiegel selbst erkennen, gibt es dem Vernehmen nach nur sehr wenige. Babys können das schon sehr früh. Sicher machen sich die Menschen auch schon lange Gedanken über ihr Denken, aber nun beginnt man, die zugrunde liegenden Prozesse selbst zu analysieren und zu verstehen. Das sieht mir ganz so aus, als ob man ein neues großes Fass aufmacht. Ich finde es wahnsinnig spannend und freue mich schon auf die weiteren Beiträge! Hier noch eine Übung: Überlegen Sie einmal, warum der Spiegel nach Augstein zu wenig über Spiegelneuronen schreibt?
So beliebig formbar ist das Gehirn nicht. In dieser Zeitung stand letztens ein Beitrag, der darauf hinwies, das Linkshänder zeitlebens mit rechts denken, auch wenn sie umerzogen wurden. Die schwachsinnige Umerziehung der Linkshänder, die in vielen Kuturen heute noch ganz normal ist, hat bei sehr vielen Leuten dazu geführt, daß sie nie ihr eigentliches intellektuelles Potential ausschöpfen konnten.
„Ein einfaches Experiment im Aufmerksamkeitstraining findet sich auf dieser Seite. Die „Stroop“-Prüfung verlangt, die Worte laut zu lesen, nicht die Worte, die geschrieben stehen, sondern die Farbe, die man sieht. Wer das tut, wird feststellen, wie das Hirn arbeitet.“
Ohne sophistisch erscheinen zu wollen, aber der „Stroop“-Test verlangt gerade nicht zu „lesen“, sondern vielmehr die automatisierte Verhaltensantwort auf die Betrachtung von Schrift (= Lesen) aktiv zu unterdrücken und in einer weniger geübten Art und Weise (= Benennen der Farbe, in der das Farbwort abgedruckt ist) zu reagieren. Dieses Inhibitionsvermögen ist v. a. mit konzentrativer Aufmerksamkeit assoziiert, insofern eignet sich dieser Test bei mehrfacher Durchführung möglicherweise im weitesten Sinne als Aufmerksamkeits-, nicht jedoch, wie weiter oben angeführt, als Gedächtnistraining.
Der Gedanke gefällt mir: "Kultur als Ergebnis hirnphysiologischer Möglichkeiten." Nicht neben, sondern prioritär zu den klassischen philosophischen, psychologischen Fragestellungen. Da sind die Geisteswissenschaftler inzwischen ganz nett in der Bredrullie. NOCH ist die Beweislage dünn, eher indizienhaft; Hinweise allerdings frappierend. Wobei die Hirn-Grösse allerdings zweitrangig zu sein scheint, eher ist es wohl der Grad der Vernetzung und deren Stabilität.//
"Verlust an Lesefähigkeit ... die Aufmerksamkeitsdefizite, die durch die modernen Technologien erzeugt werden, zu einer Veränderung des Denkens, der Denkleistungen führen." Ich denke, es ist eher ein Verlust der "gewohnten, alten Lesefähigkeit", kein genereller. Durch die fast erzwungene Geschwindigkeitserhöhung bei der Informationsverarbeitung - jenseits evolutionärer Möglichkeiten - gerät so Mancher ( speziell Jugendliche ) an die Grenze seiner Möglichkeiten; ist gezwungen in Richtung Oberflächlichkeit zu "ökonomisieren". Die "alte, gewohnte" Stabilität neuronaler Verknüpungen wird so nicht erreicht. Vielleicht ein Verlust, vielleicht aber auch ein Prozess, der eine neue "fitness" entstehen lässt; vielleicht ist es auch DIEJENIGE das "Jägers" nach Information.
Toller Artikel! Ich musste z.B. sofort darüber nachdenken, dass man hier in der FAZ zwar zum Denken, nicht aber zur Islamkonferenz, zu der es sicherlich viel zu sagen gäbe, reflektierend kommentieren darf. Ein Erkenntnisgewinn, auf den ich ohne Ihren Trimm-Dich-Artikel gar nicht von selbst gekommen wäre ;-)
....vielleicht wird unsere Produktidee dann schneller akzeptiert werden. Ich beschäftige mich aus einer anderen Perspektive mit dem Thema Gehirn. Denn ich bin, neben sicher vielen anderen, sozusagen der lebende Beweis dafür, dass die implizite These (z.B. Neuroplastizität) in dem Bericht stimmt.
Eigentlich sollte ich nach zwei schweren Gehirnblutungen und Schädigungen des Gedächtnisses halbseitig gelähmt sein. So einfache (aber im Alltag unabdingbare) Tätigkeiten wie Handlungsplanung etc. konnte ich direkt nach dem Ereignis nicht mehr ausführen.
Aber durch intensives Gehirnleistungstraining - hauptsächlich auch selbst induziertes Training - mit einem eigens dafür eingericheteten PDA konnte ich nach zwei Jahren viele Funktionen meines Gehirns wieder herstellen.
Insofern interssiert mich Ihre Artikelserie sehr aus Patienten- / Rehabilitationssicht. Denn was für mein Krankheitsbild gilt, gilt auch für viele andere neurologische Krankheitsbilder, bei denen Gehrinfunktionen beschädigt oder beinträchtigt werden.
Mit freundlichen Grüßen
"Jedermann spürt, dass der unleugbare Verlust an Lesefähigkeit unter Kindern und Jugendlichen, die Aufmerksamkeitsdefizite, die durch die modernen Technologien erzeugt werden, zu einer Veränderung des Denkens und der Denkleistungen führen."
Herr Schirrmacher, Ihr Name weckt bei mir positive Assoziationen. Darum mache ich mir die Mühe, Sie darauf hinzuweisen, daß "Jedermann" in obigem Zitat aus ihrem Artikel unsauber ist. Das spürt bei weitem nicht jedermann. Das mag nun inhaltlich relevant sein oder nicht, das kann ich nicht beurteilen - aber journalistisch ist es relevant, wenn in einem Artikel in dem der Verlust des klaren Denkens beklagt wird, "Jedermann" geschrieben wird, wenn nur weit unter 50% der in Deutschland Wohnenden gemeint sind. Ich persönlich finde unzulässige Verallgemeinerungen auch dann relevant, wenn dem Inhalt des Artikels dabei nicht widersprochen wird.