Palast der Republik

Preis der Sehnsucht

Von Heinrich Wefing

19. August 2005 Wenn am kommenden Mittwoch Bundestagspräsident Thierse, Kulturstaatsministerin Weiss und Bauminister Stolpe die neueste Studie über die Zukunft des Berliner Schloßplatzes vorstellen werden, wird es nur zufriedene Gesichter geben und lauter Gewinner. Das ist natürlich keine Überraschung. Was immer eine Regierung in der Hitze des Wahlkampfs über ihre Arbeit verkündet, klingt nach Erfolg und Gelingen.

Mitunter allerdings verbergen sich hinter den grellgeschminkten Verlautbarungen tatsächlich erfreuliche Nachrichten. Für den Berliner Schloßplatz lauten sie: Er wird nicht verhökert oder banalisiert, hinter den historisch exakt wiederaufzuführenden Barockfassaden wird keine luxuriöse shopping mall einquartiert, und es besteht sogar eine Chance, daß die öffentliche Hand die Rekonstruktion des 1950 abgerissenen Hohenzollernschlosses als Kulturpalast in absehbarer Zeit mit überschaubarem Aufwand bezahlen kann. Das ist denn doch eine Überraschung.

Inbesitznahme durch die Kultur rechnet sich

Der Reihe nach. Das Gutachten, das der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, wurde im Auftrag von Bund und Land von zwei privaten Beratungsunternehmen gemeinsam mit dem Architekturbüro Hemprich-Tophof angefertigt. Auf reichlich hundertfünfzig Seiten legt es verschiedene Möglichkeiten dar, das Schloßareal zu nutzen, wägt die Rentabilität dieser Nutzungsalternativen ab und prüft unterschiedliche Modelle, die Funktionsoptionen von öffentlichen und privaten Bauherren in diversen Kooperationsformen finanzieren zu lassen.

Eine derart breit aufgefächerte Untersuchung zu den Potentialen der kostbarsten Brache Berlins hat es selten gegeben. Wer sich einmal durch das Gestrüpp der Zahlen und Prognosen geschlagen hat, kommt zu einer erstaunlichen Erkenntnis. Die weithin favorisierte Nutzung des Schloßareals durch die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die Inbesitznahme des einstigen Ortes des Souveräns durch die Kultur also, ist die einzige Lösung, die sich rechnet. Gesellschaftlich, aber eben auch ökonomisch.

Kein Bürokomplex hinter alten Fassaden

Den Ausschlag gibt dabei, und das ist allerdings eine feine Pointe, ausgerechnet die Entscheidung des Bundestages für die Wiederherstellung der Schloßkubatur und die Rekonstruktion der Barockfassaden samt Kuppel, Schlüter- und Eosanderhof sowie einiger Prunkgemächer. Dieser Beschluß hat Folgen, die weit über das Ästhetische und Symbolische hinausgehen. Die historische Architektur mit ihren Raumhöhen, Fensterachsen und Prachtportalen schließt bestimmte zeitgenössische Verwendungen zwingend aus. Nach Auffassung der Gutachter ist es beispielsweise unmöglich, hinter den alten Fassaden einen Bürokomplex einzurichten.

Der nämlich bedürfe, um sich rentabel vermieten oder verkaufen zu lassen, flexibler Grundrisse und variabler Gestaltungen, die mit den historischen Vorgaben notwendig kollidieren müßten. Hinzu kommt der massenhafte Leerstand von Büroimmobilien in Berlin. Auch ein hochwertiges Einkaufszentrum, das zum Erfolg viele Zugänge und eine übersichtliche Erschließung brauchte, lasse sich nicht sinnvoll hinter den Schlüterschen Prachtfronten einrichten, schreiben die Fachleute. Mit anderen Worten: Die Sehnsucht nach dem Alten hat ihren Preis.

Risiko für die Verfechter der Barockfronten

Diese Einsicht birgt ein gewisses Risiko für die Verfechter der historischen Fassaden. Bislang hatten sie stets argumentiert, die Barockfronten würden lediglich Mehrkosten in Höhe von etwa achtzig Millionen Euro verursachen, die durch Spenden aus der Bevölkerung aufgebracht werden sollen. Nun stellt sich aber heraus, daß der Wille zur Rekonstruktion mindestens indirekt teurer wird, weil er potentiell gewinnträchtige Nutzungen verbietet. Wer partout darauf aus ist, die öffentlichen Kassen zu schonen, könnte auf diese Rechnung die Forderung gründen, kurzerhand auf die Schlütersche Außenhaut zu verzichten.

Bundesbauminister Stolpe hat zwar Andeutungen in diese Richtung im Gespräch mit der F.A.Z. korrigiert (Siehe auch: Interview: „Dieser Schandfleck muß verschwinden“), im von Amts wegen knauserigen Bundesfinanzministerium hingegen mag man das anders sehen. Die scharfen Rechner dort hatten im Frühjahr auch schon einmal erwogen, die Museen vom Schloßplatz hinunterzukomplimentieren. Warum dann nicht auch die Architektur in Frage stellen?

Verbindung von Kultur und Luxushotel?

Bleibt es hingegen bei der zweimal vom Parlament bekräftigten Aufrichtung der historischen Fassaden, dann verspricht nach Auffassung des Schloßplatz-Gutachtens lediglich die Ergänzung der geplanten Museums- und Ausstellungsräume mit einem Luxushotel und einer Tiefgarage nennenswerte Einnahmen.

Vorausgesetzt, es läßt sich ein erlesener, international erfahrener Betreiber für dieses Haus im hart umkämpften Markt der Berliner Fünfsternehotels finden. Dann jedenfalls könne die Verbindung von Gastronomie und den Veranstaltungsbereichen des "Humboldt-Forums" eventuell Gewinn abwerfen und das Projekt insgesamt befördern; zwingend sei das allerdings nicht.

Idealer Ort für das Bundeskulturministerium

Erwägenswert sei ferner die Einrichtung einer privat betriebenen Kunsthalle, so sich dafür ein Mäzen oder Sammler finde, der an denkbar prominentem Ort seine Kollektion präsentieren wolle - auf eigene Kosten und eigenes Risiko allerdings. Schließlich formulieren die Autoren der Untersuchung noch den Gedanken, ob nicht ein Ministerium oder eine größere Behörde ihren Sitz im Schloß nehmen könnte. Das ist durchaus ernst zu nehmen.

In wenigen Jahren beispielsweise läuft der Mietvertrag des Bundesinnenministeriums in einem Bürokomplex in Moabit aus und soll erklärtermaßen nicht verlängert werden. Oder aber es wird in absehbarer Zeit doch ein vollwertiges Bundeskulturministerium geschaffen, das dann aus dem Kanzleramt ausziehen müßte. Ließe sich in Berlin ein gefälligerer Dienstsitz für diese Behörde denken als das Schloßareal, in unmittelbarer Nachbarschaft der Museumsinsel?

Finanzierungsmodell zur Entlastung der öffentlichen Hand geplant

Ähnlich viel Aufmerksamkeit wie der Nutzungsproblematik widmet die Schloßplatzstudie der Frage nach der Finanzierbarkeit des enormen Projekts. Sie rechnet mit Baukosten zwischen fünfhundert und achthundert Millionen Euro bei einer Bauzeit von etwa sechs Jahren. Um die geplünderten öffentlichen Haushalte nicht weiter zu überlasten, favorisieren die Gutachter als Finanzierungsmodell ein Zusammengehen von Staat und Privaten, ein Public-private-Partnership.

Auf diese Weise sei es möglich, heißt es, die jährliche Kostenbelastung für die öffentliche Hand auf Beträge zwischen zwanzig und vierzig Millionen Euro zu begrenzen; eine Summe, die allerdings an die dreißig Jahre lang zu zahlen wäre. Gleichwohl ein überschaubarer, angesichts manch anderer Budgets geradezu bescheidener Batzen Geld. Ließe sich dafür tatsächlich das Berliner Schloß als Ort der Weltkultur wiederaufrichten, wäre die neueste Studie - ohne Frage - eine gute Nachricht.



Text: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
 
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