Burma und der Westen

Welche Hilfe für Burma?

Von Jochen Buchsteiner, Thailand

07. Juni 2008 Wenn Filmschauspieler, Musiker und Fernsehstars ein außenpolitisches Thema entdecken, bietet es meistens einen emotionalen Bezugspunkt. Es waren die blutüberströmten Mönche, die fünfundzwanzig Hollywoodgrößen dazu brachten, dem UN-Generalsekretär einen Brandbrief zu Burma zu schreiben. Die Aufmerksamkeit, die Prominente auf ferne Länder lenken, hat ihre positiven Effekte. Sie verschiebt Horizonte der Wahrnehmung und kann hilfreiche Unterstützung erzeugen. Medialisierung durch „Celebrities“ verführt aber auch zum Holzschnitt. Während in China der tibetische Heiligenschein die blutrünstige Fratze Pekings ins Licht zu setzen scheint, sehen wir in Burma eine demokratische Musteropposition einer zynischen Militärjunta gegenüber. Dies wird den Realitäten nicht gerecht und verleitet zu Fehlurteilen.

So gesehen kommt der Versuch, das überkontrastierte Burma-Bild des Westens in Frage zu stellen, den die Publizistin Alice Schwarzer an dieser Stelle unternommen hat, zur rechten Zeit. Manche ihrer Argumente mögen für naiv gehalten werden, andere für ideologisch oder einfach falsch, aber Widerspruch, selbst wirrer, hat noch keiner Debatte geschadet. Insofern verwundern die wutentbrannten, teils maßlosen Repliken - dies umso mehr, als sie ihrerseits nicht frei von Denkfaulheit und Selbstgerechtigkeit sind.

Ein befremdliches Porträt

Im Kern geht es um die Frage, wie der Westen mit Burma umgehen soll. Die Antwort hängt von der Definition des dortigen Zustands ab. Frau Schwarzer, die sich unglücklicherweise auf ihre Urlaubserlebnisse beruft, zeichnet das Bild eines Landes, das sich recht idyllisch mit Armut und Unterdrückung eingerichtet hat. Ungemach wittert sie weniger von Seiten der Militärjunta als von Seiten des Westens, der das Volk kulturell verderben könnte. In einer Mischung aus postkolonialer Betroffenheit und altlinker Sozialromantik sieht sie in der aus eigener Kraft gewachsenen militärgenossenschaftlichen Diktatur das „kleinere Übel“. Das größere erblickt sie in westlicher Einmischung.

Die meisten Burmesen dürfte dieses Porträt befremden. Zwar sehen sie sich nicht in jenem Kerker, in dem viele sie zu wissen glauben, aber Frau Schwarzers kitschiger Verklärung würden sie auch nicht folgen. Die Menschen in Burma haben Vetternwirtschaft und staatliche Willkür satt und streben wie alle Menschen mehr Wohlstand und Sicherheit an. Angst vor kultureller Überfremdung gehört dabei zu ihren geringsten Sorgen. Neidisch blicken sie auf die Nachbarn, denen es mitnichten geschadet hat, mit der demokratischen Idee anzubändeln. Thailänder, Filipinos oder Indonesier leben heute in vergleichsweise freien Gesellschaften, und das bei steigendem Lebensstandard.

Sanktionen ohne Wirkung

Die Frage lautet daher nicht, ob die Burmesen eine Veränderung ihres Systems wünschen, sondern wie diese zu erreichen ist. Hier machen es sich die Gegner Frau Schwarzers zu einfach, wenn sie die Parolen einfallsloser Politiker wiederholen, den Generälen noch mehr Daumenschrauben anzulegen oder gar mit Helfern einzumarschieren. Eine humanitäre Intervention, wie sie der französischen Außenminister Kouchner kurz nach dem Wirbelsturm ins Gespräch gebracht hat, ist schon wegen chinesischer Widerstände undenkbar, und die Politik des Dauerdrucks wird seit Jahren erfolglos praktiziert. Solange China, aber auch Indien, Thailand und Singapur einträgliche Geschäfte mit Burmas Herrschern betreiben, werden die Sanktionen des Westens ohne Wirkung bleiben.

Politische Erneuerung, das bemerkt Frau Schwarzer zu Recht, muss von innen kommen. Dabei sollten wir helfen. Die Reformkräfte in Burma - und das sind eben nicht nur die greisen Funktionäre der NLD und deren standfeste Führerin Aung San Suu Kyi - verdienen Unterstützung. Das heißt nicht weitere Sanktionen, auch wenn die eingesperrte Friedensnobelpreisträgerin sie gutheißt, sondern im Gegenteil: Entwicklungshilfe, Wirtschaftsbeziehungen, (klandestine) politische Zusammenarbeit, Hochschulstipendien, selbst Tourismus - auf allen Ebenen sollten die Löcher vergrößert werden, durch die westliche Einflüsse ins Land sickern können.

Durch die Hintertür

Asien ist reich an Anschauung, wie sich Völker von Militärdiktatoren befreiten. Als der indonesische General Suharto nach mehr als drei Jahrzehnten in die Knie gezwungen wurde, stützte sich die „Reformasi“-Bewegung auf eine Opposition, die vorher niemand ernst genommen hatte. Beflügelt wurde sie weniger von großen Figuren als vom Wissen um Alternativen. Die Indonesier hatten eine Idee von Freiheit, von Transparenz und Demokratie, weil sie westliches Fernsehen kannten, westliche Freunde besaßen, an westlichen Universitäten studiert hatten.

Burma ist nicht Indonesien, aber es ist weniger isoliert, als es scheint. In den Geschäften gibt es Radios und Satellitenschüsseln, nicht alle Seiten sind im Internet blockiert. Was fehlt, ist dauerhafter und selbstverständlicher Austausch mit der Welt und ihren Angeboten. Kurzfristig mag er die Junta festigen, aber auf längere Sicht kann er ihr System perforieren. Die „wahren Freunde Burmas“, die Frau Schwarzer beschwört, bauen keine Mauer um das Land. Sie wollen es durch die Hintertür öffnen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
 
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