Wikipedia

Neuer Streit über alte Bilder

Von Annika Müller

26. März 2008 Schon fast gewohnheitsmäßig kochen die Emotionen in der islamischen Welt hoch, wenn der Westen den Propheten Mohammed abbildet. Ein aktueller Bilderstreit dreht sich allerdings nicht um Karikaturen oder Plakatkunst, sondern um mittelalterliche Abbildungen des Religionsstifters in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia.

„Im Islam sind Bilder des Propheten nicht erlaubt“, betont eine Online-Petition, in der inzwischen knapp 420.000 Muslime aus aller Welt die Entfernung der Darstellungen Mohammeds von der Online-Plattform fordern. Die Bilder zeigten den Propheten zwar größtenteils mit verhülltem oder ausradiertem Gesicht, dennoch seien die Darstellungen beleidigend für Muslime, heißt es in dem Antrag, der auf der Internetseite „thepetitionsite.com“ unterzeichnet werden kann.

MuslimWiki

Als Urheber zeichnet eine Gruppe verantwortlich, die sich „Muslim Munity“ nennt. Anstoß nehmen die Unterzeichner vor allem an einer Miniatur aus dem vierzehnten Jahrhundert und äußern ihren Unmut in einem Blog, der ebenfalls auf „thepetitionsite.com“ steht. Hier finden sich neben höflichen und weniger höflichen Aufforderungen zur Entfernung der Bilder auch mäßigende Stimmen, die vor einer Eskalation des Streits und einer Überbewertung der Abbildungen warnen. Auf der islamischen Diskussionsplattform sunniforum.com unterziehen viele erklärte Anhänger des Islams die Eingabe von „Muslim Munity“ gar einer scharfen Kritik. Es wird darauf hingewiesen, dass das Bilderverbot kein Konsens in der islamischen Welt sei. Zudem finde sich die umstrittene mittelalterliche Miniatur bereits ohnehin in unzähligen Büchern.

Ähnliche Argumente macht sich auch Wikipedia zu eigen. Die Internetplattform erteilt der Forderung eine Absage. Solange kein klarer Verstoß gegen die internen Regeln vorliege, werde nicht zensiert. Zudem müssten für die Präsentation aller Religionen dieselben Richtlinien gelten, erklärt das Internetlexikon auf seiner eigenen Seite. Genau wie zu Mohammed gibt es bei Wikipedia auch historisch bedeutsame Darstellungen von Jesus und anderen Religionsführern zu sehen. Gegen seine Prinzipien, die jedem Benutzer die Bearbeitung von Artikeln ermöglichen sollen, musste das Online-Lexikon den Beitrag über Mohammed „wegen Vandalismus“ sperren. Dennoch kommt das Internetlexikon den Bedürfnissen islamischer Nutzer entgegen und hat eine Bildschirmeinstellung entwickelt, welche die Bilder des Propheten Mohammed bei jedem Login unterdrückt. Muslime könnten, so Wikipedia, auch auf die nach islamischen Richtlinien erstellte „MuslimWiki“ ausweichen.



Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 38
Bildmaterial: Muhittin Serin

 
 
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