Opus Dei

Als wäre die Welt ein Trivialroman

Von Christian Geyer

18. Mai 2006 In welchem Film lebt ein Opus-Dei-Sprecher, der zur Erläuterung einer gewiß auch innerkirchlich erläuterungsbedürftigen asketischen Praxis das Tragen eines Bußgürtels jovial mit dem Training im Fitnesstudio vergleicht?

Ersteres finde er weitaus mühsamer als letzteres, läßt er in einem Anflug von „Natürlichkeit“ wissen. Im übrigen hätten Mutter Teresa und andere Heilige der Kirchengeschichte die stacheligen Werkzeuge auch benutzt, und Blut fließe ohnehin nie. Ja, man könne das alles im Grunde auch sein lassen und zum zeitgemäßeren Fasten übergehen. Man lasse es aber nicht sein. Daß die säkulare Welt bei so viel Natürlichkeit nun nicht Aha sagt, sondern Upsassa und denkt, sie sitze im falschen Film, ist wahrscheinlich kein Mangel, sondern ein Ausweis von natürlicher Kultur.

Die Fiktion erschließt sich von selbst

Ob man dem Film nicht einen Vorspann vorschalten könne, des Inhalts, man habe es beim Da-Vinci-Code mit einer fiktiven Geschichte zu tun. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen und Institutionen seien rein zufällig. Die Bitte des Opus Dei, den Film gleichsam in Anführungszeichen zu setzen, blieb unerfüllt. Spionage-Thriller, so sagte der Regisseur zur Begründung, begönnen nun einmal nicht damit, daß sie sich selbst fiktionalisierten. Recht hat der Regisseur. Was er aber zu sagen vergaß und was wir erst seit heute wissen: daß der Film offenbar so schlecht gemacht ist, daß sich seine Fiktivität auch dem gläubigsten Jünger Dan Browns ganz von selbst erschließt.

Man kann den Wunsch des Opus Dei, die konkrete Welt des Sakrileg-Films in Anführungszeichen zu setzen, als fiktives Lektüreexperiment freilich auch einmal anders lesen: als Ausdruck des Wunsches, die Welt generell in Anführungszeichen zu setzen, als institutionelle Selbstauskunft über das Weltverständnis, das zur „Heiligung“ ansteht. Denn dazu ist das weltweit vertretene Opus Dei als Personalprälatur der katholischen Kirche approbiert: das Christentum „mitten in der Welt“, also bei Ärzten und Eisverkäufern, Hochschulprofessoren und Pförtnern, präsent zu machen.

Ist es „unsere“ Welt?

Die Frage ist, um welche Welt es geht. Ist es „unsere“ Welt? Oder eine künstliche Welt, deren Präparatcharakter schon dadurch sinnfällig würde, das man sie als „Welt“ (von welchem nichtweltlichen Standpunkt auch immer) vergegenständlicht - eine Quasi-Welt mit Vorspann, in der unter Stichworten wie „Einheit des Lebens“ oder „Perfektion in den kleinen Dingen des Alltags“ alles unmittelbar zu Gott ist. Ist Kultur auch hier jene Hülle, die notgedrungen alles einschließt, das Göttliche wie das Menschliche? Oder ist das Göttliche eine aus der Kultur herauspräparierbare und als solche auch identifizierbare Größe?

Ein klitzekleines Beispiel von vorgestern, das zu denken gibt: Der Erfolg des Da-Vinci-Codes sei ein typischer Fall von „kulturellem Nutznießertum“, das sich an der Gestalt Jesu bereichere, ließ ein Opus-Dei-Sprecher wissen. Man muß den Begriff „Opus Dei“ (Werk Gottes) schon sehr weltlos, sehr akulturell denken, um das einzusehen. Sollte sich das Opus Dei - bei allem Anspruch, Gott in der Kultur sichtbar zu machen - selbst nicht als kulturelle Tatsache verstehen?

Kriterien der Heiligkeit

Wo aber Evidenzen vom Himmel fallen, statt kulturell erzeugt zu sein, ist der Vorwurf der Geheimniskrämerei, welcher das Opus Dei auch jenseits von Dan Brown wie ein Strukturmerkmal prägt, kein Wunder. So jedenfalls legt es die gut recherchierte, wenn auch die Linien nur selten ausziehende Monographie des CNN-Korrespondenten John Allan nahe, die unter dem Titel „Opus Dei“ soeben im Güterloher Verlagshaus erschien. Demnach würde man, denkt man Allan zu Ende, in den natürlichen Film der Welt jene Regieanweisungen hineinlegen, die man hernach als Kriterien der Heiligkeit wieder aus ihm herausliest: Ordnung und Pünktlichkeit, Sauberkeit und Sparsamkeit, Freude und Natürlichkeit. Ehrenwerte Tugenden also, die aber im Opus Dei den Charakter von lauter geistlichen Dingen an sich annehmen. Als wäre die Welt ein Trivialroman.

Christliches Leben tritt, so gesehen, als eine Spielart der Willensphilosophie auf: Man bricht den „Willen Gottes“ im Himmel derart auf die „kleinen Dinge“ der Erde herunter, daß ein blitzblankes, aufgeräumtes Wohnzimmer am Ende nicht nur angenehmer, sondern auch „christlicher“ ist als eine verwuschelte Räuberhöhle. Steckt der liebe Gott tatsächlich auf solch herrlich nachprüfbare Weise im Detail? Die Heiligkeit, die das Opus Dei propagiert, liefe dann (wenn schon nicht auf einen katholischen Calvinismus, was Allan bestreitet) im Effekt auf eine Optimierungsstrategie für Pedanten hinaus. Nicht Geheimniskrämer, sondern Krämerseelen gerieten als Zielgruppe in den Blick. Salopp gesagt, hätte man es mit einem geistlich motivierten Strebertum zu tun, das sich die Welt erst in alle möglichen Kästchen zurechtlegt, um sie dann um so handlicher christlich abhaken zu können. Der Mörder ist nicht immer vom Opus Dei, wie es Dan Brown behauptet. Eher schon der Klassenbuchführer.

Eine kleine weltliche Anekdote noch aus Allans Buch: Als der Gründer des Opus Dei bemerkte, daß die drei ersten Priester seiner Organisation Nichtraucher waren, bat er einen von ihnen, aus Gründen der Natürlichkeit mit dem Rauchen anzufangen. Damit die „Welt“ nicht denke, das Opus Dei sei keine Einrichtung von Welt.



Text: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 33
Bildmaterial: AP

 
 
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