Kurras und die Folgen

Kein Geld von drüben - rebelliert hätten wir auch so

Von Peter Schneider

Kein Geld von der SED, wohl aber von Augstein und Nannen: Löscharbeiten vor dem Springerhochhaus nach Demonstrationen im April 1968

Kein Geld von der SED, wohl aber von Augstein und Nannen: Löscharbeiten vor dem Springerhochhaus nach Demonstrationen im April 1968

05. Juni 2009 Ist die sensationelle Nachricht über die Stasi-Identität von Karl Heinz Kurras, des Kriminalbeamten, der den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, ein Anlass, die Ereignisse unmittelbar vor und nach dem 2. Juni 1967 neu zu bewerten? Ich bejahe diese Frage. Spekulationen darüber, ob die Reaktion der Studenten, der Öffentlichkeit, der Springer-Presse, des Berliner Senats und wohl auch der Justiz nicht anders ausgefallen wäre, wenn Kurras damals als Spitzenagent des Ministeriums für Staatssicherheit aufgeflogen wäre, sind unvermeidlich.

Reicht diese Nachricht aus, die Motive der Studenten bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch, ihre Empörung über die Prügelorgie der Polizei, über die Hetzparolen der Springer-Presse und über die politische Führung West-Berlins, die sich blind hinter ihren Polizeipräsidenten Erich Duensing und den Todesschützen Kurras stellte, zu entkräften? Ich bestreite diese These.

Nützliche Idioten des Ostens

Nehmen wir an, durch weitere Enthüllungen ließe sich der Nachweis führen, dass ein guter Teil der Studentenführer durch Erich Mielke und seinen famosen Vize Markus Wolf gelenkt wurde – wäre damit auch die weltweite Rebellion von ’68 diskreditiert? Man hätte einen interessanten Sonderfall: eine durch die Stasi korrumpierte deutsche Studentenbewegung ohne moralische Glaubwürdigkeit und eine weltweite Bewegung, deren Protest gegen falsche Autorität, gegen überholte Lebensformen und gegen den verbrecherischen Krieg der Vereinigten Staaten in Vietnam sich durch den langen Arm der Stasi jedenfalls nicht erklären ließe.

Solche Überlegungen haben anlässlich der Enthüllungen über Kurras Konjunktur. Der Historiker Michael Wolffsohn behauptet in der „Welt“, „das Bild der BRD als Polizeistaat sei von der DDR erzeugt“ gewesen. Der Chefredakteur der „Welt“, Thomas Schmid, versucht sich an dem Nachweis, die Berichterstattung der Springer-Zeitungen über den 2. Juni sei entschieden „differenzierter“ gewesen als bisher bekannt. Aber er konzentriert sich auf „Die Welt“ und spart „Bild“ und „BZ“ weitgehend aus. Schlagzeilen wie: „Stoppt den Terror der Jungroten jetzt“ und „Man darf die Drecksarbeit auch nicht der Polizei überlassen“ lassen sich unter der Rubrik „ausgewogene Berichterstattung“ nicht leicht unterbringen.

Der neue Tenor ist im Prinzip der alte: alles nichts als Schein und Selbsttäuschung. Die demonstrierenden Studenten waren weitgehend von der SED und der Stasi beeinflusst und die nützlichen Idioten des Ostens.

Kraushaar zitiert mich falsch

Zu meiner Überraschung setzt sich nun auch Wolfgang Kraushaar, fraglos einer der besten und gründlichsten Historiker der Bewegung, auf dieses Pferd. In der F.A.Z. vom 27. Mai (siehe Kurras-Debatte: Die Schrille nach dem Schuss) stellt er die Überlegung an, viele Alt-Achtundsechziger verweigerten sich den „neuen Erkenntnissen“, weil sie ihr altes „Feind-und Weltbild“ gefährdeten. Mir wirft er den „angestrengten Versuch“ vor, die Rolle der Stasi zu verharmlosen, weil ich die „narzisstische Kränkung“ nicht ertragen könne, dass die Springer-Kampagne eben kein selbständiges Unternehmen der Neuen Linken war, sondern ihre Wurzeln in Ost-Berlin hatte.

Zunächst einmal: Kraushaar zitiert mich falsch. In einem Streitgespräch im April 2008 mit Ernst Cramer, dem Chef der Axel-Springer-Stiftung, habe ich eben nicht gesagt, die „Apo habe keine Geldmittel aus Ost-Berlin erhalten“. Ich habe gesagt, „wir“ – die Mitarbeiter der „Enteignet Springer“-Kampagne – hätten keine solchen Geldmittel erhalten, beträchtliche Summen dagegen von Rudolf Augstein und Henry Nannen. Und dabei bleibe ich – bis zum Beweis des Gegenteils. Was ich beanstande, ist die unsaubere Methode von Kraushaar. Er benutzt Analogieschlüsse als Beweise: Weil die SED längst vor der Studentenbewegung die Enteignung Springers proklamierte, muss die Studentenbewegung, die dieselbe Forderung aufstellte, von der SED und ihrem Geheimdienst manipuliert worden sein. Diesem Muster folgend könnte man auch behaupten, die Anti-Raucher-Kampagne der Neunziger sei von ehemaligen Nazis inspiriert gewesen, weil Adolf Hitler bekanntlich die weltweit erste Kampagne gegen das Rauchen gestartet hat.

Von „drüben“ manipuliert

Auch in Kraushaars glänzend dokumentiertem Artikel „SED, Stasi und Studentenbewegung“ fehlt es an einer methodisch sauberen Gewichtung, ob die nachgewiesenen Versuche der Stasi, einzelne Akteure und Institutionen der Studentenbewegung zu kontrollieren, auch zum Erfolg führten – also dazu, dass die Studentenbewegung insgesamt von „drüben“ manipuliert und gesteuert wurde.

Ich könnte durchaus damit leben, wenn sich herausstellte, dass unter den Hunderten von Studenten in den Springer-Arbeitskreisen der eine oder andere bezahlte Stasi-Spitzel saß. Aber würde das beweisen, dass die ganze Kampagne vom Osten aus gesteuert wurde?

Ehrlich gestanden, graut mir ein bisschen vor ehrgeizigen Historikern, die mir aus den Akten mit Forscherstolz die „Wahrheit“ über diesen Abschnitt meines Lebens erklären.

Der Schriftsteller Peter Schneider, Jahrgang 1940, hat zuletzt die autobiographische Erzählung „Rebellion und Wahn“ veröffentlicht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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