Restitutionspolitik

Minister Neumann wird konkret

Von Heinrich Wefing

05. November 2006 Spätestens am nächsten Donnerstag werden wir wissen, was Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Berliner Straßenszene“ von 1913, das bis Ende Juli im Berliner Brücke-Museum hing, dem internationalen Kunstmarkt wert ist. Dann wird sich zeigen, ob die Spekulation aufgegangen ist, dieses Spitzenwerk des deutschen Expressionismus für den doppelten Preis, den ein Kirchner bislang je erzielt hat, in den Handel zu bringen, statt sich auf das moderatere, freilich immer noch imposante Angebot von zehn bis zwölf Millionen Euro einzulassen, das der Berliner Senat der Erbin des ehemaligen jüdischen Eigentümers geboten hatte, um den Kirchner in Berlin zu halten.

Das ist eine Frage, die beileibe nicht nur die Auktionshäuser in Atem hält. Von dem Ergebnis der Versteigerung bei Christie's in New York dürfte mit abhängen, ob es weiterhin massive wirtschaftliche Anreize gibt, ehemals jüdischen Kunstbesitz aus deutschen Museen zurückzufordern, um ihn dann rasch auf den erhitzten Markt zu werfen. Vergleichbare Fälle hat es zuletzt mehrfach gegeben. Unter Kuratoren und Kunsthistorikern geht deshalb derzeit die Sorge um, hier könne sich eine Praxis etablieren, die die politisch-moralische Selbstverpflichtung der Bundesrepublik, Opfern des Nationalsozialismus ihren Kunstbesitz zurückzugeben, für hochpreisige Geschäfte ausnutzt.

Die Diskussion beginnt jetzt erst

Nun will sich auch das Kanzleramt, das bislang nicht durch übermäßiges Engagement in dieser Sache aufgefallen war, dieser Sorgen annehmen. Für den 20. November hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) an die zwanzig Museumsvertreter und Juristen zu sich gebeten, um, wie es im Einladungsschreiben heißt, „Erfahrungen aus der Restitutionspraxis“ auszutauschen und „konkrete Hinweise zu einer möglichen Optimierung der ,Handreichung' zu erhalten“. Die im Jahr 2001 von Bund, Ländern usnd Gemeinden verabschiedete „Handreichung“ definiert bislang die Rückgaberegeln, war aber zuletzt wegen ihrer Tendenz zur Rückgabefreundlichkeit scharf kritisiert worden.

Auf Neumanns Gästeliste stehen neben anderen Klaus-Dieter Lehmann von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Isabelle Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, und Michael Eissenhauer, der Präsident des Deutschen Museumsbundes. Im Einladungsschreiben hat Neumann auch einige der derzeit erörterten Reformanregungen aufgenommen. So will er mit den Fachleuten über Vorschläge zur „Einführung von Verjährungs- oder Ausschlußfristen sowie eine Meldepflicht für Restitutionsforderungen“ diskutieren. Lehmann begrüßte die Initiative und erklärte, er werde mit konkreten Vorstellungen in das Gespräch gehen. Auch Martin Roth, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, äußerte sich zustimmend, bemerkte aber skeptisch, ohne eine Einbeziehung der Länder sei ein isolierter Vorstoß des Bundes wenig erfolgversprechend. Ganz gleich also, welchen Preis der Kirchner bei Christie's erzielt - die von seiner Rückgabe ausgelöste Diskussion beginnt jetzt erst.



Text: F.A.Z., 06.11.2006, Nr. 258 / Seite 40

 
 
 
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