Iran

Zurück zur Revolution: Was Ahmadineschad antreibt

Von Wolfgang Günter Lerch

Seine Worte sorgen für Wirbel: Ahmadineschad

Seine Worte sorgen für Wirbel: Ahmadineschad

20. Januar 2006 Was treibt Mahmud Ahmadineschad, der seit dem vorigen August Staatspräsident der Islamischen Republik Iran ist? Seine nach außen bedrohlich anmutenden Äußerungen über Israel und den Zionismus, seine Relativierungen oder gar Leugnungen des Holocaust häufen sich zu sehr, als daß man sie als bloße „Ausrutscher“ eines in der internationalen Politikszene Unerfahrenen abtun könnte. Ahmadineschad war, bevor er Präsident wurde, unter anderem Bürgermeister der Hauptstadt Teheran. Als solcher war er tüchtig.

Es war gleichwohl eine Überraschung, die sogar bei vielen Iranern als Schock aufgenommen wurde, als nicht Ali Akbar Rafsandschani, der reiche, machtgeübte und korrupte, aber allen wohlvertraute Mullah, der schon einmal als Staatspräsident amtiert hatte, bei den Präsidentenwahlen im vorigen Jahr gewann, sondern ebendieser Ahmadineschad, der noch immer aussieht wie jene „islamischen Studenten auf der Linie des Imams“, die 1979 die amerikanische Botschaft besetzten, nur entsprechend älter.

Die Erniedrigten und Beleidigten

Auf einem undatierten Jugendfoto

Auf einem undatierten Jugendfoto

Bis heute ist nicht erschöpfend geklärt, warum gerade er gewann. Doch sagen viele, in seiner Person hätten sich ebenjene wiedererkannt, die seinerzeit die Revolution am entschiedensten gewollt und getragen hätten: die „Mostazafin“ genannten kleinen Leute und ärmeren Schichten, die „Erniedrigten und Beleidigten“, die sich von Ahmadineschad eine Rückkehr zu den Prinzipien der revolutionären Anfänge versprächen. In einem Regime, das heute so korrupt ist wie selten zuvor, wäre manches davon tatsächlich dringlich, obzwar man bezweifeln kann, daß es geschieht. Aber eine Veränderung im politischen Gefüge ist zweifelsohne eingetreten. Auch entlud sich bei jenen, die gar nicht abstimmten, viel Enttäuschung über jenen „liberalen“ Staatspräsidenten Seyyed Mohammad Chatami, der zwar manche Lockerungen eingeführt hatte, am Ende jedoch mit all seinen Reformvorhaben für eine dynamische islamische Zivilgesellschaft doch scheiterte.

Daß seither wieder ein anderer Wind weht, ist noch nicht so sehr auf den Straßen und Plätzen der Städte zu bemerken, da haben sich die kleinen Freiheiten - etwa bei den Frauen, wenn sie unter dem Kopftuch „Haar zeigen“ dürfen - erhalten; doch im Regime selbst sind die reformerischen Kräfte einstweilen kaltgestellt worden. Im Parlament saßen schon vorher fast nur Hardliner. Ahmadineschad nahm jetzt an vierzig diplomatischen Vertretungen ein Revirement vor, um Leute seiner Couleur zu installieren. Offenbar galten ihm die vorigen Botschafter in diesen Hauptstädten als zu offen, wohingegen er die „Authentizität“ des islamischen Systems wahren will, das er gefährdet sieht. Diese Wahrung erhoffen sich auch jene, die ihn wählten. Die anderen fürchten nun die endgültige Isolierung ihres Landes. Dies freilich kümmert einen frommen Schiiten wie Ahmadineschad, der auch die Eschatologie in die Politik einbaut und während der UN-Vollversammlung nach eigenen Angaben religiöse „Visionen“ hatte, zunächst weniger.

Kollektive Ausgrenzung

Die Geschichte des Schiitentums kreist um die kollektive Ausgrenzung: vor allem im Islam selbst, wo die Schiiten seit der Frühzeit die Mentalität der „underdogs“ annehmen mußten und sie verinnerlichten. Diese kontrastiert übrigens mit einem Überlegenheitsgefühl über die Araber, die einen zwar erobert haben, aber kulturell von den am Ende schiitisch gewordenen Persern immer nur lernen konnten und dominiert wurden.

Ahmadineschads Worte über Israel, den Zionismus und den Holocaust waren indessen genau berechnet. Sie galten auch jenen Millionen sunnitischer Glaubensbrüder, die in dieser Angelegenheit ebenso denken wie er, wenn sie es auch nicht sagen. Sie zielten auf muslimische Solidarität. „Warum müssen die Palästinenser ausbaden, daß die Nationalsozialisten in Deutschland die Juden verfolgten und vernichteten?“ ist ein oft gehörtes Argument der arabischen Straße, während sich die offizielle Politik in anderen Bahnen bewegt.

Auch in Iran Unmut erregt

Bis heute ist auch eine gegenüber Hitler durchaus freundliche Haltung für die Bevölkerungen des Nahen Ostens nichts Außergewöhnliches, erscheinen Bücher und Traktate, in denen sich Verschwörungsdenken und Geschichtsklitterungen ergänzen. Dennoch hat Ahmadineschad mit seinen Äußerungen auch in Iran schon Unmut erregt. Er gilt zwar als Mann, dessen Loyalität uneingeschränkt dem geistlichen Führer, Ajatollah Chamenei, gehört. Der hatte nach seinen ersten israelkritischen Äußerungen zur Mäßigung gemahnt, bei Ahmadineschad aber nichts erreicht, denn der steigerte seine Attacken sogar und legte nach.

Ahmadineschad (r.) als Frontkämpfer im Krieg gegen den Irak (1980-88)

Ahmadineschad (r.) als Frontkämpfer im Krieg gegen den Irak (1980-88)

Sogar im Lager der sogenannten Konservativen kam hier und da Unmut auf über diese Äußerungen, denn das Regime selbst möchte keinesfalls weiter isoliert werden in der Welt. Bemerkenswert war auch, daß Ahmadineschad seine Kandidaten für das Ölministerium nicht durch das Parlament bekam. Dieser Minister verwaltet immerhin das Schlüsselressort, weil sich achtzig Prozent des Budgets aus dem Erdölexport speisen. Hinzu kommt, daß große Teile der iranischen Jugend alles andere im Sinn haben, als zur Befreiung Jerusalems zu blasen. Sie haben sich innerlich von der Religion und vom Regime abgewandt und versuchen, sich durchzuwursteln in der Teheraner (und iranischen) Unübersichtlichkeit eines schwierigen Alltags. Zumindest bei diesem Teil der Bevölkerung konnte der Präsident mit seinen Angriffen auf die „Zionisten“ wenig erreichen.

Unterstützung in der Atom-Frage

Anders sieht das in der Atom-Frage aus. Ahmadineschad hat erkannt, daß er hier auch jene Teile der Bevölkerung hinter sich weiß, die ihn ablehnen. Schon der Schah begann mit der friedlichen Nutzung der Atomenergie, dieses Recht wollen sich die Iraner nicht nehmen lassen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, unterstützt da das Volk seinen Präsidenten. In der Frage einer künftigen Atombombe freilich spielen Mullahs zudem mit dem Wissen, daß die Europäer militärisch schwach und die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates schwer auf eine Linie zu bringen sind. Der Besitz der Atombombe würde das Regime der Mullahs praktisch unangreifbar machen und ihre bei großen Teilen der Bevölkerung längst diskreditierte Herrschaft zusätzlich sichern. Teheran weist darauf hin, daß es - zwischen Israel im Westen und Indien im Osten - von Atommächten umgeben sei; und am Golf, im Irak und in Mittelasien stünden die Amerikaner oder hätten dort Stützpunkte.

Seine Provokationen sind kalkuliert

Seine Provokationen sind kalkuliert

Diese strategisch durchaus nachvollziehbaren Kalküle führen gleichwohl - nicht nur in bezug auf Israel, sondern die gesamte Region - ins Brandgefährliche, zumal wenn sie von einem Präsidenten vorgetragen werden, der fest mit der Rückkehr und dem Beistand des „verborgenen Imams“ rechnet, falls es zum Armageddon kommen sollte. Anders als für Rafsandschani, für den dieser Tag wohl in weiter Ferne liegen dürfte, hält ihn der endzeitliche „Visionär“ Ahmadineschad für durchaus nicht fern, sondern lebt von und mit der Verheißung des nahen Gerichts.

Text: F.A.Z., 20.01.2006, Nr. 17 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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