Wahlkampf

Die politische Theologie des Barack Obama

Von Jonathan Raban

Woran glaubt Obama?

Woran glaubt Obama?

13. Januar 2008 Glaube - das ist das Sesam-öffne-dich in Barack Obamas Vokabular. Vor einer Woche, nach seinem Triumph beim Caucus in Iowa, erklärte er seinen begeisterten Zuhörern, dass sich Amerika an diesem Tag an die Bedeutung des Hoffens erinnert habe, und schloss mit dem heiseren Jubelruf: „Wir sind bereit, wieder zu glauben!“

Im Vorlesungsverzeichnis der Universität Chicago, deren juristische Fakultät für ihre konservative Ausrichtung bekannt ist, wird der Verfassungsrechtler Obama noch immer mit dem Zusatz „z.Zt. beurlaubt“ geführt. Zehn Kilometer vom Campus entfernt, in der South Side von Chicago, befindet sich die Trinity United Church of Christ, der Obama angehört und deren Pastor, Reverend Dr. Jeremiah Wright, ein Apostel der schwarzen Befreiungstheologie, in seinen mitreißenden Predigten von den Kämpfen der „afrikanischen Diaspora“ unter dem Joch der „weißen Herren“ spricht, die im „amerikanischen Imperium“ die Macht haben.

Politische Beweglichkeit

Die Trinity United Church of Christ in Chicago

Die Trinity United Church of Christ in Chicago

Obamas Zugehörigkeit zu beiden Institutionen, der radikalen schwarzen Kirche und der konservativen Juristenfakultät, macht deutlich, welche Kluft dieser jüngste Kandidat von Hoffnungen und Träumen zu überbrücken sucht. Es ist überdies ein Zeichen seiner politischen Beweglichkeit, dass der Verfassungsrechtler es geschafft hat, die Sprache der schwarzen Befreiungstheologie in eine für die weiße Mittelschicht akzeptable - und offenbar auch gewinnende - Form zu gießen.

Vorsichtig und abwägend äußert sich Obama zu religiösen Glaubensinhalten. Ein Gespräch mit einer seiner jungen Töchter, in dem es um das Thema Tod ging, hat er so in Erinnerung: „Ich habe mir überlegt, ob ich ihr wahrheitsgemäß sagen sollte, dass ich nicht sicher bin, was mit uns nach dem Tod passiert, dass ich nicht weiß, wo der Sitz der Seele ist oder was vor dem Urknall war.“ Man wird also annehmen dürfen, dass Obama im Grunde nicht an ein Jenseits oder an die Schöpfung glaubt.

Vorsichtig formuliertes Bekenntnis

Sein Bekehrung zum Christentum Wrightscher Prägung war „eine Entscheidung und keine Offenbarung“, sie erwuchs aus seiner Bewunderung für „Glaubensgemeinschaften“ und die sinnstiftende Orientierung, die sie ihren Mitgliedern bieten. „Die Amerikaner wollen ihr Leben in einen großen Zusammenhang stellen können. Sie wollen aus einer chronischen Einsamkeit herausfinden“, sagt Obama. „Sie sind nicht dazu verurteilt, diesen langen Weg in ein Nichts zu gehen.“ Und über sich und seinen Weg zur Trinity United Church sagt er: „Ohne ein Gefäß für meine Ansichten, ohne Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft würde ich auf einer bestimmten Ebene immer am Rand stehen und allein sein.“ Es charakterisiert Obama, dass ein so vorsichtig formuliertes Bekenntnis Atheisten und Gläubige zugleich anspricht.

Trinity United ist eine Welt voller Bilder. Die Heimsuchungen der Kinder Israels durch Kaiser und Könige übersetzt Reverend Wright in das Leid der Afroamerikaner von heute. Obama beschreibt in seiner Autobiographie, wie er, als Streetworker in Chicago der schwarzen Kultur noch einigermaßen fern, in Wrights Kirche seine Bekehrung erlebte: „Hier, unter diesem Kreuz, sah ich die Geschichten von Schwarzen eins werden mit den Geschichten von David und Goliath, von Moses und dem Pharao, von den Christen in der Löwengrube, von Hesekiels Totenfeld. Diese Geschichten von Überleben und Freiheit und Hoffnung waren unsere Geschichten, meine Geschichte.“

Immer noch gibt es Sklaverei

In Wrights Weihnachtspredigt zum Thema „Die frohe Botschaft in schweren Zeiten“ verschmelzen Nebukadnezar, Cäsar, Augustus und George W. Bush zu einer Figur, und die amerikanische Besatzung des Iraks, die babylonische Besatzung Jerusalems und die römische Besatzung von Galiläa werden eins. In der allgemeinen Tyrannei von „kapitalistischer Gier und zügellosem Rassismus“ florieren Aids, Vergewaltigung, Mord, Ungerechtigkeiten aller Art. Immer noch gibt es Sklaverei, und überall sieht man Verräter an ihresgleichen - wie etwa den schwarzen Republikaner Alan Keyes und den Obersten Bundesrichter Clarence Thomas. Schlechte Zeiten. „Aber so bleibt es nicht - morgen wird eine große Freude heranbrechen.“

Abrupt wechselt Wright die Tonart, kommt nach einer atemberaubenden Tour durch 2500 Jahre Unterdrückung und Leid plötzlich zur frohen Botschaft und versetzt seine Gemeinde geradezu in Ekstase, wenn er mit lauter, schneller Stimme von der kommenden Erlösung spricht: „Die frohe Botschaft gilt allen Menschen! Nicht den Weißen - allen Menschen. Nicht den Schwarzen - allen Menschen. Nicht den Reichen - allen Menschen. Nicht den Armen - allen Menschen. Ja, ich weiß, was jetzt kommt, gefällt euch nicht: Nicht den Heteros - allen Menschen. Nicht den Schwulen - allen Menschen, nicht den Amerikanern - allen Menschen . . . Jesus ist für die Iraker und Afghanen gekommen. Jesus ist für die Iraner und Ukrainer gekommen. Für alle Menschen! Jesus ist Gottes Geschenk für die Brüder im Knast und für die gefährdeten Schwestern . . . Der Herr hat seinen Palast verlassen, um zu all jenen zu kommen, die ihr liebt, jawohl, aber er ist auch zu denen gekommen, die ihr nicht ausstehen könnt.“

Ein rhetorischer Trick

In abgrundtiefer Verzweiflung Hoffnung herbeizuzaubern ist natürlich ein rhetorischer Trick, aber Wright macht seine Sache sehr gut, und man merkt sofort, wie viel Obama von ihm gelernt hat. Der Titel von dessen letztem Buch, „The Audacity of Hope“ (wörtlich „Die Kühnheit der Hoffnung“, auf Deutsch 2007 als „Hoffnung wagen“ erschienen“), geht auf eine Predigt Wrights über ebendieses Thema zurück, und auch Obamas Reden sind durchsetzt mit Wrightismen - aber seine Prägung durch den Reverend geht noch tiefer. Während Wright die Menge mit der zentralen Botschaft der Befreiungstheologie in seinen Bann schlägt - dass wir überall in Ketten sind, uns aber der Erlösung durch den lebendigen Christus sicher sein können -, verzaubert Obama, wenn er in Form ist, seine mehrheitlich weißen Zuhörer mit der gleichen Geschichte, jedoch säkular erzählt und ohne jeden Bezug auf spezifisch schwarze Erfahrungen.

Wenn Wright von „weißen Rassisten“ spricht, spricht Obama von „Wirtschaftslobbyisten“, wenn Wright von „Schwarzen“ spricht, spricht Obama von „hart arbeitenden Amerikanern“ oder „Amerikanern ohne Krankenversicherung“, wenn Wright schwarzen Slang spricht, spricht Obama kultiviertes Ostküstenenglisch. Aber seine Reden sind genau so strukturiert wie Wrights Predigten, genau so geschickt leitet er von Benachteiligung und Unterdrückung zur Frohen Botschaft über.

Die ganze Nation ansprechen

In der Grundsatzrede, mit der Obama auf dem Parteitag der Demokraten 2004 hervortrat, setzte er die Rhetorik der Trinity United maßgeschneidert ein, um die ganze Nation anzusprechen. Zuerst die schlechten Zeiten: die missbrauchte Verfassung, die weltweite Verachtung für Amerika, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, horrende Arztkosten, das unzulängliche Bildungssystem, die verkrüppelt heimkehrenden Veteranen, die in „Gewalt und Hoffnungslosigkeit“ versinkende Jugend. Und dann die frohe Botschaft: „Es gibt nicht ein liberales und ein konservatives Amerika - es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt nicht ein schwarzes Amerika und ein weißes Amerika und ein Amerika der Latinos und der Asiaten - es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika . . .“

Als Obama schließlich seine „Politik der Hoffnung“ vorstellte, schien in Gefühlslage und Phrasierung die Stimme von Jeremiah Wright anzuklingen: „Ich spreche nicht von einem blinden Optimismus . . . Ich spreche von etwas Tieferem . . . Die Hoffnung von Sklaven, die um ein Feuer sitzen und Lieder von der Freiheit singen. Die Hoffnung von Einwanderern, die sich auf den Weg in ein fernes Land machen . . . Die Hoffnung eines dünnen Jungen mit einem komischen Namen, der daran glaubt, dass Amerika auch für ihn einen Platz hat. Hoffnung angesichts von Schwierigkeiten, Hoffnung angesichts von Unsicherheit, die Kühnheit der Hoffnung! Das ist letztlich Gottes größtes Geschenk für uns, das Fundament dieser Nation, der Glaube an Ungesehenes, der Glaube an eine bessere Zukunft.“ Gott findet obligatorisch Erwähnung, aber das eigentliche göttliche Wesen ist Amerika, eine mystische Gemeinschaft, die das gleiche Versprechen auf wundersame Befreiung entbietet wie Jesus in den Predigten von Reverend Wright.

Das Versprechen des „großen narrativen Bogens“

Diese mit stürmischem Beifall aufgenommene Parteitagsrede gibt das Modell für Obamas jetzige Wahlkampfauftritte ab, bei denen seine Version der Frohen Botschaft in schlechten Zeiten immer wieder die Zuhörer fasziniert. Sein offenkundiger Intellekt aber, sein juristischer Sachverstand, die speziellen Unterschiede zwischen seinem und Hillary Clintons Gesundheitsprogramm oder seine Ansichten zur Vorschulerziehung - all das lockt die Leute nicht zu seinen Auftritten. Es ist vielmehr das Versprechen des „großen narrativen Bogens“, den die Kirchen laut Obama den Schwarzen gebracht haben. Die Leute wollen die Predigt hören, nicht seine wohlformulierten Gedanken zur Außen- oder Wirtschaftspolitik. Dieser skrupulöse Agnostiker soll ihnen die ekstatischen Tröstungen einer alten Religion bieten - die Vision eines Amerika, das die Unterschiede von Hautfarbe, Klasse und Partei überwindet und dem Land, zerrissen unter einer Regierung, die sich von den Grundprinzipien der Nation entfernt hat, zu neuer Eintracht verhilft.

Am Ende dieser Veranstaltungen sieht man oft Langeweile und Enttäuschung in den Gesichtern der Leute, die den Evangelisten hören wollten und den kompetenten Politiker bekamen. Problematisch für seinen Wahlkampf ist, dass mehrere Obamas unterwegs sind: der allseits beliebte charismatische Prediger, der gewandte, gut vorbereitete Experte und der schlanke Mann im dunklen Anzug, der so sehr in seinen Überlegungen versinken kann, als spräche er zu sich selbst - Hamlet, über den Zustand im Staate Dänemark sinnierend. Und dann gibt es noch den Mann, der viel jünger aussieht als seine sechsundvierzig Jahre, ein schlaksiger Kerl mit Segelohren, jener Obama, den Maureen Dowd, die Kolumnistin der „New York Times“, als „Wunderkind“ bezeichnete. Bei diesem letzten Obama leidet man mit - besonders bei Debatten, so wie man mit dem eigenen Sohn leidet, der beim Schultheater auftritt und dem man die Daumen drückt, dass er nichts vermasselt.

In Obamas sakralisierten „Vereinigten Staaten von Amerika“ setzen sich Menschen an einen Tisch, die geglaubt hatten, einander spinnefeind zu sein - Republikaner sprechen mit Demokraten, Amerikaner mit Iranern und Syrern. Obama hat dies so überzeugend dargelegt, dass immer mehr Republikaner ihn unterstützen, obwohl seine politischen Auffassungen deutlich links von der heutigen Republikanischen Partei angesiedelt sind. Am 27. Dezember hatte er in Iowa verkündet, dass er angetreten sei, „eine Nation zu heilen und die Welt zusammenzubringen“. Es sagt viel über die Zerrissenheit Amerikas, dass sogar Republikaner nach einem Mann wie Obama hungern.

Jonathan Raban, geboren 1942 in England, lebt seit 1990 als Reiseschriftsteller und Publizist in Amerika. Unter anderem schrieb er 1989 das Buch „God, Man and Mrs. Thatcher“ über die politische Rhetorik der damaligen britischen Premierministerin. © Guardian News and Media Ltd. 2008. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.



Text: F.A.Z., 12.01.2008, Nr. 10 / Seite 33
Bildmaterial: AFP, AP

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