Von Heinrich Wefing
10. Januar 2007 Eine Weile lang deutete manches auf ein integrationspolitisches happy end hin. Seyran Ates, die deutsch-türkische Frauenrechtlerin, umstrittene Symbolfigur des Kampfes gegen Zwangsehen, Ehrenmorde und häusliche Gewalt in Migrantenfamilien, werde ab Januar wieder als Anwältin in Berlin tätig sein, hieß es zuversichtlich. Damit wäre ihr Rückzug im vergangenen Sommer, ihre Kapitulation vor fortwährenden Beschimpfungen, vor Morddrohungen und zuletzt vor einer massiven körperlichen Attacke, nicht ungeschehen gemacht. Der Schock aber, dass eine angesehene Juristin mitten in der deutschen Hauptstadt nicht ungefährdet ihrem Beruf nachgehen kann, dass sie, ein Organ der Rechtspflege wie alle Anwälte, sich dem Druck von Extremisten beugen musste, dieser Schock wäre durch eine Wiederzulassung vielleicht abgeklungen.
Die Entscheidung von Seyran Ates, im August ihre Anwaltszulassung zurückzugeben und mit ihrer kleinen Tochter unterzutauchen, hatte bundesweit Entsetzen und Empörung ausgelöst (Rückzug muslimischer Anwältin löst Bedauern aus). Das darf nicht wahr bleiben, hieß es damals einhellig von Politikern und Kollegen. Aber es ist wahr geblieben.
Sie traut sich wieder auf die Straße
Immerhin, Frau Ates geht es besser. Sie war buchstäblich krank vor Angst geworden, kurz nachdem sie im Juni 2006 vor den Türen des Berliner Familiengerichts vom frischgeschiedenen Gatten einer Mandantin tätlich angegriffen worden war. Kreislaufzusammenbrüche folgten, Panik-Attacken, posttraumatisches Stresssyndrom. Das ist, sagt sie, vorbei. Seyran Ates, die 1963 in Istanbul geboren wurde und seit 1969 in Berlin lebt, sitzt in einem italienischen Restaurant am belebten Hackeschen Markt und trinkt Pfefferminztee. Sie traut sich wieder hinaus auf die Straße, sie hält Vorträge, ist Mitglied der Islam-Konferenz von Innenminister Schäuble, hat die Idomeneo-Aufführung in der Deutschen Oper besucht, schreibt an einem neuen Buch, ihrem zweiten nach der Autobiographie Große Reise ins Feuer. Aber immer noch zögert sie, ihre Wiederzulassung als Anwältin zu beantragen. Sie wisse nicht, wie es weitergehen soll. Ich schiebe, räumt sie ein, die Entscheidung vor mir her.
In einigen Wochen soll Seyran Ates der Margharita-von-Brentano-Preis der Freien Universität Berlin verliehen werden, eine mit elftausend Euro dotierte Auszeichnung, die es ihr ermöglichen würde, ihre praktische juristische Arbeit zu Problemen wie Zwangsehen oder Ehrenmorden an der FU auch wissenschaftlich zu ergänzen. Zudem gab es gelegentlich Meldungen, sie werde in eine größere Kanzlei eintreten, die besseren Schutz, kollegialen Rückhalt, eine funktionierende Infrastruktur bieten könne. Doch das, sagt Frau Ates, sei einstweilen nur ein Gedankenspiel. Es habe im Sommer viele Appelle und Solidaritätsbekundungen gegeben, erklärt auch Jutta Wagner, die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, selbst Anwältin in Berlin. Wirklich konkrete Angebote seien jedoch nicht darunter gewesen. So wie bisher könne sie nicht weiterarbeiten, sagt Seyran Ates, als Einzelkämpferin, mit einer Überwachungskamera vor der Kanzleitür und regelmäßigen Morddrohungen. Das ist unmöglich. Ich bin nicht mehr allein. Ich muss mein Kind schützen.
Der Mörder lebt wohl in Berlin
Furchtlos hatten wir Frau Ates vor knapp einem Jahr an dieser Stelle genannt (siehe: Migrationsforscher gegen drei Autorinnen). Aber die Angst hat die Anwältin eingeholt. Und sie weiß, was Angst ist. Vor mehr als zwanzig Jahren, im September 1984, wurde Seyran Ates in einer Kreuzberger Beratungsstelle für türkische Frauen Opfer eines Attentats. Nur um Millimeter verfehlte die Kugel aus der Waffe eines Mannes, der zum Umfeld der Grauen Wölfe gerechnet wurde, ihre Halsschlagader. Sie überlebte; eine andere Frau, die neben ihr gestanden hatte, starb ein paar Tage später an einem Bauchschuß. Noch Jahre danach wurde Seyran Ates von Depressionen gequält, hegte mitunter Suizidgedanken. Und der Mörder wurde wegen schwerer Ermittlungsfehler der Polizei auf freien Fuß gesetzt. Er lebt vermutlich immer noch in Berlin.
Mittlerweile schaue die Polizei nach ihr, sagt Seyran Ates. Das Landeskriminalamt nehme die Morddrohungen ernst, die immer wieder eingehen. Die Gewaltbereitschaft in der türkischen community, erzählt Ates, nehme zu. Viele dort hätten deshalb großes Verständnis für ihren Rückzug. Der Repräsentant eines größeren Verbandes habe ihr gar berichtet, an seiner Moschee sei die Ehe- und Familienberatung aus Sorge vor Ärger und Übergriffen gleich ganz eingestellt worden. Wer Ruhe haben wolle, lasse besser die Finger davon.
Böse Gerüchte
Zu den Drohungen kommen die üblen Nachreden. Schon bald nachdem Seyran Ates ihre Kanzlei geschlossen hatte, wurde in Berlin gewispert, nicht der Angriff vor dem Familiengericht sei der Grund für ihren Rückzug gewesen, sondern die prekäre finanzielle Situation der Anwältin. Ihre Kanzlei sei schlicht pleite, wurde herumerzählt, ohne Belege. Perfide sei dieses Gerede, sagt Seyran Ates, gemein und absurd. Ihre Praxis sei gut gegangen, sie habe ordentliche Umsätze gemacht. Ihr Steuerberater könne das belegen, die Rechtsanwaltskammer kenne die Zahlen. Aber müsse sie, die Attackierte, jetzt ihre Bücher öffnen, um sich gegen jede hässliche Behauptung zu verteidigen? Jutta Wagner, die Anwältin, die die Kanzlei von Seyran Ates abgewickelt hat, bestätigt, dass an den Vorwürfen nicht ein Hauch von Wahrheit sei.
Die Gerüchte belegen nur, dass die Arbeit von Seyran Ates längst weit mehr ist als eine Privatangelegenheit. Sie ist eine der prominentesten Streiterinnen für Frauenrechte in der Stadt, vielfach ausgezeichnet, und eben deshalb von vielen verachtet, ja gehasst. Wie immer sie sich entscheidet, es ist auch ein symbolischer Akt. Jeder Tag, an dem sie nicht arbeiten kann, ist ein Triumph für all jene, die die verhängnisvolle Vermischung von Gewalt und Sexualität in vielen türkischen und kurdischen Familien ignorieren oder totschweigen wollen. Jeder Tag, an dem Seyran Ates nicht als Anwältin praktiziert, ist eine Niederlage für den Rechtsstaat - und ein verheerendes Signal für alle, die verzweifelt auf seinen Schutz hoffen.
Wenn der Druck so groß wird, dass selbst eine wie Seyran Ates ihm nicht standhalten kann, eine eloquente, gut ausgebildete Juristin, streitlustig, mediengewandt, weiträumig vernetzt, wie sollen es dann die jungen Frauen schaffen, die von ihren Männern, Brüdern, Vätern geschlagen, gedemütigt, eingesperrt werden, kaum des Deutschen mächtig, minderjährig in arrangierte Ehen gepresst? Seyran Ates erzählt von einer ihrer Mandantinnen, die als Dreizehnjährige an einen zehn Jahre älteren Mann verheiratet worden war, um Spielschulden ihres Vaters zu begleichen. Die junge Frau sei fest davon überzeugt gewesen, man werde ihr ihre beiden Kinder wegnehmen, wenn sie sich in Deutschland scheiden lasse. Solchen Frauen zu helfen, das ist mein Thema. Deshalb habe ich überhaupt Jura studiert. Ich kann sie nicht im Stich lassen.
Text: F.A.Z., 10.01.2007, Nr. 8 / Seite 31
Bildmaterial: dpa