03. Februar 2006 Der Nachfolger des entlassenen Chefredakteurs wirft seinerseits das Handtuch: Der ägyptisch-französische Geschäftsmann (und Doppelbürger) Raymond Lakah hatte als Nochbesitzer der bankrotten Zeitung France Soir die fristlose Entlassung seines Chefredakteurs Jacques Lefranc mit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen begründet.
Sein Nachfolger Eric Fauveau ist selbst ein Kandidat für die Übernahme der Zeitung, deren Interessen er gleichzeitig vor Gericht hätte vertreten müssen. Daß diese Doppelrolle nicht zulässig ist, merkte er, als die ersten Berichte darüber erschienen: Er ist umgehend zurückgetreten.
Gestiegene Auflage
Die Auflage der Zeitung, die nur noch 50.000 verkaufte Exemplare beträgt, stieg in den vergangenen Tagen um fünfzehn Prozent. An einer Redaktionsversammlung wurde Raymond Lakah als Totengräber des einst ruhmreichen Boulevardblatts bezeichnet. Entschuldigt habe er sich nur aus Rücksicht auf seine Geschäfte in Ägypten. Die führungslose Redaktion hält an ihrem Kurs fest. Endlich haben wir wieder einmal eine gute Zeitung gemacht, freut sich ein Journalist. An diesem Freitag schrieb France Soir, daß man sich keineswegs entschuldigen werde.
In Frankreich ist man über die Heftigkeit der Reaktionen in der arabischen Welt entsetzt. Diese scheinen gegenwärtig auch eine eher durchaus abschreckende Wirkung auf die Muslime in Frankreich zu haben. Verständnis für die Empörung über die Blasphemie äußern gewisse Bischöfe und Kardinäle. Die Politiker bekennen sich zur Pressefreiheit und zum Laizismus der Republik. Eine übertriebene Karikatur ist mir lieber als eine exzessive Zensur, erklärte Innenminister Sarkozy, den man in eigener Sache auch schon weniger prinzipientreu erlebt hat. Marcel Gauchet von der Zeitschrift Le Debat unterstrich die absurde Unverhältnismäßigkeit zwischen den Karikaturen und den Reaktionen.
Das Satireblatt Charlie Hebdo will nächste Woche ebenfalls alle Zeichnungen abbilden und ein Sonderheft zum Thema vorlegen. Liberation hat am Freitag zwei Karikaturen übernommen - Schlagzeile: Die satanischen Zeichnungen. Das Blatt erinnert an den Kreuzzug gegen Salman Rushdie und beschreibt minutiös, wie die Reaktionen in den islamischen Ländern Wochen nach der Erstveröffentlichung gezielt manipuliert wurden. Le Monde hat eigene - nicht weniger scharfe - Illustrationen veröffentlicht. Die Tageszeitung will aber darauf verzichten, Mohammed abzubilden: Wir sind ein Weltblatt, erklärt der Chefredakteur, wir haben überall Korrespondenten, die wir nicht in Gefahr bringen wollen.
Text: F.A.Z., 04.02.2006, Nr. 30 / Seite 47
Bildmaterial: REUTERS