Ausstellung: Pius XII.

Korrektur einer schwarzen Legende

Von Patrick Bahners

Papst Pius XII. im Jahr 1945 während eines Gebets im Vatikan

Papst Pius XII. im Jahr 1945 während eines Gebets im Vatikan

16. Februar 2009 Wie mag die deutsche Bundeskanzlerin wohl auf den Gedanken gekommen sein, Papst Benedikt XVI. darüber belehren zu sollen, dass es „natürlich einen positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt geben muss“? In ihrer Einlassung während einer Pressekonferenz mit dem Präsidenten Kasachstans am 3. Februar forderte Angela Merkel zwei „Klarstellungen“ von Seiten „des Papstes und des Vatikans“: erstens eine öffentliche Erklärung, „dass es keine Leugnung [des Holocaust] geben kann“, und zweitens im weiteren Zusammenhang eine Erklärung mit dem oben zitierten Inhalt.

Aus ihrer Sicht seien diese Klarstellungen „noch nicht ausreichend erfolgt“. Es ist sofort darauf hingewiesen worden, dass die Aussagen, die der Papst in seiner Mittwochsaudienz am 28. Januar zur Holocaustleugnung gemacht hatte, an Klarheit nicht zu überbieten waren. Findet die diplomatische Fehlleistung der Kanzlerin ihre Erklärung im zweiten Punkt ihres Forderungskataloges? Verlangte sie eine Klarstellung, wo der Papst Klarheit hergestellt hatte, weil sie in dem Eindruck befangen war, im Verhältnis der katholischen Kirche zum „Judentum insgesamt“ gebe es Unklarheiten? Aber auf welche Anhaltspunkte hätte sich dieser Eindruck stützen können?

Das Schweigen des Papstes

Welche Ansicht wird ihm gerecht? Pius XII. als Skulptur

Welche Ansicht wird ihm gerecht? Pius XII. als Skulptur

Als eifrige Medienkonsumentin mag Frau Merkel beispielsweise bemerkt haben, dass es wegen der Person von Papst Pius XII. immer wieder zu Trübungen der religionsdiplomatischen Atmosphäre kommt. Gruppen und Personen, die für das Judentum das Wort nehmen, warnen den Papst davor, das 1965 eingeleitete Verfahren zur Seligsprechung seines Vorgängers, der 1876 als Eugenio Pacelli geboren wurde und von 1939 bis 1958 regierte, mit einem positiven Bescheid abzuschließen. Sogar ein israelischer Minister äußerte sich im vergangenen Jahr in diesem Sinne. Sollte Benedikt Pius in absehbarer Zeit seligsprechen, würden Schlagzeilen zweifellos eine neue schwere Belastung der katholisch-jüdischen Beziehungen beschwören. Dass das zu befürchten ist, dass Pacelli im populären Geschichtsbewusstsein zu den zwielichtigen Gestalten des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn nicht gar zu den Hauptübeltätern gehört, verdeutlicht, wie sehr das von der Erinnerung an das Menschheitsverbrechen der Schoa bestimmte öffentliche Gedächtnis allen Leugnungsverboten zum Trotz mythische und irrationale Muster ausgebildet hat.

Eine Ausstellung des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, die in Deutschland in Berlin und München gezeigt wird, den beiden Städten, in denen Pacelli von 1917 bis 1929 als Nuntius wirkte, versucht jetzt eine offiziöse Korrektur der schwarzen Legende des Pacelli-Pontifikates - mit einfachen, aber durchaus wirkungsvollen Mitteln. In diesem Fall wirkt nämlich schon die knappe Darstellung elementarer Tatsachen aufklärend. Als die Deutschen 1943 Rom besetzten, konnten die meisten römischen Juden gerettet werden, weil der Papst ihnen in kirchlichen Gebäuden Zuflucht bot. Am 25. Juni 1944 protestierte Pius XII. in einem Telegramm an den ungarischen Reichsverweser Horthy gegen die Deportationen der ungarischen Juden. Die Deportationen wurden angehalten. Wegen solcher Handlungen und Worte ehren viele Juden bis heute den Pacelli-Papst als Wohltäter des jüdischen Volkes. Auch die Kontroverse über das sogenannte Schweigen des Papstes zum Holocaust kann ihn nicht in einen Feind der Juden oder einen indifferenten Beobachter verwandeln.

Ribbentrop ließ mit Vergeltung drohen

Nicht der Charakter Pacellis ist umstritten; das sachliche Moment der Kontroverse ist eine eher moralphilosophische Frage: Was hätte ein Protest des Papstes bewirkt, der vor der Weltöffentlichkeit den Massenmord an den Juden beim Namen genannt hätte? Leider begnügt sich die Ausstellung mit dem Nachweis, dass von einem Schweigen im Wortsinn nicht die Rede sein kann. Es war wohl eine Idee des deutschen Ausstellungsgestalters Ingo Langner, im letzten Saal zu dem Schriftzug „Hier hören Sie das Schweigen des Papstes“ das Tonband der Weihnachtsansprache von 1942 abzuspielen, in der Pius XII. Klage führte im Namen der „vielen Hunderttausend Menschen, die ohne den Hauch einer eigenen Schuld, sondern allein aufgrund ihrer Nationalität oder ihrer Herkunft zum Tod oder zu langsamer Verelendung verurteilt sind“.

Mit diesem Dokument ist aber nur die plumpeste Bosheit widerlegt. Subtileren Formen der historischen Ungerechtigkeit hat die Polemik dieses Ausstellungskapitels leider sogar neue Nahrung gegeben, einer Spitzfindigkeit und Besserwisserei, die Pacelli im Hochgefühl heutiger moralischer Selbstgewissheit mit Vorliebe die juristische Denkweise vorhält, die das Ergebnis seiner kirchendiplomatischen Ausbildung war. Mit Recht weist die Ausstellung darauf hin, dass die Weihnachtsbotschaft von 1942 im Zusammenhang der Erklärung der Alliierten gegen die Judenverfolgung stand, die wenige Tage vorher um die Welt gegangen war. Insoweit war die Ansprache nicht misszuverstehen. In Berlin beschuldigte man den Papst, sich zum Sprachrohr der „jüdischen Kriegsverbrecher“ zu machen. Ribbentrop ließ den deutschen Botschafter eine Verletzung der Neutralität rügen und Vergeltung androhen. Der Papst antwortete: Wenn es einen Kampf von Staat und Kirche geben sollte, werde der Staat unterliegen.

Die Pracht der Abstraktion

Neben Dokumenten im Original und Faksimile (leider in der Regel ohne Transkription) werden liturgische Gewänder und Geräte, Arbeitsutensilien und Kunstgegenstände gezeigt. Wo sich ein persönlicher Geschmack abzeichnet, treibt er an dem mit weltmonarchischem Anspruch beladenen Amt (erst Benedikt XVI. strich die Tiara aus dem Papstwappen) die Momente des Dienstes und der Askese hervor, eine Art Pracht der Abstraktion. Eine Aktualisierung der alten triumphalen Emblematik kann man an der 1942 zum vierten Pontifikatsjahr geprägten Medaille bestaunen: Die Erzengel mit den Ruhmesposaunen und den päpstlichen Devisen Iustitia, Caritas, Pax fliegen auf den Radiowellen, die in Blitze auslaufen - die Blitze jener Reden, die der Papst über Radio Vatikan gegen die Feinde von Gerechtigkeit, Liebe und Frieden schleuderte.

Die Papstkrone von Pius XII.

Die Papstkrone von Pius XII.

Vor dem Hintergrund dieser Propaganda ist mehr Raum, als die Ausstellung zugesteht, für die Frage, inwieweit Pius XII. im Zweiten Weltkrieg seiner Aufgabe als Morallehrer der Menschheit gerecht geworden ist. Es wird nicht gesagt, dass die alliierten Botschafter im Dezember 1942 auf eine ausdrückliche Erwähnung der Juden gedrängt hatten. Ob man es von heute aus als Versagen beurteilen möchte, dass der Papst dieser Bitte nicht folgte, ist zuletzt wohl eine Frage des moralischen Geschmacks, des Takts.

„Nebenbei gesagt von heiligmäßiger Art“

Owen Chadwick berichtet in seinem Buch „Britain and the Vatican during the Second World War“, das eine Innenansicht des belagerten Vatikanstaates auf der Grundlage der Papiere des britischen hochadligen protestantischen Gesandten D'Arcy Godolphin Osborne bietet, dass Osborne seine kritische Einschätzung der Weihnachtsbotschaft revidierte. 1963 trat er Rolf Hochhuth in einem Leserbrief an die „Times“ entgegen: „Pius XII. war keineswegs ein kühler (also kaltblütiger und unmenschlicher) Diplomat, sondern der warmherzigste Charakter, den ich in einem langen Leben kennenlernen durfte, freundlich, großzügig, mitfühlend und nebenbei gesagt von heiligmäßiger Art.“

Die goldene Cartier-Reiseuhr von Papst Pius XII.

Die goldene Cartier-Reiseuhr von Papst Pius XII.

Es gehört zu den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs, dass wegen der Verschlingungen von Krieg und Völkermord der moralische Sinn der Neutralität nahezu unverständlich geworden ist. Das gilt für alle traditionell neutralen Mächte und ganz besonders für den Papst. Angela Merkel sprach in der Pressekonferenz des 3. Februar 2009 frei, nahm in Kauf, sich missverständlich und sogar falsch auszudrücken, weil eine „Grundsatzfrage“ berührt war. Die Gepflogenheit, dass gerade in Grundsatzfragen eine Regierungschefin ein Staatsoberhaupt nicht öffentlich kritisiert, sondern sich diplomatischer Kanäle bedient und im Übrigen auf die Öffentlichkeit vertraut, sollte in der in Rede stehenden, angeblich nicht ausreichend geklärten Grundsatzfrage nicht gelten. Die Episode zeigt, welche Kluft uns von der Welt trennt, deren Regeln Eugenio Pacelli akzeptierte, nicht weil es die Regeln seiner Wahl gewesen wären, sondern weil die Kirche in dieser Welt zu agieren hatte.

Opus Iustitiae Pax. Eugenio Pacelli (1876-1958). Berlin, Schloss Charlottenburg, bis 7. März. München, Karmeliterbau, 17. März bis 3. Mai. Der bei Schnell & Steiner verlegte Katalog kostet 24,90 Euro.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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