Steinbrücks Taxifahrerlogik

Warum man besser nicht auf Profis hofft

Von Nils Minkmar

08. April 2008 Manche Aussagen machen nervös, auch wenn man ihnen erst mal gar nicht widersprechen möchte. Wenn Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in seiner erfrischenden Art meint, von nun an müsse „ein Profi“ die Geschicke der Kreditanstalt für Wiederaufbau lenken, wird niemand dagegenhalten, es solle doch besser ein Schlagersänger zum Chef der bundeseigenen Bank berufen werden. Unruhig macht aber Steinbrücks implizite Mitteilung, bislang seien dort bloß Politiker am Werk gewesen, das könne ja nix geben.

Das sind Sprüche, wie sie Taxifahrer machen, weil sie denken, ihre Kunden hören das gerne, und auf so engem Raum will man sich ja nicht zanken. Das Schimpfen auf den Politiker stiftet augenblicklich Einigkeit, fast überall auf der Welt, eine deutsche Besonderheit ist hingegen die Auffassung vom Profi als Lichtgestalt, die im Übrigen auch nur die hegen, die nie eine Wohnung zu renovieren hatten.

Der Profi an sich verfügt über etwas, das dem Nichtprofi fehlt

Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den Peter-Hartz-Hype, als Gerhard Schröder die Rettung seiner Regierung, der deutschen Sozialsysteme und eigentlich des ganzen Landes einem, eben, Profi übertrug. Dass der von niemandem gewählt worden war, schien ihn besonders zu qualifizieren, fragen Sie mich nicht, warum, so war es damals. Die Hartz-Gesetze sind noch wohlbekannt, es gab aber auch einen heute vergessenen zivilen Arm der Bewegung, und der nannte sich, weil es ums Ganze ging, „Die Profis der Nation“. Da sollten Menschen in Arbeit den Menschen ohne Arbeit erzählen, wie toll man sich als Profi fühlt und wie man einer wird natürlich. Dazu gab es sogar mal eine Konferenz an einem Samstagmorgen in Wolfsburg, mit lauter Profis, die dafür an jenem Tag aber kein Geld bekamen, also als Amateurprofis auftraten.

Der Profi an sich verfügt über etwas, das dem Nichtprofi fehlt, das war der zugrundeliegende Gedanke - der Anstellungsvertrag war damit aber nicht gemeint, sondern die Fähigkeit, früh aufzustehen, sich selbständig zu waschen, anzuziehen und durch den Tag zu kommen, ohne wieder entlassen zu werden. Dass Profis nur deshalb Profis sind, weil sie Geld nehmen, diesen schlichten Gedanken wollte niemand äußern, denn das Geldnehmen steht ja in keinem Tugendkatalog der Welt ganz oben, sondern bestenfalls so in der Mitte.

Denken wir nur an den ultimativen Profi: Dieter Bohlen

In der Familie, in Bildung und Wissenschaft und der Religion, Bereichen, die unsere Gesellschaft auch zusammenhalten, sollte Geld keine oder jedenfalls nicht die zentrale Rolle spielen. Man soll sich Schulnoten, Wahlergebnisse, Urteile und Gesetze nicht mit Geld erkaufen können oder müssen, und wer sich als Profiphilosoph, Profidichter oder Profiliebhaber bezeichnet, wird scheel angeguckt. Wer in einer großen Institution arbeitet, weiß außerdem, dass explizit unprofessionelles, divenhaftes, erratisches oder schlicht verrücktes Verhalten auch nach oben führt - dann jedenfalls, wenn damit gute Ideen einhergehen. Sicher, Dieter Bohlen und die ganze Superstarsuche lebt von der Illusion, selbst der Pop sei professionalisiert am besten. Bohlen - direkt, pünktlich, effizient - ist der ultimative Profi, und doch wird man, wenn man sich unsere Zeit musikalisch vergegenwärtigen möchte, zu Rio Reiser greifen und nicht zu Modern Talking.

Der Kult des Profis reicht lange zurück, aber es waren nicht die besten Jahre, in denen der Ruf nach angeblich unabhängigen Fachleuten laut wurde, die über den Parteien stehen sollten, als seien sie keine Staatsbürger in der politischen Welt, sondern bloß Angestellte der Macht. Dass die Leitung einer großen öffentlichen Bank, die die Förderung für die Gesellschaft, Kultur und Ökologie wertvoller Projekte zur Aufgabe hat, auf unpolitische Weise möglich sei, ist eine Illusion. Man kann nun jemanden mit der Leitung betrauen, der, im Einklang mit der neoliberalen Ideologie, die Existenz einer solchen Bank in Bundeshand ablehnt, aber besonders gesund dürfte das für niemanden sein. Und über die Bilanzen der Finanzprofis ist ja derzeit genug zu lesen, es klingt wie der Beatles-Song „A Day in the Life“: Mit wie vielen Löchern, heißt es da, kann man die Albert Hall füllen? Täglich neue Milliardenlöcher, weil die professionellen Superhelden von der Wall Street vor Jahren entdeckt haben, dass es ordentliche Action ins Kreditgeschäft bringt, wenn man massenhaft wertlose Häuser an Menschen ohne Geld verkauft und auf Sicherheiten verzichtet. Die Gewinne gingen an die Profis, die Schulden tragen die Steuerzahler.

Es sollte sich besser herumsprechen: Unser Gemeinwohl, die Republik, ist, wie die Kunst und die Liebe, Sache der Amateure.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
 
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