Berlin

Endgültig: Palast der Republik wird abgerissen

Licht aus: Der Palast muß weichen

Licht aus: Der Palast muß weichen

19. Januar 2006 Die ersten Baustellenzäune stehen, ein Schiffsanleger in der Spree zum Abtransport des Schutts ist gebaut, die Abrißarbeiten sollen noch in diesem Monat beginnen. Nun hat der Bundestag den Freunden des Palastes der Republik auch die letzte Hoffnung genommen: Am Donnerstag stimmten die Parlamentarier mit großer Mehrheit gegen Anträge der Grünen und der Linkspartei, die ein Abriß-Moratorium für den Palast gefordert hatten, für eine weitere kulturelle Zwischennutzung.

In namentlicher Abstimmung wies das Parlament am Donnerstag Anträge der Linkspartei und der Grünen zurück, nicht mit dem bereits geplanten Abriß zu beginnen. Für die Oppositionsanträge votierten lediglich 120 von 569 Abgeordneten. Dagegen stimmten 431 Parlamentarier, es gab 18 Enthaltungen.

Humboldt-Forum nicht finanzierbar?

Für den Abriß sind bisherigen Plänen zufolge eineinhalb Jahre veranschlagt. Der Palast der Republik war zwischen 1973 und 1976 nach Plänen der Architekten Heinz Graffunder und Karl-Ernst Swora gebaut worden. Der an der Spree gelegene Prachtbau war mit seinem großen Saal für mehr als 4000 Zuschauer, einem Theater und vielen Gaststätten eine im Ostteil Berlins beliebte Vergnügungsstätte. In dem vom Volksmund „Palazzo Prozzo“ genannten Palast fanden aber auch die mit großem Pomp inszenierten Parteitage der SED und Kongresse des Gewerkschaftsbundes FDGB statt.

Die Abgeordneten der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer stimmten in dem Gebäude im Sommer 1990 für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Kurz darauf wurde es wegen Asbestverseuchung geschlossen. Nach der Sanierung war von „Erichs Lampenladen“, wie der Palast wegen seiner vielen Leuchtkörper auch genannt wurde, nur noch ein Skelett aus Stahl, Beton und Glas Ruine übrig. Nach einem Bundestagsbeschluß vom Juli 2002 soll auf dem Areal ein Gebäude in der Kubatur des 1950 gesprengten Stadtschlosses errichtet werden.

Nach Auffassung von Links-Fraktion und Grünen haben sich die finanziellen und planerischen Voraussetzungen für ein Humboldt-Forum an Stelle des Palasts jedoch seit 2002 grundlegend geändert. Beide Fraktionen verwiesen in ihren Anträgen auf die erwarteten Kosten von bis zu 1,2 Milliarden Euro. Nach Einschätzung der Grünen ist zudem der Baubeginn „nicht vor 2012 zu realisieren“.

Kreatives Zentrum

Die Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und Partys der letzten zwei Jahren hatten nicht nur national, sondern auch im Ausland - von New York bis Tokio - für Aufsehen gesorgt. Eine Art Centre Pompidou sei da in dem Rohbau mit seinen kalten Stahlträgern im Entstehen, wurde behauptet. Auf jeden Fall hatte sich der Palast oder das, was von ihm nach der Asbestsanierung übrig geblieben war, zu einem kreativen Zentrum mit breiter Ausstrahlung für eine pulsierende Hauptstadt entwickelt. Das soll jedoch nun schnellstmöglich weg.

Anstatt dessen soll auf dem Areal eine Wiese angelegt werden - die so lange bleibt, bis geklärt ist, wie ein neues Gebäude an dieser Stelle finanziert werden kann. Wie es aussehen soll, ist immerhin geklärt: Drei Fassaden sollen die Gestalt des 1950 gesprengten Stadtschlosses annehmen, die vierte soll moderner werden. In das Gebäude soll unter anderem ein „Humboldt-Forum“ einziehen. In diesem sollen dann die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die wissenschaftliche Sammlung der Humboldt-Universität gezeigt werden. Darüber hinaus soll es Theater, Kino, Konferenzbereiche, Museumsshops sowie Restaurants und Cafés geben. Das alles könnte viel kosten, bis zu 1,2 Milliarden Euro, schätzen Experten. Und wie die aufgetrieben werden sollen, weiß bislang niemand.

Proteste nutzen nichts

Intellektuelle wie Günter Grass, Dario Fo und Christoph Schlingensief, Schauspieler wie Daniel Brühl oder Jessica Schwarz, Architekten, ein Bündnis für den Palast, Grüne und Linkspartei, selbst Mitglieder der Internationalen Historischen Expertenkommission, die 2002 den Wiederaufbau des Stadtschlosses empfohlen hatte, konnten die Abgeordneten nicht überzeugen. Das Argument, die Beschlußlage habe sich gegenüber 2002 und 2003, als der Bundestag schon zwei Male für einen Abriß votiert hatte, entscheidend verändert, zog offenbar nicht.

„Ich halte es für ein Armutszeugnis, den für kulturelle Zwischennutzung hervorragend geeigneten Palast angesichts eines in jeder Hinsicht ungewissen Baubeginns jetzt abzureißen und dort eine Grünfläche anzulegen“, erklärte etwa Peter Conradi, Mitglied der Expertenkommission. Einer Emnid-Umfrage aus dem Januar 2005 zufolge sprach sich auch eine Mehrheit der Berliner (59 Prozent) gegen den Abriß aus.

Gysi: den Rohbau erhalten

Gregor Gysi von der Linkspartei sagte in der Bundestagsdebatte, der Rohbau sollte erhalten bleiben. In ihm könnten Elemente des Schlosses integriert werden. Die Grünen-Abgeordnete Anna Lührmann wies auf die Möglichkeiten hin, die der Palast für die Kultur biete. Geschichte dürfe nicht auf dem Schrottplatz entsorgt werden. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte dagegen, die Finanzierung eines Neubaus sei in öffentlich-privater Partnerschaft durchaus möglich. Mit Beginn des Rückbaus könne der Blick nach vorn gerichtet werden.

Die Union wies auf die ideologische Besetzung des Gebäudes hin. Wolfgang Börnsen aus der Unions-Fraktion erklärte, die DDR hätte mit der Sprengung des Schlosses ein „geschlossenes Ensemble“ zerstört, um im Zentrum der Republik ein Symbol für sich zu sichern. Und einen Bestandsschutz für eine „gesichtslose Ruine“ könne es nicht geben. Christoph Waitz von der FDP sagte, die Ruine sei nicht tourismusfördernd. Bis Ostern 2007 soll der Palast, der aus 20.000 Tonnen Stahl, 500 Tonnen Glas und 56.000 Tonnen Beton besteht, abgerissen sein. Zwölf Millionen Euro soll das kosten - wenn nichts Unvorhergesehenes passiert.

Ein Abriß ohne „Störungen“ käme allerdings einer kleinen Sensation gleich. Der Boden ist sumpfig - und damit extrem schwierig zu bearbeiten. Stück für Stück muß der Koloß abgetragen werden, damit die Nachbarn auf der Museumsinsel - wie etwa der Berliner Dom - nicht untergehen. Gleichzeitig muß die 180 Meter lange und 120 Meter breite Betonwanne, in der der Palast steht, mit einem Sand-Wasser-Gemisch gefüllt werden. Sonst könnte sie nach oben treiben. Dies wiederum könnte den Grundwasserspiegel sinken und die Holzfundamente der sensiblen Nachbargebäude auf der Museumsinsel faulen lassen. Während des Abrisses soll an den Bauzäunen über die Geschichte und die Bedeutung des Ortes sowie die künftige Entwicklung des Schlossareals informiert werden. Eine Webcam soll darüber hinaus die „Rückbauaktion“ permanent dokumentieren.

Text: FAZ.NET mit Material von AP, ddp, Reuters
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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