Von Michal Hvorecky

Wäre der Kapitalismus bloß im Westen geblieben: Passanten in Bratislava vor einer McDonald's-Werbung
15. Juni 2009 In fünf Jahren sind wir wirtschaftlich auf dem Niveau von Österreich!, rief der Mann ins Megafon. Ich war außer mir vor Begeisterung und die Menschenmenge um mich her auch. Ich war dreizehn, es war der eiskalte November 1989, und der Mann hieß Milan Knazko, Schauspieler, Volkstribun und Anführer der slowakischen demokratischen Opposition. Für viele Bratislavaer, nur sechzig Kilometer von Wien entfernt lebend, war gerade der neutrale Nachbarstaat ein Vorbild, ein Traumland, eine idyllische Scheinwelt, eine Projektionsfläche aus dem isolierten Gefängnis des Realsozialismus heraus. Auf dem Platz herrschte ausgelassene Stimmung, alle waren begeistert, jenes neuartige Gefühl zu erleben: Alles ist möglich!
Milan Knazko absolvierte in den folgenden zwanzig Jahren eine typische osteuropäische Nachwendezeit-Erfolgskarriere: Er war Außenminister der Tschechoslowakei, stand dann politisch dem Rechtspopulisten Vladimír Meciar sehr nahe, war Kulturminister der Slowakei, später Direktor eines erfolgreichen privaten Fernsehsenders, Promitänzer und ewiger Talkshowhost. Nebenbei spielte er noch ab und zu in amerikanischen B-Movies wie Hostel 2, wo er als russischer Mafioso Sascha gerne Kindern kaltblütig in den Kopf schoss. Mit Sicherheit hatte sich für ihn bereits um 1994 herum das (selbst gegebene) Wohlstandsversprechen erfüllt. Doch wie sah es mit dem Rest des Landes aus?
Wer es nicht schafft, ist selber schuld
Sieben Jahre lang, von 1999 bis 2006, machte die Slowakei international Schlagzeilen als Musterbeispiel für erfolgreiche neoliberale Reformen. Der ärmere und fast unbekannte Bruder Tschechiens, oft mit Slowenien verwechselt oder völlig vergessen, senkte sämtliche Steuern auf neunzehn Prozent, was nur der Anfang eines rasanten Strukturwandels war. Das chaotische System kommunistischer Bürokratie wurde endlich vereinfacht und das Finanzsystem des verschlafenen Landes übersichtlicher. Die Reaktionen in ausländischen Wirtschaftskreisen waren durchaus positiv, Investoren aus aller Welt kamen in die Slowakei, und in der Folge beschleunigte sich das Wirtschaftswachstum, und die Arbeitslosenzahlen sanken dramatisch.
Das jährliche Wirtschaftswachstum von zehn Prozent übertraf sogar die optimistischsten Prognosen und machte die Slowakei zum ersten Mal in der Geschichte zum Primus in der Region. Glamour und Luxus waren die Wörter, die man damals auf den Reklamewänden am häufigsten las. Die neuen Superreichen meldeten sich lauthals zu Wort. 250 Quadratmeter Penthouse mit Dachterrasse an der Donau? Eine eigene Segeljacht? Bitte schön! Wer es nicht schafft, ist selber schuld.
Die Kauflaune muss künstlich stimuliert werden
Doch das alles scheint lange her zu sein. Trotz Lob im Ausland wurden die slowakischen Neoliberalen 2006 abgewählt und durch eine der skurrilsten Regierungskoalitionen Europas ersetzt, bestehend aus den enorm populären postkommunistischen Sozialdemokraten und zwei kleineren rechtspopulistischen Parteien. Das Zurücknehmen aller Reformen war das erfolgreiche Hauptthema im Wahlkampf, doch in der Realität änderte sich wenig. Premierminister Robert Fico behauptet allerdings, dass es unter seiner Ägide mehr soziale Gerechtigkeit und weniger regionale Spaltung gibt. Ficos Rekordhöhen erreichende Popularität bestätigt, dass ihm das Volk immer noch glaubt und die von ihm vollzogene Abkehr vom Privatisierungskurs ankommt. Doch der letzte Jahreswechsel brachte eine ganz neue Situation.
Die Einführung des Euro am 1. Januar 2009 ersparte der Slowakei, anders als ihren Nachbarn Tschechien, Polen und Ungarn, die Schockwellen der globalen Finanzkrise. Auf den neuen Euro-Münzen prangen das slowakische Doppelkreuz, die Bratislavaer Burg und das Nationalsymbol, das Krummhorn in der Hohen Tatra. Zum ersten Mal war der Euro kein Teuro, die sowohl in slowakischen Kronen als auch in Euro angegebenen Preise in Läden und Restaurants blieben unverändert. Von den Folgen der Rezession blieb das Land trotzdem nicht verschont. Die Autohersteller in der Slowakei - neben VW haben auch Peugeot/Citroën und Kia riesige Fabriken bei uns - erwarten für dieses Jahr einen Rückgang der Produktion um bis zu 25 Prozent. Die slowakische Auto-Monokultur könnte bald zur Detroitisierung des ganzen Landes führen. Die im März auch in der Slowakei eingeführte Verschrottungsprämie hat der Wirtschaft geholfen - allerdings der tschechischen, wo die billigen Skodas für die Slowaken gebaut werden. 2000 Euro Prämie! Das stieß in der Öffentlichkeit auf enormes Interesse, doch der Hyperkonsum der kurzen Konjunkturphase ist vorbei, und die Kauflaune muss inzwischen künstlich stimuliert werden.
Schlechter bezahlt als österreichische Putzfrauen
Der mitteleuropäische Tiger ist müde. Und die Regierung zeigte sich in dieser schwierigen Zeit wenig kompetent, schlecht vorbereitet und korrupt. Der große Redekünstler Fico schweigt; seine Regierung versinkt in Skandalen. Nicht nur der Markt, sondern auch das politische Leben braucht jetzt rasche und gezielte Hilfe zur Stabilisierung. Das wird nicht leicht im Euro-Neuling-Land, wo viele Leute erst jetzt wirklich verstehen, wie wenig sie im Vergleich zu den anderen eigentlich verdienen. Meine Mutter bekommt mit dreißig Jahren Berufspraxis als Sonderpädagogin im Monat 650 Euro brutto, und das bei Lebenshaltungskosten, die denen im Westen schon gefährlich gleichen. Und dieser Lohn soll jetzt auch noch eingefroren werden? Die Regierung behauptet, das Volk müsse dringend sparen, doch geht es überhaupt noch sparsamer?
Gerade Wissenschaftler, Künstler und Akademiker verdienen auch zwanzig Jahre nach der Wende extrem wenig, sie werden immer noch schlechter bezahlt als österreichische Putzfrauen und müssen mit 700 Euro auskommen. Wenn nicht alle einen Nebenjob hätten, könnten sie sich niemals über Wasser halten. Die Geldbörsen der Slowaken sind voll mit Euro-Münzen, nicht mehr mit Banknoten.
Vieles erinnert an ein Dritte-Welt-Land
Jeder zehnte Slowake lebt in dauerhafter Armut, und das Wachstum hat sich drastisch verlangsamt. Der Bauboom hat sich abgeschwächt. Ein Großteil der Infrastruktur - Fernstraßen, Fußwege, Schulen, Bibliotheken - bleibt unterentwickelt und erinnert an ein Dritte-Welt-Land. Schafft meine Heimat wirklich nicht mehr?
Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist in der Slowakei eine Generation herangewachsen, die den Kommunismus nicht mehr erlebt hat. Die Freiheiten, die die heutigen Twens genießen, sind aus dem epochalen Systemwechsel vom November 1989 erwachsen. Damals waren ihre Eltern um die zwanzig und entdeckten das Neuland. Unter ihnen auch der Schauspieler Milan Knazko. Was macht er eigentlich heute? Vor kurzem spielte er in einem Thriller einen deutschen Massenmörder aus den zwanziger Jahren. Hauptberuflich moderiert er jedoch eine neue Fernsehsendung mit dem Titel So sind wir mal gewesen, womit sich der Kreis wunderbar schließt. Dort zeichnet er nämlich ein idyllisches Bild von der Vergangenheit, als der Osten noch so wunderbar unkapitalistisch, ruhig und unschuldig war.
Der Schriftsteller Michal Hvorecky, geboren 1976 in Bratislava, veröffentlichte in diesem Frühjahr den Roman Eskorta
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar