Brasiliens Mythos

Verführung ist hier Bürgerpflicht

Von Hans Ulrich Gumbrecht

Brasilien als Allegorie weiblicher Verführung - Bild von der Modewoche Sao Paulo

Brasilien als Allegorie weiblicher Verführung - Bild von der Modewoche Sao Paulo

26. Oktober 2005 Oft wirkt Brasilien wie Postkarten, die uns aus südamerikanischer Ferne erreichen. Dramatische Bergsilhouetten schmiegen sich im Licht der Sonnenuntergänge ans schäumende Meer; ebenholzschwarze Frauen mit langen Gewändern und tropischen Blüten im Haar füllen Reis, saftige Früchte und gebratenes Fleisch auf die bunten Tonteller der Restaurants; im weißen Sand der Strände räkeln sich junge Mädchen mit so ausführlicher Genüßlichkeit, als wäre es nötig, daran zu erinnern, daß ihre Bikinis nichts als Gesten des Enthüllens und Versprechen an die Begierde sind.

Brasilien als Allegorie weiblicher Verführung beherrscht und blockiert weltweit das Bild des Landes. Dieses afro-exuberante Brasilien ist das Land der Küsten von Rio und der nördlichen Bundesstaaten wie Ceara, Bahia oder Pernambuco. Es ist keinesfalls das Brasilien der Pampa an der Grenze zu Uruguay und Argentinien, es ist gewiß nicht die in ihrer chaotischen Intensität stündlich zusammenbrechende und wiederauferstehende Innenstadt von Sao Paulo, und es ist auch nicht die Ruhe des strahlenden Lichts auf der Hochebene um Belo Horizonte.

Jedenfalls wollen wir alle vier Jahre die charmant verspielte und doch fast immer unschlagbar zielstrebige Eleganz des brasilianischen Fußballs als männlichen Ausdruck unseres erotischen Traums von diesem Land feiern - obwohl doch der fast geizig zu nennende Minimalismus des italienischen und die allzu ungestüme Direktheit des spanischen Fußballs Skepsis gegenüber solchen Gleichungen zwischen sportlichem Formenrepertoire und nationaler Mentalität wecken sollten.

Die Last des Bildes tragen die Frauen

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das Brasilien, von dem man sich verführen lassen möchte, existiert wirklich. Es als „Identitätskonstruktion“ oder gar als bloße Illusion entlarven zu wollen wäre ein banaler Intellektuellenreflex. Erstaunlich ist allein, daß es für die brasilianische Mittelklasse, das heißt: für jenes Viertel oder jenes Drittel der Bevölkerung, das sich langsam zwischen legendärem Reichtum und einer Armut ohne Romantik ausbreitet, zu einer keine Ausnahmen zulassenden Pflicht geworden ist, diesem erotisierten Bild zu entsprechen. Denn viel mehr an Gratifikation als ein kleines Gefühl der Überlegenheit gegenüber den „Gringos“ des puritanischen Nordamerika und gegenüber den sonst eher bewunderten Europäern scheint bei der unablässigen Arbeit am kollektiven Selbst kaum herauszuspringen.

Die Last dieses Bildes tragen allemal die Frauen. Zur Bestätigung genügt es, eine jener in Südamerika beliebten Illustrierten durchzublättern, deren Fotografen auf Bestellung von den Festen der Politiker, Schauspieler und einfach nur Wohlhabenden in Hochglanz berichten. Dort erscheinen tiefste Ausschnitte als ein unentrinnbarer Standard, vor dem weder Alter noch Übergewicht schützen. Selbst wer kaum Formen zu verbergen hat, steht unter der oft peinlichen Pflicht, mit elementaren Gesten der Enthüllung zu spielen. Kommt man dieser Logik auf die Spur, dann zeigt sich bald, daß die Auslagen der Boutiquen in Brasilien die globalen Trends von Farben und Schnitten ignorieren. Immer nur knapp, gewagt, provozierend wollen die Tops, die Röcke und jedenfalls die Bikinis sein, verheißungsvoll durchsichtig und atemberaubend eng - so, als sei der Karneval im Land permanent und allgegenwärtig.

Bitte keine Verpflichtungen

Der Pflicht zur einseitig weiblichen Enthüllung entspricht die Verteilung der erotischen Rollen. Symptom in dieser Hinsicht ist eine derzeit die Werbeflächen der brasilianischen Städte beherrschende Kampagne von „Victoria's Secret“, der es gelungen ist, den Weltmarkt der nördlichen Hemisphäre von lasziven Bildern der französischen Tradition umzupolen auf die herberen Züge eines angloamerikanischen Frauentyps, der sich zwischen sportlichem College-Girl und karrierebewußter Dame mittleren Alters entfaltet. Allein die brasilianischen Victoria's-Secret-Models haben geschürzte Lippen und sehen auch sonst wie Enkelinnen von Brigitte Bardot aus. In satten Lettern fragen sie ihre Bewunderer: „Bereit zum Sex?“

Damit will der dominante Männertyp in einer Gesellschaft nicht konkurrieren, deren ostentative Liberalität zwar seit einigen Jahren ihr Herz für Schwule entdeckt hat, aber nur um so konsequenter die sichtbaren Grenzen zwischen schwuler und heterosexueller Erotik zieht. Ein Mann im Tanga ordnet sich unumkehrbar der schwulen Welt zu - und selbst vor ihr darf die weibliche Verführungspflicht nicht haltmachen. Der heterosexuelle Brasilianer hingegen trägt eher ein Polohemd in dezenter Farbe, wirkt trotz seiner Sandalen stets einsatzbereit für ein Fußballspiel unter Freunden und verhält sich gegenüber der stark aufgetragenen Präsenz von Weiblichkeit wie Trojas Paris am Anfang der Ilias. Er glaubt, stets das Privileg und die Last der Wahl zu haben - und zwar aus komfortabler Distanz und ohne leicht Verpflichtungen für die Zukunft eingehen zu wollen.

Das erklärt wohl, warum eine Mittelklassen-Zurückhaltung vor dem Stand der Ehe, die in einer Zeit entstand, als die brasilianische Militärdiktatur das Recht auf Scheidung kassiert hatte, bis heute fortexistiert, mit der ideologischen Bedeutung eines Emblems für erotische Freizügigkeit.

Eine Super-Mall für die Superreichen

Auch in Brasilien scheinen sich die Reicheren und die Ärmeren dem Sog der Mittelklassen-Normalisierung kaum entziehen zu können. Sie bringt ein breites Spektrum von Übergangsphänomenen hervor. Luiz Inacio Lula da Silva, der aus dem Proletariat von Sao Paulo aufgestiegene und trotz aller durch seine sozialistischen Parteifreunden vom Zaun gebrochenen Skandale immer noch erstaunlich populäre Präsident, hat die staatsmännische Kleiderordnung längst gelockert, läßt von Steuergeldern Parties im sinnenfrohen Stil von Bahia feiern und zeigt sich nur noch selten ohne ein Whiskyglas in der Hand.

Für die Allerreichsten ist vor wenigen Monaten in Sao Paulo eine Super-Mall mit dem erstaunlich nüchtern klingenden Namen „Daslu“ eingerichtet worden, wo die Frauen der sozialistischen Minister inkognito einen Teil des von ihren erstaunlichen Gatten geschaffenen Vermögens ausgeben, die auf ihre Identität pochenden Freundinnen der Fußballstars treffen und die Töchter des Gouverneurs von Sao Paulo sich bedienen lassen.

„Daslu“ inszeniert sich in der Exklusivitätstradition der kolonialen Oberschicht: Blendend aussehende junge Männer in Livree und mit kaffeebrauner Haut öffnen den Wagenschlag, während den Fahrern - Kunden ohne Fahrer sind nicht vorgesehen - die Wartezeit durch ein Lunchpaket verkürzt wird. Aber selbst die kapitalschweren Damen und Fräuleins dieser Umgebung unterwerfen sich dem exhibitionistischen Kleidercode, obwohl sie in „Daslu“ eher Chanel oder Prada kaufen; die wenigen Männer meist fortgeschrittenen Alters in ihrer Begleitung tragen Lacoste; und die Töchter des Gouverneurs an der elegant kaschierten Kasse geben sich selbst im Gespräch mit amerikanischen Kunden leutselig und polyglott.

Literarische Zurückhaltung

Wenn man der nationalen Literatur trauen will, dann kannte das Selbstbild der Brasilianer nicht von jeher solch ehrgeizige Freizügigkeit. Iracema, die Titelheldin eines 1865 veröffentlichten Buchs, dem es gelang, zum Mythos Brasiliens zu werden, war eine scheue Indianerin im Stil der Helden von Chateaubriand, die sich zwar dem Portugiesen Martim Soares Moreno hingegeben hatte, aber bald schon ein eher tränenreich-melancholisches Leben der Erziehung ihres Sohns Moacir, des ersten Brasilianers, widmete. Die Liebespaare in den um die Jahrhundertwende entstandenen Romanen des Klassikers Machado de Assis legten aristokratische Zurückhaltung und manchmal sogar Scheu an den Tag.

Erst in den zwanziger Jahren, auf dem Höhepunkt jener Moderne, der in Europa die exotische Andersartigkeit Afrikas für sich entdeckte, wurden auch die brasilianischen Literaten von einem Begeisterungstaumel für die weniger zurückhaltenden Komponenten der Nationalidentität erfaßt. In schneller Folge erschienen Texte wie das „Manifest der Anthropophagie“ von Osvaldo de Andrade und der an Marinettis futuristischen Afrika-Helden Mafarka erinnernde Roman „Macunaima“.

Embleme der brasilianischen Kultur

Doch die Bücher, deren unvergleichlich breitere Rezeption das Bild der brasilianischen Mittelklasse von sich selbst für immer verändern sollten, jene Bücher, die bis heute der halbwegs gebildete Brasilianer gelesen zu haben vorgeben muß, wurden von Anthropologen und Soziologen geschrieben. 1933, noch vor der Gründung der ersten brasilianischen Universität, veröffentlichte Gilberto Freyre „Casa-grande e senzala“ („Herrenhaus und Sklavenhütte“), eine packend geschriebene und luxuriös dokumentierte Geschichte der aus einer Mischung von portugiesischen und afrikanischen Elementen entstandenen Kultur des brasilianischen Nordens, die Freyre selbst und bald schon Generationen von begeisterten Lesern mit der nationalen Identität gleichsetzen wollten.

Erst die Kultur des nordamerikanischen Bundesstaats Louisiana, den Freyre während einer Gastprofessur in Stanford besuchte, hatte ihn aufmerksam gemacht auf jene Phänomene, die seither als Embleme der brasilianischen Kultur gelten: für den „Genuß des bequemen Sofas, des Schaukelstuhls, des guten Essens, der Frauen, der Pferde, des Spiels“. Nur drei Jahre später erschien „Raizes do Brasil“ („Wurzeln Brasiliens“), das Meisterwerk des gleichaltrigen, vor allem von Max Weber beeindruckten Journalisten Sergio Buarque de Holanda, in dem das von Freyre eröffnete, schon zur Norm werdende Panorama um zwei weiteren Elemente ergänzt wurde: um „Plastizität“ („plasticidade“, einen Soziologismus für die angeblich typisch brasilianische Bereitschaft zur Rassen- und Kulturmischung) und um die „Informalität im Umgang“.

Sehnsucht nach zu Hause

Daß Darcy Ribeiro, ein marxistischer Soziologe der nächsten Generation, nicht umhinkonnte, Gilberto Freyre, der seinerseits eine Schwäche für südamerikanische Faschismus-Varianten hatte, als „Gründer der Kulturnation Brasilien, als Cervantes, Camoes, Tolstoi“ seines Landes zu feiern, ist im Hinblick auf die Rezeption und langfristige Wirkung von „Casa-grande e senzala“ gewiß keine Übertreibung. Durch die Jahre des Grundbesitzer-Faschismus unter Getulio Vargas, des von Brasilia-Gründer Juscelino Kubitschek vertretenen Staatssozialismus und der Militärdiktaturen muß dieses sympathische, wenn auch durchaus verengte Selbstbild als ein ideologisches Vademekum für die damals erst entstehende Mittelschicht gewirkt und sich wie eine sanfte Droge verbreitet haben.

Innerhalb der eigenen Grenzen gibt dieses Gefühl, unwiderstehlich erotisch zu sein, der brasilianischen Gesellschaft erstaunliches Selbstbewußtsein und bemerkenswerte Kohärenz. Brasilianer im Ausland hingegen macht es gelegentlich fassungslos, wenn Exuberanz und informelles Verhalten für Vulgarität und mangelnde Kinderstube gehalten werden. Dann sehnen sie sich nach den aristokratischen Formen der Kolonialzeit zurück - oder einfach nach zu Hause.

Text: F.A.Z., 26.10.2005, Nr. 249 / Seite 44
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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