Hauptbahnhof Berlin

Nicht nach Mehdorns Geschmack

Von Dieter Bartetzko

Der Architekt, wie er den Hauptbahnhof sah

Der Architekt, wie er den Hauptbahnhof sah

28. November 2006 Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Deshalb mag die Aussicht mürrisch stimmen, daß Berlins funkelnagelneuer, im Mai dieses Jahres eröffneter Hauptbahnhof sich bald wieder in eine Großbaustelle verwandeln könnte. Doch das erscheint nahezu unausweichlich, seit gestern nachmittag das Berliner Landgericht in Person des Vorsitzenden Richters Peter Scholz der Klage des Architekten Meinard von Gerkan gegen die Deutsche Bahn stattgegeben hat.

In diesem Prozeß ging es darum, daß die Bahn wider den Einspruch von Gerkans im Untergeschoß des Bahnhofs statt der geplanten gewölbten Decken von einem anderen Architekten Flachdecken hatte einziehen lassen. Die Kosten für den nachträglichen Umbau, gegen den die Deutsche Bahn erwartungsgemäß in die Berufung gehen will, werden auf etwa vierzig Millionen Euro beziffert, die Bauzeit würde etwa drei Jahre dauern.

Kein eitler Stararchitekt

Das sind Zahlen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Trotzdem wäre es falsch, in Meinhard von Gerkan einen eitlen Stararchitekten zu sehen, den auch Unsummen nicht davon abschrecken, sein Künstler-Ego zu hätscheln. Im Gegenteil, der Architekt hat während der langwierigen Bauarbeiten und Tausender zäher Auseinandersetzungen mit seinen Bauherren ebenso viel Langmut gezeigt wie die Bahn Kurzsichtigkeit. So nahm er es sogar - empört - hin, daß die monumentalen gewölbten Glasdächer über den oberirdischen Gleisanlagen um einhundert Meter verkürzt wurden - ein Eingriff, der die Proportionen dieses als Prestigebau der Bahn AG wie der Hauptstadt geplanten Gebäudes entscheidend veränderte.

„Mein Motiv der Klage“, so von Gerkan, „ist es, die Verantwortung eines Bauherrn aufzuzeigen. Man kann ein Bauwerk nicht einfach verstümmeln und verunstalten.“ Damit dürfte der Architekt momentan vor allem in Frankfurt am Main auf offene Ohren stoßen. Denn hier wogt seit Wochen ein erbitterter Streit (siehe: Debatte um den Umbau der Frankfurter Großmarkthalle geht weiter) um Martin Elsaessers 1926 erbaute denkmalgeschützte Großmarkthalle, die von ihrem neuen Besitzer, der Europäischen Zentralbank, zum integralen Bestandteil ihrer Zentrale werden soll, die in einem gläsernen Doppelhochhaus residieren wird.

Parallelen zum Streit um Frankfurts Großmarkthalle

Als Bauherr fühlt das Unternehmen sich berechtigt, einen Glaskeil durch den Altbau zu treiben, den es selbst als Bereicherung, weite Teile der Öffentlichkeit dagegen als Verstümmelung ansehen. Doch wo die Bahn für ihren nachträglichen entstellenden Umbau in Berlin erst einen willigen Architekten finden mußte, hatte in Frankfurt die EZB von Anfang an einen willigen Architekten zur Seite - das Team Coop Himmelb(l)au, das sich wenig um die Urheberrechte seines längst verstorbenen Kollegen Elsaesser schert.

Zwei Fragen sind der Kern des Problems, um das es in Frankfurt wie in Berlin geht: Dürfen Bauherren öffentlicher Gebäude sich nach Gutdünken über die Urheberrechte von Architekten hinwegsetzen, und dürfen sie im Namen der Rentabilität und Wirtschaftlichkeit ästhetische Konzepte über den Haufen werfen?

Überwältigende Ästhetik stümperhaft reduziert

Die überwältigende Ästhetik des Berliner Hauptbahnhofs ebenso wie ihre stümperhafte Reduktion sind jederzeit von jedermann erlebbar: Wie Kristall gewordene, auf der Stelle vibrierende dynamische Bewegung erheben sich die beiden gläsernen Tonnengewölbe der oberen Bahnsteighallen vor dem Regierungsviertel. Sinnfällig gebändigt wird ihr Vorwärtsdrang von ebenfalls verglasten querliegenden Hochhäusern, die sie Halt gebend durchstoßen. Der Schwung dieses Bahnhofsbaus teilt sich dem Ankommenden und Abreisenden mit, wird verstärkt, wenn man sich in seinen inneren Hallen bewegt, durch die großzügig das Tageslicht von oben flutet.

Daß dank der Sparmaßnahmen der Bahn AG, die die Gleishallen von 450 auf 320 Meter verkürzte, ein leichtes proprotionales Ungleichgewicht zwischen den langgestreckten und den aufragenden Bautrakten besteht, mag nur eingeschworenen Architekturliebhabern ins Auge fallen. Jeder Besucher des Bahnhofs aber bemerkt das abrupte Ende des beschwingten Zaubers, den die oberirdische Architektur dennoch ausstrahlt, sobald er die unterirdischen Bahnsteige betritt. Man begegnet dort „der jammervollsten aller Flachdeckenlösungen, Streifen aus grauem Glattblech“, wie Horst Bredekamp seinerzeit in dieser Zeitung schrieb.

Bunkergefühle unter dem Flachdach

Klaustrophobisch niederdrückend, lösen diese Konstruktionen Beklemmung aus, Bunkergefühle. Das ist der Ersatz für Meinhard von Gerkans geplante Überwölbung der unteren Stockwerke, die mit weit ausladenden Spitzbögen eine Halle geschaffen hätten, die, wie es schon in den Bahnhofsarchitekturen des neunzehnten Jahrhunderts der Fall gewesen ist, eine technologisierte Variante der schwebeleichten Bogenhallen maurischer Architekturen geworden wäre. Geblieben davon sind die schlanken, perspektivisch endlosen Pfeilerfolgen, die nun aber in einer Art plumper Rundmanschette verschwinden, als wären sie sinnlos.

Sage niemand, dies sei eine leicht zu verschmerzende Einschränkung: Das, was Aby Warburg das „Menschenrecht des Auges“ genannt hat, ist mehr denn je in Kraft. Denn die gute Seite unserer bildwütigen und bildsüchtigen, nach Erlebnisarchitekturen gierenden Zeit ist es, daß sie allgemein das Wahrnehmungsvermögen geschärft hat.

Die Zigtausende Bahnreisende, die täglich Berlins Hauptbahnhof frequentieren, wissen die Ästhetik seiner Architektur ebenso einzuschätzen wie die Höhe ihrer Fahrpreise. Herr Mehdorn und seine Mitstreiter haben sich darüber hinweggesetzt. Meinhard von Gerkan aber und das Berliner Landgericht haben für das Menschenrecht des Auges entschieden. Man wird sehen, ob dieses Urteil Einfluß hat auf die Entscheidungen, die in Frankfurt bezüglich der Großmarkthalle und der architektonischen Selbstdarstellung der Europäischen Zentralbank gefällt werden.

Der neue Berliner Hauptbahnhof wurde im Mai eröffnet und gilt als der teuerste Bahnhofsneubau seit 1945. Das Prestigeobjekt kostete samt Einkaufszentrum schätzungsweise 700 Millionen Euro. Blickfang in dem von Meinhard von Gerkan entworfenen Ensemble sind die gläsernen Hallendächer. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer hat sich der Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt bewährt.

Der Hauptbahnhof mit seinen fünf Geschossen gilt als eine Meisterleistung moderner Ingenieurbaukunst, manche schwärmen sogar von einer „Kathedrale des Reisens“. Er ist der Nachfolgebau des Lehrter Kopfbahnhofs, der von 1871 bis 1959 an dieser Stelle stand. Den Namen Lehrter Stadtbahnhof trug danach noch der benachbarte S-Bahnhof, bis dieser 2002 für den Neubau weichen mußte.

Architekt von Gerkan hat sich nicht nur gegen die Veränderung der ursprünglich geplante Gewölbedecke im Untergeschoß gewehrt, sondern auch moniert, daß das Glasdach um 100 Meter verkürzt wurde. Die Berliner im Westen der Stadt nahmen es der Bahn übel, daß der Bahnhof Zoo vom Fernverkehr abgekoppelt wurde. Die Eröffnungsfeier Ende Mai wurde vom Amoklauf eines Jugendlichen überschattet, der in der Menge mit einem Messer auf zahlreiche Menschen einstach.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AP
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, F.A.Z., F.A.Z.-Helmut Fricke, gmp, REUTERS

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