Von Dietmar Dath
07. Dezember 2005 Es gibt zweierlei Wissen, macht ein im World Wide Web häufig anzutreffendes Zitat von Samuel Johnson den Verhedderten Mut, entweder ich verstehe von einer Sache selbst etwas, oder ich weiß, wo die benötigten Fakten zu finden sind.
Schön wär's. Bei Wikipedia aber, dem meistfrequentierten Internetanbieter von nützlichem und überflüssigem Wissen, das von Kennern, Enthusiasten und Spinnern zusammengetragen, ediert, ergänzt und gekürzt wird, fängt die Schwierigkeit schon bei der versprochenen Vielsprachigkeit an: The free encyclopedia heißt eben nicht nur, wie auf dem Startportal für Deutsche angezeigt, Die freie Enzyklopädie, sondern auch die kostenlose Enzyklopädie.
Stör- und Hackanschläge
Das Modell der automatischen Kontrolle durch sich selbst ausbeutende (daher: kostenlos) peers (Gleich gut Unterrichtete, Ebenbürtige), welches bei Wikipedia für die Verläßlichkeit und Neutralität des bald eine Million Einträge umfassenden Textmassivs sorgen soll, ist ins Gerede geraten: Ideologisch verzerrte, sachlich unrichtige, überholte und dubiose Texte sollen mitunter monatelang irreführenden Schaden angerichtet haben; einige Seiten, etwa die zum gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, fallen Stör- und anderen Hackanschlägen zum Opfer; der Wikipedia-Gründervater Jimmy Wales selbst distanziert sich vom Treiben einiger übereifriger Enzyklopädisten, und die Kommentarräume im Netz werden, wie schon so oft, erneut zu Austragungsorten für Streitereien darüber, wer John F. Kennedy ermordet hat und ob Fidel Castro eher der rote Nikolaus oder ein notorischer Menschenrechtsbeschädiger ist.
In der aktuellen Ausgabe des für Computergläubige maßgeblichen Print-Magazins Wired werden einige der bei Wikipedia besonders heiß umkämpften Themen vorgestellt: Ist die Web 2.0-Technologie die Zukunft des Internets oder Müll; wurde Jennifer Lopez 1969 oder 1970 geboren; sind Anakin Skywalker und Darth Vader aus den Star Wars-Filmen zwei verschiedene Figuren oder ein und dieselbe; ist der Wikipedia-Eintrag zu Al Gores Current TV in zu positivem Tonfall gehalten; welche Prominenten gehören der Scientology-Sekte an; was ist von der Schöpfungslehre zu halten, und gibt es legitime sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen?
Dieser Katalog zeigt bereits überdeutlich, daß die noch Anfang des letzten Jahrzehnts von zahlreichen Mediendenkern verbreitete Hoffnung, allerlei vernetzte moderne elektronische Kommunikations- und Speichermedien könnten die alten Probleme langsamer Öffentlichkeiten hinsichtlich Parteilichkeit und Erkenntnisinteresse via Durchschnittsbildung und Störungskorrektur gleichsam aus dem Weltwissen herauswaschen, eine fromme Selbsttäuschung gewesen ist. Ob man ans Richtige oder ans Verkehrte gerät, wird unter Internetbedingungen zunehmend eine Zufallsfrage. Der Zufall aber, warnt ein im World Wide Web häufig anzutreffendes Zitat von Louis Pasteur, begünstigt den gut vorbereiteten Verstand.
Text: F.A.Z., 08.12.2005, Nr. 286 / Seite 38
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