Flucht und Vertreibung

Tränen sind nicht aus Blei

Von Michael Jeismann

“Grün ist die Heide“: Ein Film über Vertriebene in der neuen Heimat

"Grün ist die Heide": Ein Film über Vertriebene in der neuen Heimat

04. Dezember 2005 Es war erst ein Ausstellungsbesuch und wurde dann ein Krimi. Am Freitagabend, als die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ im Haus der Geschichte der Bundesrepublik im Beisein des Bundespräsidenten und des Kulturstaatsministers eröffnet wurde, haben wir einen Kampf der Geister erlebt.

Er spielte sich während der Reden und beim anschließenden Besuch der Ausstellung vor allem in den Mienen ab, in einem merkwürdigen, permanenten Kopfschütteln und manchmal auch im Gemurmel oder demonstrativen Schweigen. Wir können die, die sich so verhielten, die Ewig-Gestrigen nennen und damit unsere Ruhe haben. Vielleicht aber verpassen wir mit solchem Attribut etwas Wesentliches, etwas, das für die politische Kultur der Republik in Zukunft für andere Geschichten von Bedeutung werden wird.

Ein Gefühl kommt nicht zu Ruhe

Endlich jedenfalls glauben wir verstehen zu können, warum auch sechzig Jahre nach Kriegsende die Erinnerung und die Politik solche Mühe miteinander haben, genauer: warum bei aller Integration und bei viel gutem Willen auf allen Seiten ein unstillbares Gefühl nicht zur Ruhe kommt. Es ist wie Schwungrad, ein perpetuum mobile. Man glaubt, es sei längst zum Stillstand gekommen und doch dreht es sich immer weiter. Dieses Gefühl, das bleibt, wird angetrieben von den Unterschieden und den Ungerechtigkeiten zwischen biographischem Erleben, politischer Handhabe und historischer Analyse - in der Ausstellung zu erleben anhand individueller Schicksale. Unserer Konsensgesellschaft kann es lehren, daß nicht alles auf einen Nenner zu bringen ist: Es könnte heute ein Toleranzgebot für Erinnerungen und ihre Repräsentation geben, ohne daß dieses in irgendeiner Weise die Grundverfassung des Gemeinwesens in Frage zu stellen hätte. Aber der Reihe nach.

Ich hatte das Glück, daß mich während der Besichtigung Reinhart Koselleck begleitete, jener international renommierte deutsche Historiker, der wie kein anderer die Geschichte des gewaltsamen Todes und seiner nachgetragenen Sinnstiftungen erforscht hat. Er hat am eignen Leib erfahren, was es heißt in den Furor der bewaffneten Ideologien zu geraten. Aus eigener Jugend kennt er die Verhältnisse in Oberschlesien vor der Vertreibung, und er kennt als einer der eminenten Historiker Preußens ebenso das Spannungsfeld, in dem sich diese Geschichte abspielt. Sein Erfahrungsraum ist ein anderer, als der jener Menschen, die in der Bundesrepublik geboren wurden. Welche Unterschiede würden sich bei der Betrachtung der Ausstellung ergeben, an welcher Stelle würde der eine, an welcher der andere innehalten, welche Empfindungen zum Vorschein kommen?

Vertreibung als friedensstiftende Tat

Der Rundgang durch die rund fünfzehnhundert Exponate aller Art beginnt unter dem Großmotiv der Ausstellung, einem Holzschnitt von Gerhard Marcks mit dem Titel „Flüchtlinge“, das die aus der Heimat Fortgestoßenen auf ihrem Weg zeigt, der kein Ziel zu kennen scheint. Darunter befindet sich eine menschheitsgeschichtliche Leidensleiste, die Vertreibungen von ältester Zeit bis in die Neuzeit zeigt: Es beginnt links mit dem Steinrelief vom Palast Assurbanipals aus dem siebten Jahrhundert vor Christi in Ninive und zeigt „Die Bewohner der eroberten Stadt Elam auf dem Weg ins Exil“ und geht bis zur Austreibung der Hugenotten und der Expansionspolitik Ludwig XIV. Flucht und Vertreibung sind ein Menschheitsthema, dessen Erscheinung geradezu monochrom erscheint, dessen Motive aber variieren von der Religion bis zu Nation und Klasse. Daß die Vertreibung auch als friedensstiftende Tat betrachtet und vorgenommen wurde, war wohl das Privileg der Moderne, als nämlich nach dem Ersten Weltkrieg die Trennung der Nationalitäten für eine friedensstiftende Maßnahme gehalten wurde.

Reinhart Koselleck bleibt, nachdem wir die Vorabteilung mit den Dokumenten aus dem Ersten Weltkrieg passiert haben, darunter die erschütternden Bilder von den Todesmärschen der Armenier und der Flucht der Griechen aus der Türkei 1922/23, vor einem Bild stehen, das wir leicht für ein Bild von den Greueln der Deutschen im Vernichtungskrieg im Osten halten würden. Es hängen da gelynchte Menschen aufgeknüpft an Laternen oder Bäumen und Galgen mit Zuschauern - es sind diese Menschen aber Deutsche, die keine Chance mehr hatten, die Tschechoslowakei zu verlassen.

In einer gemeinsamen Geschichte

Solch ein Foto, von diesem Greueln, sagt Reinhart Koselleck, habe er bisher noch nicht gesehen. Das sei doch ein bemerkenswerter Fund (das Bild findet sich leider nicht im ansonsten exzellenten Katalog zur Ausstellung). So seien auch die massenhaften Vergewaltigungserfahrungen in Deutschland, aber auch in den osteuropäischen Ländern verdrängt und strikt privat gehalten worden. Wenn diese Bilder so verwechselbar sind - neben denen, auf denen ganz unverwechselbar Deutsche mit auf den Rücken aufgemaltem Hakenkreuz zu sehen sind -, ist das nicht nur so zu verstehen, daß Grausamkeit vielfach ähnlich aussieht, sondern daß Deutsche, Polen, Tschechen, Ukrainer, Russen mit ihren eigenen Erfahrungen und Kausalitäten von Tod, Gewalt und Leid sich tatsächlich in einer gemeinsamen Geschichte befinden. Aber wer würde das heute noch ernstlich bestreiten wollen? Mit einem Mal beginnt Koselleck leise singend sich eines Liedes zu erinnern: „Habense schon 'nen Führerbild, das die ganze Wand ausfüllt/ Nein, nein, wir haben noch keins, haben noch von dem Benes eins.“ Das wurde von manchem Deutschen nach der Besetzung des Sudetenlands nach der Melodie des Sudetendeutschenliedes gesungen. Argumente sind austauschbar, sagt Koselleck doppeldeutig, Erfahrungen nicht.

Wem wäre nicht klar, daß beide Teile zum Fundament gehören, auf dem die europäische Union historisch bauen muß? Angesprochen auf das Dilemma, daß die Geschichte gar nicht entpolitisiert vorstellbar und mit allem Recht ein Bezugspunkt des kollektiven Selbstverständnis ist, daß sie zugleich aber als politisierte Geschichte Erfahrungen bis hin zur Unwahrheit ein- und umschmelzt, meint Koselleck lakonisch: „Die Wahrheit schadet nie“. Und er gibt zu bedenken, in welchem hohen Maß die politische Erinnerung der Bundesrepublik immer noch selektiv sei und hierarchisiert, wie mühsam es ist, die ganze Geschichte des letzten Weltkriegs zu ertragen, zu erzählen und ihrer Opfer zu gedenken. Sinti und Roma, Homosexuelle, die Millionen zu Tode gebrachten sowjetischen Kriegsgefangenen, die Opfer der Euthanasie. Aber selbst wenn alles erinnert sei -das ist die Erfahrung dieser Ausstellung -, geht diese Geschichte nie glatt auf. Es bleibt ein Rest - und wer das leugnet, dem wird dieser Rest immer Treibsand unter den Füßen sein.

Flüchtlinge als Gefahr

Dann sind wir schon in der Nachkriegsgeschichte und bei der Integration in Ost- und Westdeutschland angelangt. Im Osten wurden sie bald im Jargon „Umsiedler“ genannt, gerade so, als hätten sie aus freien Stücken ihre Heimat verlassen. Und im Westen? Im Westen wurden die Flüchtlinge keinesfalls mit Begeisterung begrüßt, im Gegenteil, es gab Lieder, in denen die Flüchtlinge als Gefahr besungen wurden, die die ohnehin schwere Zeit noch schwerer machten.

Der Besucher passiert die Bilder von den Auffanglagern, die Plakate der politischen Parteien. An einer Monitorwand hörte ich in die Bundestagsdebatte um die Ostverträge von 1972. Genscher sprach vom „deutschen Wunder“ der Integration, Strauß von der bevorstehenden Sowjetisierung der Bundesrepublik. Wie lang scheint das her, wie weit weg von unserer Gegenwart und ihren Herausforderungen - aber es bedarf nur eines kleinen Drehs hin zu den Filmen, auf denen die Flüchtlinge von heute gezeigt werden, und der Besucher ist wieder in der Gegenwart des Themas.

Lange eine reine Gruppenerinnerung

Es gibt in dieser exzellenten Ausstellung eine Art Installation, in der man einige Ausstellungsgegenstände der „Heimatstube“ Breslau sehen kann, aber nicht direkt, sondern raffiniert gespiegelt, so daß diese da sind und zugleich auch nicht. Und diese merkwürdige Oszillation zwischen Anwesenheit und Abwesenheit einer Geschichte kann als Schlüssel zum Verständnis der Geschichte von Flucht und Vertreibung verstanden werden. Einerseits nämlich durchzieht das Vertriebenen- und Flüchtlingsschicksal die Bundesrepublik bis heute, andererseits verlief es lange als reine Gruppenerinnerung.

Der blaue Faden der Rezeptionsgeschichte, der die Ausstellung farblich abgehoben durchzieht, macht das sehr deutlich. „Sehr beeindruckend“, lautet das Fazit von Reinhart Koselleck, und ich kann mich anstrengen, wie ich will, mir fällt auch nichts anderes dazu ein. Kein Wunder, daß das Echo in den Medien quer durch das politische Spektrum so positiv ist und daß Frau Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, empfohlen wird, diese Ausstellung als Kern eines Zentrums gegen Vertreibungen in Betracht zu ziehen. Ist diese Geschichte also an ein beruhigtes Ende gekommen? War es das? Natürlich ist wünschenswert und zu hoffen, daß die gegenseitigen Nadelstiche aufhören mögen, weil sie nur immer wieder böses Blut machen.

Wie Bleigewicht an den Seelen

Und dann kommt doch noch die Überraschung. Der Präsident des Museums, Hermann Schäfer, spricht souverän von Plan und Ziel der Ausstellung, Hans Maier und Pavel Kohout setzen in ihren ausgezeichneten Reden Akzente, das deutsch-polnische Jugendorchester spielt, im Hintergrund das Bild Willy Brandts, wie er bei seinem Besuch in der DDR vom Balkon des Erfurter Hofs hinabschaut. Und vor mir wackeln manche Köpfe oft und wieder verneinend hin und her. Keine Rückgabe, keine Entschädigung, so rein hypothetisch sie wären, könnte etwas an dieser Verneinung, an diesem unstillbaren Gefühl ändern. Das Land ihrer Jugend ist versunken. Und dieses Land vor der Vertreibung wird nicht mehr gezeigt, hängt aber wie Bleigewicht an den Seelen. Das muß man wissen, wenn man das dauernde Nein-Schütteln verstehen will.

Anschließend gehen wir noch einmal durch die Ausstellung. Und plötzlich erinnert sich Reinhart Koselleck einer Szene, die er auf der Schneekoppe 1959 erlebte, und er kann die Tränen kaum zurückhalten. Da kamen zwei polnische Jungens in einem Berggasthof, auf ihn zu und reichten ihn im Auftrag ihrer Mutter die Hand zum Gruß. Die polnische Frau hatte erfahren, daß der Besucher aus Deutschland in seiner eigenen Kindheit hier oft selbst seine Ferien verbrachte. Tränen, aber keine Bleigewichte.

Reinhart Koselleck ist einer der renommiertesten Historiker Deutschlands, wurde 1923 in Görlitz geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Breslau. Er geriet in russische Kriegsgefangenschaft, wurde unter anderem nach Auschwitz gebracht, wo er zum Abbau der Industrieanlagen herangezogen wurde. In seinen Büchern und Aufsätzen hat er sich mit der Erfahrung des gewaltsamen Todes befaßt und mit der Bedeutung von Zeitschichten, die sich über das Geschehen lagern und die individuelle Erinnerung ebenso wie das kollektive Gedächtnis strukturieren.

Text: F.A.Z., 05.12.2005, Nr. 283 / Seite 39
Bildmaterial: Bischöfliches Ordinariat Görlitz, Ernst Litter, Reprofotografie: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel Thünker, Manfred-Franz Albrecht, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel Thünker

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