20. Februar 2007 Wenn das mit den Kindern so einfach wäre wie mit den Autos! Na also, geht doch, dachte man sich, als der Verkehrsminister jetzt eine Umstellung der Kraftfahrzeugsteuer von der Motorleistung auf den Schadstoffausstoß ankündigte. So einfach ist das also: Die Autos werden wie Kühlschränke und Waschmaschinen in Emissionsklassen eingeordnet, und wer dann noch Dreckschleudern kauft, zahlt drauf, wer schadstoffarme Autos kauft, spart.
So steuert Politik Verhalten, und es hilft nichts, wenn jetzt die Autoindustrie grummelt und sagt, hier werde der Bevölkerung ein bestimmtes Autobild vorgeschrieben. Die Autoindustrie wird sich im Gegenteil nun beeilen müssen, jene Grundversorgung mit schadstoffarmen Modellen herzustellen, die es bisher noch nicht gibt - damit die Bürger Wahlfreiheit haben.
Triumph des privaten Lebens
Soweit die Autos. Wie ist es bei den Kindern? In den Ministerien zerbricht man sich den Kopf: Wie kann man der Kinder Zahl so steuern wie die Schadstoffe der Autos? Sehen wir es doch einmal so: Es gehört zu den schönsten Triumphen des privaten Lebens, dass sich der Staat an der Kinderfrage die Zähne ausbeißt, dass es ihm nicht gelingt, auf die persönliche Lebensplanung seiner Bürger mit bevölkerungspolitischen Erwartungen durchzugreifen. Denn das sieht doch jeder: Wer keine Kinder will, kriegt auch keine, wenn Elterngeld winkt. Wer welche will, kriegt sie trotz der sozial- und steuerpolitischen Kinderblockadepolitik unserer Regierungen (was nicht heißt, dass einer, der schon zwei Kinder hat, seinem Herzen noch leichter einen Stoß zum dritten Kind gäbe, wenn - wie in Frankreich - auch hierzulande via Familiensplitting endlich Kinder statt Ehen steuerlich begünstigt würden, wenn Familie also ein Sparmodell wäre).
Trotzdem meint man in den Unionsparteien, an der Krippenfrage entscheide sich die Zukunft der Familie. Wann begreift die Politik, dass sich über die Krippe kein Kausalnetzwerk spannen lässt, das von der Berufstätigkeit der Frau über die Kinderkriminalität bis zur Demographie reicht? Als seien mehr Krippenplätze nur dann vertretbar, wenn in der Krippe alle Probleme gleichzeitig zur Ruhe kommen: die Vereinbarkeit von Familie und Job, das Problem der frühkindlich gemachten Mörder (Rolf Bossi), die numerische Rettung des deutschen Volkes, das Familienbild im Großen und Ganzen (ist es im Großen und Ganzen nicht ohnehin so, daß jede Familie ihr eigenes kleines, täglich zwickendes und zwackendes Familienbild pflegt?).
Keine Krippenplätze, keine Wahl
Politiker, hört bitte auf, tausend Gründe für oder gegen Krippen ins Feld zu führen. Nehmt einfach den einen Grund ganz ernst, der für mehr Krippenplätze spricht, und den zu gewichten eures Amtes ist: im Land eine Grundversorgung herzustellen, die es bisher noch nicht gibt. Nur dann haben auch jene die Wahl, arbeiten zu gehen, die sich weder Au-pair-Mädchen noch Tagesmütter leisten können. Wo es keine Krippenplätze gibt, da gibt es auch keine Wahl. Nicht umgekehrt. Und was heißt hier schon Wahl? Oft stellt sich diese Wahl als reiner Zwang heraus, weil immer mehr Familien ohne zweites Einkommen gar nicht mehr über die Runden kämen.
Und das Kindeswohl? Es gibt wenige Begriffe, die derart als Kampfvokabel missbraucht werden. Man schaue sich nur die Verballhornung des Kindeswohls im Unterhaltsrecht an! Wenn man etwas über diesen Begriff sagen kann, dann wohl dies: dass er nicht dafür taugt, von vornherein für oder gegen bestimmte Bedingungen des Aufwachsens herzuhalten. Das Kindeswohl kann überall leiden: in einer Krippe mit schlecht ausgebildeten Erzieherinnen; in einer traditionell genannten Familie, in der nicht mehr gesprochen wird; in einer Patchwork-Familie, in der sich nicht alle ein Bein ausreißen, damit die Kinder so wenig wie möglich unter der Trennung ihrer Eltern zu leiden haben.
Achtung vor den Müttern
Ja, das Kindeswohl muss den Vorrang haben. Aber man sollte sich nicht einreden lassen, das Kindeswohl sei durch bestimmte Lebens- oder Erziehungsmodelle zu garantieren, während es durch andere automatisch verlustig gehe. Was es gibt, sind Konstellationen, die das Kindeswohl mehr oder weniger wahrscheinlich machen. Unwahrscheinlich jedoch, sehr unwahrscheinlich, dass sich solche Konstellationen auf eine Krippendebatte abbilden lassen.
Er habe höchste Achtung vor Müttern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, erklärt Jörg Schönbohm. Ja, wer hat die denn nicht? Die Frage ist doch, was daraus folgt. Ob man meint, man untergrabe den Respekt für diese Mütter, wenn man für andere Mütter Krippen schafft? Herr Schönbohm, hallo: Hier geht es um Kinder, nicht um Autos! Hybridautos mögen sich zu einem Angebot entwickeln, das man nicht ablehnen kann. Krippenplätze jedoch können einem guten Gewissens auch gestohlen bleiben. Sie sollten nur, bitte, erst mal da sein.
Text: F.A.Z., 20.02.2007, Nr. 43 / Seite 31
Bildmaterial: Cinetext/Sammlung Richter