Papst-Rede

Die Muslime verdienen Besseres als die Islamisten

Von Christian Geyer

Eine ausgebrannte Kirche im Westjordanland

Eine ausgebrannte Kirche im Westjordanland

18. September 2006 Zu einem Kampf der Kulturen gehören zwei. Schon aus diesem Grund ist es barer Unsinn zu sagen: Jetzt haben wir ihn, den Kampf der Kulturen. Was wir jetzt haben, ist etwas anderes: Wir haben eine Seite, die in undiplomatischer Weise eine historische Quelle ohne quellenkritische Einordnung zitiert und diesen Fehler postwendend mit einer Klarstellung korrigiert.

Und wir haben eine andere Seite, die einen Zitatschnipsel hört und auf diesen Schnipsel hin postwendend brandschatzt, Menschenpuppen verbrennt, Bombendrohungen ins Internet stellt. Verdient eine derart asymmetrische Auseinandersetzung den Namen „Kampf der Kulturen“? Das hätten die Fanatiker nur allzu gerne.

Wer bestimmt, was Islamismus ist?

Die Muslime haben Besseres verdient als die Islamisten, heißt es zu Recht. Auf unseren Podiumsdiskussionen fehlt - ebenfalls zu Recht - nie die Stimme, die erklärt: Der Islam ist doch ganz anders. Aber wie weit trägt diese Begriffsbestimmung, der Islam sei ganz anders, wenn nicht gleichzeitig der Gegenbegriff zum Islam, der Islamismus, klar bestimmt werden kann?

Nach den letzten Tagen erscheint der Begriff des Islamisten unschärfer denn je. Welches Spektrum genau deckt er ab? Die Insassen der terroristischen Ausbildungslager? Oder auch schon den „Hitler“ skandierenden Mob? Akademisch artig ist die Antwort immer dieselbe: Islamisten sind jene, die aus dem Islam eine politische Ideologie machen. Was ist dann aber etwa mit dem sich laizistisch nennenden türkischen Politiker, der sich erst eilig des Zitatschnipsels bemächtigt, sodann mit ihm die muslimischen Massen gegen eine angeblich neue Kreuzfahrermentalität aufstachelt, um tags darauf bekanntzugeben, er habe die Rede, in der der Zitatschnipsel steht, gar nicht gelesen? Ein Islamist im laizistischen Schafspelz?

Puppenverbrenner und Kameraleute

Und was ist mit all den anderen Staatsvertretern, die statt zu mäßigen mit maßlosen Stellungnahmen anheizen und sehenden Auges die Dynamik der Gewalt recht eigentlich erst in Gang bringen? Sind diese Leute sämtlich im Sympathisantenfeld der Islamisten zu verorten? Sind die Puppenverbrenner Islamisten oder die Fernsehleute, die sie zum Feuermachen womöglich erst aufgefordert haben? Oder niemand von ihnen, weil beide, Puppenverbrenner und Kameraleute, nur das Spektakel des Augenblicks wollen und sonst nichts?

Wer dem Schlagwort vom Kampf der Kulturen etwas Aussagekräftiges entgegensetzen will, wer den Islam von seinen Verformungen unterscheiden will, der muß dem Islamismus seine Masken herunterreißen, muß sich mit all seinen Formen öffentlich auseinandersetzen dürfen. Das wird freilich so lange nicht gelingen, wie Islamisten die Spielregeln festlegen, nach denen über den Islam gesprochen werden darf. Und frech den Kampf der Kulturen ausrufen, sobald sich einer mit einem falschen Wort nicht an diese Spielregeln hält. Für ein falsches Wort hat es gestern ein Pardon gegeben. Kein Pardon gibt es für jenen erpresserischen Diskurs, bei dem über jedem falschen Wort eine Bombe hängt.

Text: F.A.Z., 18.09.2006, Nr. 217 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

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