Warren Buffett

Heiliger des Geldes

Von Jordan Mejias

Buffett schafft Ordnung über sein Leben hinaus

Buffett schafft Ordnung über sein Leben hinaus

26. Juni 2006 Es geht um Milliarden, die Sache ist also ernst. Aber sie hat auch ihre kuriose Seite. Schließlich läßt nicht jeden Tag der zweitreichste Mann der Welt dem reichsten ein Dollarpaket dieses Ausmaßes zukommen. Weder zum Eigengebrauch noch zum Investieren, sondern schlicht und ergreifend, um hier und da, dann und wann eine gute Tat zu begehen.

Wird die Transaktion bloß als Deal zwischen Bill Gates, der Nummer eins, und dem legendären Investor Warren Buffett, der Nummer zwei, angesehen, mag das, so Buffett selbst, auf den ersten Blick nicht der Komik entbehren. Klarheit schafft der zweite Blick. Praktisch veranlagt, wie Buffett nun einmal ist, und mit den Mühen vertraut, die angesammelten Milliarden verantwortungsvoll weiterzugeben, hat er sich umgeschaut und dabei bemerkt, daß die wohltätige Organisation, die Bill Gates mit seiner Frau Melinda ins Leben gerufen hat, beim Verteilen gewaltiger Summen besonders geschickt vorgeht. Rund um die Welt kümmert sie sich um eine Verbesserung bei Gesundheitsversorgung und Erziehung.

Berührend und verständlich

Nun wird ihre Aufgabe mächtig wachsen. Buffett hat immerhin vor, in den nächsten Jahren fünfundachtzig Prozent seines Anteils an dem Versicherungs- und Investmentgiganten Berkshire Hathaway - eine Summe, die gegenwärtig mit mehr als siebenunddreißig Milliarden Dollar zu Buche schlägt - zu verschenken. Das Stiftungskapital des Ehepaars Gates, das den größten Teil von Buffetts Geld bekommen soll, würde sich mehr als verdoppeln. Vier weitere Stiftungen, die von Buffetts Nachkommen geleitet werden, erhalten die nicht unbeträchtlichen Restbeträge.

Die Welt darf also mindestens zweifach staunen. Einmal erfährt sie so von einer Freundschaft, die sich offenbar nicht nur auf gelegentliche Bridge-Abende beschränkt. Buffett, der demnächst seinen sechsundsiebzigsten Geburtstag feiern kann, schafft Ordnung über sein Leben hinaus und vertraut sich dabei einem jüngeren Freund an. Der Vorgang ist berührend und verständlich. Unverständlich dagegen muß in einem Zeitalter, das Eitelkeit als Tugend begreift, die an Selbstaufgabe grenzende Bescheidenheit sein, mit der Buffett sein Vermögen dem des Freundes zuschlägt. Er verspürt offenbar nicht den Drang, die Nachwelt dauerhaft an seinen Namen zu erinnern. Darin unterscheidet er sich gewaltig von seinen illustren Vorgängern, ob sie nun Carnegie oder Rockefeller, Ford oder Getty heißen - sie alle hatten Sorge getragen, im Stiftungsnamen weiterzuleben. Buffett hat von Andrew Carnegie bloß das Motto übernommen, dem zufolge der, der reich stirbt, entehrt stirbt.

Vielleicht kann so viel Zurückhaltung nur ein Mann aufbringen, der in der amerikanischen Provinz noch nie den Verführungen der beiden Küsten erlag. Dort hat Amerika längst auch das gemeinnützige Engagement als Mittel zu Ansehen, Ruhm und Nachruhm entdeckt. Buffett tut Gutes und will, daß künftig niemand mehr darüber zu reden braucht. Ein Heiliger - auch wenn er sich im Gegensatz zur Mehrheit seiner Landsleute zu keiner Religion hingezogen fühlt. Sie sollten ihn als säkularen Heiligen verehren. Mit oder ohne Namen.

Text: F.A.Z., 27 Juni 2006
Bildmaterial: REUTERS

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