Medienkonsum

Die Kinder sind schuld

Ganz klar: Es schadet nichts

Ganz klar: Es schadet nichts

18. November 2005 Nein, die Killerspiele sind es nicht. Die Wissenschaft hat's nachgewiesen, oder besser: kann's nicht nachweisen. Nein, vier, fünf Stunden Fernsehen am Tag sind es auch nicht. Die Dauerpopbeschallung aus Kopfhörern? Wer wollte behaupten, daran liege es? Das sind doch auch nur fiktionale Welten.

Daß Zwölfjährige in Filme für Achtzehnjährige gehen, das heißt: gelassen werden - was soll das schon ausmachen? Daß sie umfangreich telefonieren - 1,6 Millionen Mobiltelefone waren 2004 im Besitz deutscher Kinder -, downloaden, surfen, das ist eben modern. So ist das nun mal, sie gehen etwa 10.000 Stunden ihres Lebens zur Schule und konsumieren währenddessen im Durchschnitt 12.000 Stunden lang Bildmedien und Musik. Das ist doch bloß gelebte Binnenkonjunktur, wenn die Hälfte von ihnen einen eigenen Fernseher hat. Da muß doch eigentlich nur noch Medienkompetenz her, am besten von den Medienwissenschaftlern, die sich bei den Killerspielen - was für ein gemeiner Name für so ein Gesamtkunstwerk - oder in der Horrorfilmfolgenentwarnungsforschung auskennen.

Sie wollen nur spielen

Apropos Kompetenz: Siebzig Prozent der Kinder zwischen sechs und dreizehn entscheiden selber, was sie anziehen. Und wenn ihre Mode sich dann an der Popwelt und diese sich an Praktiken aus der Exklusionszone - Tätowieren, Piercen, Gefangenenhosen, Animierkostüme - orientiert, was wäre denn harmloser? Sie wollen doch nur spielen. Das war doch schon immer so. Und an dem bißchen Alkohol bei Feiern, daran kann es ja nun wirklich nicht liegen, wie sollten denn ausgerechnet Eltern daran Anstoß nehmen, die selbst gehascht haben? Und, hat es ihnen geschadet? Spaß muß sein.

Und wenn sie nun einmal nicht gern frühstücken. Und mit sieben eben um Pokemon quengeln. Und mit zwölf stundenlang auf virtuelle Puppen ballern. Und es mit vierzehn uncool finden, vor Mitternacht wiederzukommen. Und wenn sie dann beim stillen Lesen nervös werden, weil das Buch selbst nicht flimmert. Und darum das Lesen einstellen, bis hinauf ins Studium. Und andere sich folgerichtig auch beim Sprechen auf die paar Signale einschränken, mit denen man durchkommt, ey Alter, du verstehst schon.

Kopieren praktischer als Nachschlagen

Wenn überhaupt alles entweder gleich passiert oder blöd ist. Und wenn sie darum glauben, am besten sei es, wenn einem das gute Leben in Form von Geld und Bräuten senkrecht vor die Füße fällt wie dem Popstar, weil es ja eh nur einen Klick weit entfernt ist. Und denken, Erfolg sei eine Funktion von Reaktionsgeschwindigkeit. Und Kopieren praktischer finden als Nachschlagen, -lesen, -denken. Und wenn die Wirklichkeit für sie ein Glücksspiel ist, mit ein paar Drahtziehern hinter der Benutzeroberfläche, auf der weder Naturgesetze gelten noch andere.

Wenn das alles geschieht - und jeder Lehrer weiß, daß es geschieht -, dann sind sie es alle nicht gewesen: McDonald's und Nintendo nicht, die Eltern nicht, die Schulen nicht und nicht die Universitäten, das Fernsehen nicht und nicht die Pop- und nicht die Filmindustrie, weder die Erziehungs- noch die Medienwissenschaftler, weder die Gewaltspielehersteller noch die Gewaltspielerforscher, deren Forschung dem Horror nicht nachsteht, den sie erkunden, noch auch die Gewaltglücksspielpophorrorbildwelt-Hermeneuten, denen zu jeder elektroblutigen Reizreaktionsdrecksdroge sofort wie auf Mausklick ein ästhetisches Zitat und ein kultursemiotischer Scharfsinnsgedanke einfallen.

Niemand von ihnen ist's gewesen, und alles ist ganz normal, Ballern ist folgenlos, Fernsehen auch, und die nervösen Kinder und die Schulabbrecher und die Jugendgewalt und die leseunfähigen Fünfzehnjährigen, die bringt der Storch.

Text: kau / F.A.Z., 18.11.2005, Nr. 269 / Seite 33
Bildmaterial: REUTERS

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