Von David Mamet

Die Weltanschauung, mit der ich auf einmal nichts mehr anfangen konnte: dass alles immer schlecht ist
20. April 2008 Als John Maynard Keynes einmal vorgeworfen wurde, seine Meinung geändert zu haben, antwortete er: Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Und Sie, was machen Sie?
Mein Lieblingsbeispiel für Sinneswandel ist eine Theaterkritik Norman Mailers. Für die Village Voice sollte er über die New Yorker Premiere von Warten auf Godot berichten. Das größte Bühnenstück des zwanzigsten Jahrhunderts. Mailer ging gar nicht erst hin. Er bezeichnete es als Mist. Als er Godot dann später sah, erkannte er seinen Fehler. Da schrieb er schon nicht mehr für die Voice. Also kaufte er eine ganze Seite, schrieb einen Widerruf und feierte das Stück als das Meisterwerk, das es ist. Der Traum eines jeden Dramatikers.
Aber ich schweife ab. Ich schrieb ein Stück über Politik und begann während des Schreibprozesses, wie man so schön sagt, über Politik nachzudenken. Diese Bemerkung ist weniger banal, als sie vielleicht klingt. Porgy und Bess besteht aus einem Haufen guter Songs, hat aber nichts mit dem Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen zu tun, dem praktischen Etikett, das ihm verpasst wurde. In meinem Stück ging es tatsächlich um Politik, also um die Konflikte zwischen Menschen mit gegensätzlichen Ansichten. In meinem Stück stehen sich ein egoistischer, korrupter, bestechlicher und pragmatischer Präsident und seine linke, lesbische, utopisch-sozialistische Redenschreiberin gegenüber.
Ich glaube, ich habe meine Meinung geändert
Das Stück ist, von dem Feuerwerk an witzigen Dialogen einmal abgesehen, eine Debatte zwischen Vernunft und Glauben beziehungsweise zwischen dem konservativen (tragischen) und dem linken (perfektionistischen) Standpunkt. Der konservative Präsident in meinem Stück vertritt die Ansicht, dass die Leute einfach ihren Lebensunterhalt verdienen wollen und dass der Staat dies am besten gewährleistet, indem er sich heraushält, da die unvermeidlichen Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten eines solchen Systems der freien Marktwirtschaft weniger schlimm sind als staatliche Interventionen.
Ich habe jahrzehntelang einen linken Standpunkt vertreten, aber ich glaube, ich habe meine Meinung geändert. Als Kind der sechziger Jahre akzeptierte ich den Glaubensartikel, dass der Staat korrupt, der Mensch prinzipiell gut sei und alle Unternehmer Ausbeuter seien. Mit den Jahren setzten sich diese Thesen als zunehmend realitätsfremde Vorurteile in mir fest. Warum realitätsfremd? Weil ich von diesen Ansichten zwar noch überzeugt war, sie in meinem Leben aber nicht mehr anwendete. Woher ich das weiß? Meine Frau hat es mir gesagt. Wir saßen im Auto und hörten National Public Radio. Ich spürte, wie sich meine Gesichtszüge verhärteten und sich in meinem Kopf die Worte So ein Schwachsinn! bildeten. Was?, entgegnete meine Frau. Ihr knappes, elegantes Resümee stieß mich, wie so oft, auf eine tiefere Wahrheit: ich hatte jahrelang NPR gehört und die einschlägigen Meinungsorgane gelesen, ohne sagen zu können, was stärker war: Staunen oder Wut. Ferner stellte ich fest, dass ich mich - ganz sympathisch, wie mir schien - jahrelang als hirntoter Linker und NPR als National Palestinian Radio verstanden hatte.
Wie konnte ich jahrzehntelang glauben, dass alles schlecht ist?
Das ist, auf eine kurze Formel gebracht, die Weltanschauung, mit der ich auf einmal nichts mehr anfangen konnte: dass alles immer schlecht ist. Eine kurze Überprüfung ergab: In meinem Leben war und ist nicht immer alles schlecht, auch in meiner Umgebung nicht oder in meinem Land. Auch in den Kreisen, in denen ich gelebt habe, war nicht immer alles schlecht.
Und wie konnte ich jahrzehntelang glauben, dass alles schlecht ist, und gleichzeitig glauben, dass der Mensch prinzipiell gut ist? Ich fing an, meine Ansichten in Frage zu stellen, und merkte, dass ich nicht an das Gute im Menschen glaube. Tatsächlich hat diese Überzeugung meine Arbeiten der letzten vierzig Jahre geprägt. Ich glaube, dass sich Menschen in schwierigen Situationen wie Schweine verhalten können, und das ist nicht nur ein wunderbares Thema, sondern das einzige Thema für einen Bühnenautor.
Ich hatte beobachtet, dass Wollust, Habgier, Neid, Trägheit ein interessantes Schauspiel bieten, dass die Menschen im Allgemeinen aber ganz gut zurechtkommen; und dass wir in den Vereinigten Staaten unter wunderbaren und privilegierten Bedingungen zurechtkommen - dass wir nicht die Schurken sind, als die uns manche in der Welt und daheim hinstellen, sondern eine Mischung aus normalen (habgierigen, wollüstigen, unehrlichen, korrupten, inspirierten, kurzum: menschlichen) Individuen, die mit einer erstaunlich praktischen Übereinkunft namens Verfassung leben, auf die sie stolz sein können.
Die Verfassungsväter haben erkannt, dass die Menschen Schweine sind
Statt davon auszugehen, dass die Menschen ein untadeliges Leben führen, haben die Verfassungsväter nämlich erkannt, dass die Menschen Schweine sind und bei jeder sich bietenden Gelegenheit alle Vereinbarungen ignorieren, wenn das ihrem eigenen Interesse dient. Deswegen teilt die Verfassung die Macht des Staates in drei Säulen auf, was das Einzige ist, woran sich die meisten (mich eingeschlossen) nach zwölf Schuljahren noch erinnern. Die Verfassung, geschrieben von Männern mit praktischer Erfahrung, geht davon aus, dass der Präsident wie ein König herrschen möchte, dass das Parlament das Tafelsilber verscherbeln will und dass die Justiz sich nach Kräften bemüht, das Tun der beiden anderen Instanzen zu durchkreuzen. Also hat die Verfassung dafür gesorgt, dass die drei Machtinstanzen einander kritisch beobachten, um Korrekturen zu ermöglichen, die immer wieder nötig sind.
Ziemlich brillant. Denn theoretisch können wir uns lauter perfekte Leute in Washington vorstellen, die im Auftrag des Volkes perfekt ihre Arbeit machen, aber wer schon einmal ein Planfeststellungsverfahren miterlebt hat, bei dem das eigene Grundstück gefährdet ist, wird das Bedürfnis kennen, Schluss zu machen mit diesem ganzen dummen Gerede.
Bush brockte uns Irak ein, Kennedy Vietnam
Ich stellte fest, dass ich nicht nur kein Vertrauen in die gegenwärtige Regierung hatte (wenig überraschend), sondern dass sich die Fehler dieses Präsidenten - den ich als guter Linker für ein Monster hielt - auch kaum von denen eines anderen, von mir verehrten Präsidenten unterschieden. Bush brockte uns Irak ein, Kennedy Vietnam, Bush stahl die Wahl in Florida, Kennedy in Chicago. Bush log in Bezug auf seinen Militärdienst, Kennedy nahm einen Pulitzer-Preis für ein Buch entgegen, das er nicht geschrieben hatte. Bush ging mit den Saudis ins Bett, Kennedy mit der Mafia. Ach ja.
Und ich fing an, meinen Hass auf die Unternehmer in Frage zu stellen, der nur die Kehrseite meines Hungers auf die Produkte und Dienstleistungen ist, die uns angeboten werden. Ich begann, die kritische Haltung des Jugendlichen gegenüber dem bösen Militär in Frage zu stellen, dessen Angehörige ihr Leben riskieren, um uns vor einer feindseligen Welt zu schützen. Hat das Militär immer recht? Nein. Auch die Regierung und die Unternehmer haben nicht immer recht - sie sind, wenn man so will, nur verschiedene Symbole einer speziell amerikanischen Arbeitsteilung. Sind diese Gruppen unfehlbar? Nein. Genauso wenig wie Sie und ich. Aus der tragischen Perspektive lautete die Frage also nicht Ist alles vollkommen?, sondern: Wie kann man es verbessern, um welchen Preis und nach wessen Definition? So formuliert, stellten sich die Dinge für mich auf einmal viel klarer dar.
Spreche ich als Angehöriger einer privilegierten Klasse? Wenn Sie so wollen - aber hierzulande sind Klassen durchlässig, nicht statisch, wie sie es nach marxistischer Ansicht sind. Das heißt: Einwanderer kamen und kommen mittellos ins Land, können reich werden und werden auch reich. Der Nerd bringt es auf eine Billion Dollar, die alleinerziehende Mutter, arm und ohne Englischkenntnisse, schickt die beiden Söhne aufs College (meine Großmutter). Andererseits können Reiche und Kinder von Reichen sehr wohl auf den Bauch fallen. Und die Rolle des Staates? Nun ja, als Kind meiner Zeit hielt ich den Staat für etwas Gutes, theoretisch jedenfalls, aber wenn ich Bilanz ziehe in den Dingen, die mich betreffen, dann wüsste ich nicht, wo Staatsintervention zu etwas anderem als Problemen geführt hat. Wenn der Staat aber nicht interveniert, wie wollen wir das alles hinkriegen?
Wir schaffen es schon. Woher ich das weiß? Aus Erfahrung.
Ich habe nachgedacht und gelesen, und dann wurde mir klar, dass ich die Antwort wusste: Wir schaffen es schon. Woher ich das weiß? Aus Erfahrung. Ich dachte an Beobachtungen, die ich in meinem Beruf gemacht hatte. Man verzichte auf den Regisseur - und was passiert? Gewöhnlich gibt es weniger Streit, die Proben dauern nicht so lange, und die Inszenierung wird besser. Der Regisseur ist nicht generell die Ursache von Streit, aber seine Anwesenheit führt dazu, dass die Schauspieler Verantwortung an eine Autorität abgeben; anders gesagt: Sie verlieren das Ziel (ein Theaterstück aufzuführen) aus den Augen und betreiben Politik, um beispielsweise Status oder Einfluss unabhängig von dem angestrebten Vorhaben zu erlangen.
Wenn ein Bus mit lauter wildfremden Passagieren mitten in der Nacht irgendwo liegenbleibt, was passiert dann? Jede Menge schlechte Dramatik und eine sich spontan herstellende Ordnung. Jeder trägt sofort etwas zur Lösung bei. Warum? Jeder will, jeder muss etwas beisteuern im Interesse des übergeordneten Ziels und um den eigenen Platz in der neu entstandenen Gruppe zu bestimmen. Und so machen sich alle an die Arbeit und finden einen Weg. Oder diese wunderbare Institution der Geschworenen. Auch hier bringt jeder seine eigenen Vorurteile mit, und im Hin und Her der Meinungen wird nicht die perfekte Lösung gefunden, sondern eine, mit der alle leben können.
Dieses Land ist kein Klassenzimmer, in dem Moral unterrichtet wird
Vor den Zwischenwahlen geriet mein Rabbiner unter ziemlichen Beschuss. Wir sind eine liberale Gemeinde, er selbst ist ein erklärter Unabhängiger (lies: Konservativer), und er machte die Leute verrückt. Warum? Weil er a) nie über Politik diskutierte und b) die Qualität politischer Diskussionen für problematisch hielt - denn nach jüdischem Recht müsse man den anderen ausreden lassen.
Und so begann ich, wie viele andere der liberalen Gemeinde, mich zähneknirschend darauf einzulassen. Und dabei wurde mir klar, dass ich zwei Bilder von Amerika (Politik, Staat, Wirtschaft, Armee) hatte. Das eine war ein Staat, in dem alles falsch war und sofort und unbedingt korrigiert werden musste. Das andere Amerika - mein eigener Alltag - bestand aus Menschen, die, um selbst ein möglichst angenehmes Leben zu führen, meist bestrebt waren, mit den anderen Leuten auszukommen (am Arbeitsplatz, auf dem Marktplatz, im Gerichtssaal, im Straßenverkehr). Und ich merkte, dass es Zeit wurde, mich zu dem Amerika zu bekennen, in dem ich lebe, und dass dieses Land kein Klassenzimmer ist, in dem Moral unterrichtet wird, sondern ein Marktplatz.
Aha, werden Sie sagen - und Sie haben recht. Ich fing an, nicht nur die Wirtschaftstheorien von Thomas Sowell zu lesen, unserem größten modernen Philosophen, sondern auch die Bücher von Milton Friedman, Paul Johnson, Shelby Steele und anderer konservativer Theoretiker. Und ich stellte fest, dass ich ihrer Meinung war. Eine marktwirtschaftliche Sicht der Welt passt viel besser zu meinen Erfahrungen als die idealistische Vision der Linken.
Letztlich sind es die Leute, mit denen wir in der Kantine anstehen
Zu dieser Zeit schrieb ich mein Stück über einen Präsidenten, korrupt, gerissen und rachsüchtig (wie das vermutlich alle Präsidenten sind), und zwei Truthähne. Und gab diesem imaginären Präsidenten eine Redenschreiberin, die für ihn eine hirntote Linke ist, so wie ich früher einer war. Im Laufe des Stücks müssen sie sich zusammenraufen. Worum auch ich mich bemühe, vielleicht sogar mit Erfolg - und ich will versuchen, es in den Worten von William Allen White zusammenzufassen.
White war vierzig Jahre lang Herausgeber der Emporia Gazette im ländlichen Kansas und hat das beste Buch zum Thema Präsidentschaft geschrieben, das ich je gelesen habe. Es heißt Masks in a Pageant und porträtiert Präsidenten von McKinley bis Wilson. White war ein nüchterner Beobachter, mit einem außerordentlich klaren Blick für die menschliche Natur. Er wusste, dass die Menschen vorankommen und sich mit den anderen vertragen wollen und dass der Staat sich aus diesen Dingen heraushalten sollte. Aber, fügte er hinzu, dann sind da noch die Linken, deren Einstellung sich auf das allertraurigste Wort reduzieren lässt: Und doch. Die Rechte spricht vom Glauben, die Linke von Wandel, und viele ärgern sich über die Schwachköpfe der jeweils anderen Seite - doch letztlich sind es die Leute, mit denen wir in der Kantine anstehen. Fröhliches Wahljahr!
1947 geboren, wurde Mamet zuerst als Dramatiker (Oleanna) bekannt. Er schrieb Drehbücher (Wag the Dog) und Romane, inszenierte mehrere Filme (Haus der Spiele) und bloggt regelmäßig in der Huffington Post. Sein Beitrag erschien zuerst in der Village Voice.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP