Geist und Gehirn (2)

Ohne Gehirn kein Denken

Von Hans J. Markowitsch

22. Juli 2008 Der Hirnforscher Wolf Singer und der Philosoph Peter Janich debattierten in einem auf den Internetseiten der F.A.Z. veröffentlichten Briefwechsel über die Frage der Bedingtheit mentaler durch neurale Prozesse, wobei Singer Janich vorschlug, sich doch zur Klärung dieser Frage für ein Experiment zur Verfügung zu stellen.

Für den Neurowissenschaftler sind Experimente selbstverständlich und man hat auch mal bei Karl Popper gelesen, man könne Thesen nur falsifizieren, nicht aber beweisen. Das angenommen, erscheint die Aufforderung Wolf Singers an Peter Janich, doch ein Experiment zu machen, das den Ablauf zwischen neuralen* und mentalen Vorgängen demonstriert, nachvollziehbar und logisch. Gegenüber diesem Ansinnen wird Janich jedoch grundsätzlich - man merkt, er fühlt sich in die Ecke gedrängt und folglich reagiert er in Vorwärtsverteidigung, mit allen Mitteln, die sein philosophisches Arsenal hergibt.

Was ein Experiment zeigen würde

Deutlich soll werden, dass Experimentieren am lebenden Homo sapiens einer Degradierung zum Versuchskaninchen gleichkommt, die darüber hinaus nicht einmal als „experimentum crucis“ wertbar wäre, und bei der man seiner körperlichen (und womöglich auch seiner geistigen) Freiheit unter der EEG-Haube oder in der Tomographenröhre beraubt würde. Ein solches Szenario lässt den Philosophen erschauern - ein unmoralisches Angebot, wie er abschließend konstatiert. Lieber sollen die Neurowissenschaftler weiterhin des Ignoramus und Ignorabimus bezichtigt werden.

Was wäre - ein Gedankenexperiment - gezeigt, wenn Janichs Hirnaktivität den ihm bewussten Gedanken vorausgingen? Doch nichts Anderes, als dass er und extrapolierend wir alle ohne unser Gehirn nicht zum Denken in der Lage sind. Es wird doch selbst ein Philosoph nicht ernsthaft anzweifeln, dass zumindest alle bisherigen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften dafür sprechen, dass mentalen Prozessen Hirnprozesse zugrunde liegen. Und ein naturwissenschaftlich gebildeter Philosoph sollte doch die sparsamsten Erklärungen bevorzugen - schon im Mathematikunterricht der Grundschule bekommt man schließlich beigebracht, einen Bruch so weit als möglich durchzukürzen.

Wie Hirne denken

Am simpelsten lässt sich die Schlussfolgerung, dass mentalen Prozessen neurale zugrunde liegen, induktiv herleiten: (1) Ohne Gehirn gibt es kein Denken; (2) ein stark geschädigtes Gehirn hat ein massiv eingeschränktes Denken zur Folge (z.B. im Spätstadium der Alzheimerdemenz); (3) ein gering geschädigtes Gehirn hat nur wenig beeinträchtigte Denkleistungen zur Folge (z.B. bei altersbedingten Hirnabbauerscheinungen); (4) ein normales Gehirn hat normale Denkvorgänge zur Folge.

Diese Graduierung ließe sich beliebig verfeinern und es können unzählige Beispiele angeführt werden, die zeigen, wie Pharmaka, Drogen, Alkohol, aber auch transkraniale Magnetstimulationen oder elektrische Hirnreizungen mentale Prozesse verändern - und dies natürlich deswegen, weil sich durch sie unsere neuronalen Netze in ihren Aktivitätskonstellationen verändert haben. Sparsame Erklärungen sind nicht nur eleganter als solche mit vielen Zusatzannahmen von Wenn und Aber, sondern in der Regel auch hinsichtlich Logik und Universalität stabil. Und Wolf Singer kann man abnehmen, dass er niemanden zum Invaliden machen will, dessen Gehirntätigkeit er analysieren möchte: Alle dazu verwendeten Methoden bezeichnet die Medizin als nicht-invasiv und ihr Einsatz hat das Leben unzähliger Patienten signifikant verbessert.

* „Neural“ statt „neuronal“ ist eine Bezeichnung, die sich allgemeiner auf das Nervensystem und nicht allein auf die in ihm befindlichen Nervenzellen bezieht.



Von Hans Markowitsch erschienen zuletzt u.a. die Bücher: „Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung“ (gemeinsam mit Harald Welzer) und „.Tatort Gehirn“ (gemeinsam mit Werner Siefer).






Bildmaterial: picture-alliance/ ZB, Universität Bielefeld

 
 
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