
Selbstverständlich deponieren sie ihre Ersparnisse in Rubelkonten. Versichern zumindest Putin Und Medwedjew
11. November 2008 Russland hat eine heroische Vergangenheit, eine schwierige Gegenwart und eine glänzende Zukunft. Und das bleibt so. Daher bedient die russische Führung sich bei der Krisentherapie ausgiebig im Betäubungsmittelschrank. Die staatlichen Rücklagen, die sich im August auf beinahe sechshundert Milliarden Dollar beliefen, sind wegen Rettungsaktionen für Rubelkurs und Banken auf weniger als fünfundert Milliarden zusammengeschmolzen, und das grandiose Finanztransfusionsprogramm der Realwirtschaft läuft gerade erst an.
Doch fürs Fernsehvolk gibt es weiterhin keine russische Finanzkrise. Premierminister Putin gebraucht standhaft die Formel von den Folgen der Weltfinanzkrise. Dem Premier sekundiert der Langzeitgouverneur von Jekaterinburg, Rossel, der die Presse aufrief, nicht von Krise, sondern von Schwierigkeiten zu schreiben, die im Übrigen bald überwunden seien, weil den Industrienationen die Rohstoffe knapp würden. Die jetzt schon berüchtigte Ansprache an die Nation von Präsident Medwedjew war erst für den 23. Oktober angekündigt, wurde dann auf den 30. Oktober und schließlich auf den 5. November verschoben. Die Folgen der Weltfinanzkrise aber blieben darin lediglich ein Nebenthema.
Luftschüsse zur Beruhigung
Der Patient verhält sich relativ ruhig. Der Rubel blieb dank massiver Stützungskäufe ziemlich stabil. Medwedjew und Putin versichern, sie deponierten ihre Ersparnisse in Rubelkonten. Ihre Landsleute zogen aber im September schon geschätzte zweieinhalb Milliarden Euro, also anderthalb Prozent ihrer Bankeinlagen, ab. Viele wechselten von einer privaten zur staatlichen Bank. Die Zahl der Rubelkonten verringerte sich im Verlauf eines Monats um mehr als zwei Prozent, die der Devisenkonten nahm um beinahe drei Prozent zu.
Wenn Gouverneur Rossel jetzt denjenigen, die ihr Konto geplündert haben, rät, das Geld zur Bank zurückzutragen, dürfte das eher Unruhe säen. Der Vorschlag von Senator Gleb Fetissow, der Staat solle Bankguthaben zu hundert Prozent garantieren, wurde nicht erhört. Fetissow, dem das Anlageinstitut Meine Bank (Moi bank) mehrheitlich gehört, empfiehlt Totalbürgschaften als Schüsse in die Luft, die allein die Menge beruhigen können.
Geldspeicher statt Realwirtschaft
Präsident und Premier beschwören Russlands Perspektiven wie orthodoxe Priester das ewige Leben. Putin, der davon träumt, Moskau zu einem Hauptfinanzzentrum und den Rubel zur neuen Reservewährung zu machen, warb beim Treffen der Schanghai-Organisation in Kasachstan wieder für eine Alternative zum Dollar, in den seine Untertanen derzeit flüchten. Und Medwedjew sprach vor Kremljournalisten vom innovativen Entwicklungsweg, den Russland beschreiten werde. Doch das nationalökonomische Fundament bleibt das Öl, das vierzig Prozent der Einnahmen bestreitet und Russland seinen kolossalen Stabilisationsfonds bescherte - die Überschüsse von fast sieben fetten Jahren, wie Finanzminister Kudrin sich ausdrückt. Dass die Regierung das Geld horte wie Dagobert Duck, statt es zu investieren, nennt der Ökonom Michail Deljagin ein Verbrechen. Hätten wir, sagt Deljagin, wie die Chinesen in Infrastruktur und Produktionsbetriebe investiert, dann besäßen wir jetzt mehr realwirtschaftliche Substanz. Doch den Russen sei wichtiger zu prahlen, dass sie wieder reich und mächtig sind.
Es gab genügend Anträge, Teile der Finanzressourcen für die dringend benötigte Modernisierung zu nutzen. Kudrin wehrte sie ab und machte sich so mächtige Feinde in den Gewaltministerialklans. Ein schlagendes Argument war die Korruption der Eliten. Doch russische Banken und Unternehmen liehen im Westen beinahe ebenso viel Geld, wie der Finanzminister ansparte, rund 450 Milliarden Dollar, von denen fünfzig Milliarden vor Jahresende fällig werden. Daher wurde dank der Krise der Schatz endlich angezapft: Der Aluminium-Oligarch Deripaska bekam 4,5 Milliarden Dollar Kredithilfe, der Ölkonzern Rosneft von Vizepremier Setschin rechnet mit vier Milliarden, Alekperows Lukoil hofft auf zwei, Gasprom auf eine Milliarde Dollar.
Wer keine Milliarde hat, ist kein Mensch
Unternehmensanteile sollen nicht in ausländische Hände fallen. Einfache Bürger dagegen müssen sich selbst helfen. Der Staat garantiert weder Sparguthaben wie in West-Europa, noch erleichtert er durch Steuervorteile den Hypothekenschulddienst wie in Amerika. Die souveräne Demokratie dient den Milliardären, sagt der Ökonom Deljagin. Wer keine Milliarde hat, ist kein Mensch.
Das Fortschreiten der Krise weckt Angst und Schadenfreude. Selbst in Moskau werden Immobilien billiger. In Petersburg verloren sie schon ein Viertel ihres Werts, in der Provinz sogar vierzig Prozent. Nobelrestaurants melden Besucherrückgang. Die Entlassungswellen treffen vor allem ausländische Bauarbeiter, außerdem Mitarbeiter des mittleren Managements, die mit Rücksicht auf einflussreiche Verwandte eingestellt wurden. Auf viele russische Yuppies, die nur fürstliche Gehälter und Karriereaussichten kannten, wartet ernüchternder Bodenkontakt.
Handschellen der Marke Zärtlichkeit
Ein Heer von Arbeitslosen ist jetzt der Albtraum. Manche Unternehmer zahlen ihren Mitarbeitern schon die Löhne verspätet oder gar nicht. Die Jugendorganisation der Nomenklatura-Partei Einheitliches Russland, die Junge Garde (Molodaja gwardia), warnt, die Hunderttausende Gastarbeiter in und um Moskau könnten sich rasch zu Räuberbanden umqualifizieren. Unter dem Wahlspruch Unser Geld für unsere Leute demonstrierte die Parteijugend dafür, die Arbeitsmigranten zu deportieren und an ihrer Stelle Russen zu beschäftigen. Da eine Welle der Zahlungsunfähigkeit bei Kreditschuldnern erwartet wird, schlug die Duma vor, die Schwelle für deren Strafverfolgung von siebentausend auf 277 Euro herabzusetzen und das Schuldgefängnis wieder einzuführen.
Flankierend bemüht sich das Fernsehen, das Image der Ordnungshüter zu verbessern. Zahllose Serien schildern Milizbeamte, die meist als Gelderpresser verhasst sind, als aufopferungsvolle Verbrechensbekämpfer. Auf dem allrussischen Ausstellungsgelände läuft eine Messe für vaterländische Sicherheitstechnik, wo neue Elektroschockgeräte namens Liebkosung (Laska) und Handschellen der Marke Zärtlichkeit (Neschnost) feilgeboten werden. Die Opfer dieser Geräte bleiben garantiert unverletzt. Auch Arbeitgeber kündigen überflüssigen Mitarbeitern nicht, sondern bringen sie dazu, freiwillig auszuscheiden. In der Misstrauensgesellschaft hinterlässt man möglichst keine Spuren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa