New Orleans, drei Jahre nach „Katrina“

Das Wasser hat auch die Illusionen fortgespült

Von Miriam Meckel

13. Juli 2008 Wasser sucht sich seinen Weg. So auch Ende August 2005, als der Hurrikan „Katrina“ über den Süden der Vereinigten Staaten fegte, unzählige Dämme brachen und das Wasser des Lake Pontchartrain New Orleans endgültig überflutete. Das Wasser ist wieder gegangen. Geblieben sind die Spuren seiner Zerstörung. Folgt man dem Weg, den das Wasser nahm, dann kann man die Spuren zusammentragen, miteinander in Beziehung setzen, und es entsteht ein Bild, das die neue soziale Kartographie Amerikas offenlegt.

Das Wasser hat Grenzen freigelegt, die schon vor der Flut gezogen waren. Es hat den Staub, die Dekoration, den Firnis weggespült, der sie bedeckt und übertüncht hat. Grenzen zwischen „denen dort“, deren Häuser von der Flut überschwemmt wurden, und „uns hier“, die die Flut verschont hat; zwischen Armen und Reichen, Schwarzen und Weißen, Menschen, die ihre Heimat verloren haben, und solchen, die noch ein Zuhause haben.

Der schöne Schein hat überlebt, die Lebenswirklichkeit ist ersoffen

Ein Tourist muss diese Grenzen nicht kennen. Er wird sie auch nicht erkennen, wenn er den Stadtteil besucht, der New Orleans berühmt gemacht hat, das French Quarter. Pittoreske Holzhäuser säumen enge Straßen mit Restaurants, Bars und Läden, in denen ein Mischmasch aus Plastikspielzeug, Mississippi-Dampfern, Mardi-Gras-Masken und Jazzdevotionalien angeboten wird.

Das French Quarter blieb als einer von wenigen Stadtteilen verschont, als New Orleans in den Fluten ertrank. Dort blieben die Häuser trocken - „high and dry“, wie manche Stadtbewohner zynisch sagen. Tiefer liegende Stadtteile hatten weniger Glück. Ganze Nachbarschaften wurden von den Wassermassen hinweggerissen. Im French Quarter hat der schöne Schein überlebt, im Rest der Stadt ist die Lebenswirklichkeit in den Fluten ersoffen.

Es ist nicht mehr alles möglich im „can do country“

Das ist nicht nur eine Beschreibung für New Orleans. Es ist eine Metapher für Amerika, das mehr denn je mit sich selbst kämpft um Anerkennung, Selbstbewusstsein und das Grundversprechen seines Gesellschaftsmodells: „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“. Ihm wird weiter gehuldigt, in Politik, Wirtschaft und den gehobenen Teilen der Gesellschaft, „high and dry“. Die, die es nach oben geschafft haben, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben, reden gern über den amerikanischen Traum und wie er für sie Wirklichkeit geworden ist. Für die anderen haben Wirtschaftsentwicklung und politische Prioritäten der Bush-Regierung das bewirkt, was „Katrina“ in New Orleans verursacht hat: Ihr Lebenstraum wurde hinweggefegt.

Der Dreiklang, den die amerikanische Unabhängigkeitserklärung für jedermann postuliert, ist wieder Glückssache geworden, abhängig von Geburtsort, Herkunft, Hautfarbe und ökonomischen Lebenszufällen. Es ist nicht mehr alles möglich im „can do country“, vor allem nicht für jeden. Dieser neue Gegensatz zwischen Schein und Sein ist es, der Amerika teilt. Es gibt viele, die dazugehören zum Wir-Gefühl der amerikanischen Gesellschaft, die bereit und in der Lage sind, für diese Identität zu kämpfen, zuweilen auch gegen die, die sie erschüttern könnten. Es sind „die anderen“, die der Hurrikan getroffen hat, „die anderen“, die mit dem amerikanischen Gesellschaftsmodell und seinen Lebensformen nicht zurechtkommen, „die anderen“, die durch das soziale Raster fallen, hart aufprallen und dann betrachtet werden als „die da“, die etwas falsch machen, es nicht geschafft haben.

Ein Symbol dieses Gegensatzes

Ein Fußmarsch von nicht einmal fünfzehn Minuten in nordwestlicher Richtung aus den engen Straßen des French Quarter heraus lenkt den Blick unwillkürlich auf ein Symbol dieses Gegensatzes. Der Spaziergänger streift Schritt für Schritt die muffige Atmosphäre ab, vom Alkohol der vergangenen Nacht noch durchtränkt und von den Fetzen unterschiedlicher Musikrichtungen zerklüftet. Er läuft durch ruhigere Straßen in ein Wohngebiet, nicht mehr das der Reichen und noch nicht das der Armen. Ein Stadtteil im Übergang; typisch für viele Städte Amerikas.

Der Spaziergänger passiert den Louis Armstrong Park und sieht schon von weitem die Interstate No. 10, unter der die gleichförmigen Zelte der Obdachlosen zu erkennen sind. Er läuft auf der Esplanade Avenue auf diese Hochstraße zu, und dann bleibt er plötzlich stehen. Es ist nicht die kleine Kirche auf der rechten Straßenseite, die St. Anna's Episcopal Church, die wie eine Barrikade auf den Spaziergänger wirkt. Es ist die große weiße Plastiktafel, die an der Außenwand der Kirche hängt. Das Auge des Betrachters tastet die Zeilen ab, gedruckt die erste Spalte, per Hand mit Filzschreiber nachgetragen die folgenden: „Robert Dawson, 17, erschossen“, „Tamara Gabriel, 27, erschossen“, „Chris Hondolay, 2, ermordet“. 210 Mal bleibt der Blick stehen, heftet sich an einen Namen. Es sind die Namen der Menschen, die 2007 in New Orleans ermordet wurden.

Weshalb sie bleiben mussten

Die meisten dieser Namen gehören Afroamerikanern. Junge schwarze Männer zwischen achtzehn und dreißig. Gewalttätige junge Männer, die außerhalb des Gesetzes stehen? „So einfach ist das nicht“, sagt Reverend Bill Terry, der die Tafel mit seinem Team aufgehängt hat. „Armut ist die stärkste Triebkraft für Gewalt“, sagt er. „Dazu kommt der tiefe Bruch, der sich seit einiger Zeit durch das gesellschaftliche und kulturelle Leben in dieser Stadt zieht.“ Es begann mit dem Bau der Interstate, der Autobahn, die New Orleans mit dem Umland verbindet. Die Weißen nutzten diese Straße ins persönliche Glück. Sie zogen aus der Innenstadt weg, pendelten morgens nach New Orleans zur Arbeit und abends zurück in ihre gepflegten, sicheren Vororte. Die Schwarzen hatten kein Geld für ein eigenes Heim im Grünen. Sie blieben zurück.

Als „Katrina“ kam, traf das Wasser die Stadtteile besonders, in denen die Zurückgebliebenen lebten. 440.000 Einwohner hatte New Orleans vor der Flut. 250.000 von ihnen verloren ihre Häuser. Mit den Häusern verschwanden die Menschen. New Orleans verlor die Hälfte seiner schwarzen Bevölkerung. Als „displaced persons“ leben noch immer Tausende von ihnen in umliegenden Städten und Bundesstaaten oder eben unter der Interstate. Es sind „diese Menschen dort“, die das Pech hatten, in einem tiefer liegenden Stadtteil zu leben, die es nicht geschafft hatten in die Klasse der „high and dry“. Die nicht gleichzeitig die Miete für eine Ausweichwohnung und den Wiederaufbau ihrer Häuser bezahlen konnten. Die einen Versicherungsvertrag abgeschlossen hatten, der sie zwingt, auch für ihr zerstörtes Haus weiter die Raten zu zahlen. Die kein Geld und kein Auto haben, um wieder in ihr früheres Viertel zurückzukehren. Viele von ihnen sind schwarz oder arm, oft auch beides. Und deshalb bleiben sie nun, wo sie sind.

Aufbauhilfe als absurder Hindernislauf

Nicht der Hurrikan hat die Stadt geteilt in „die hier“ und „die dort“. Es ist eine innere Spaltung, die sich durch Amerika zieht. Ein Graben aus Egoismus und sozialer Blindheit, den der Hurrikan im Süden des Landes wie ein Anschauungsobjekt freigelegt hat. Nun müssen sich die Amerikaner erklären, warum ihr Land die eigenen Landsleute im Stich lässt. Und dabei greifen sie auf erstaunliche Erklärungen zurück, die der Beobachter in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht erwartet.

Noch heute machen religiöse Radiostationen den Hurrikan zu einer Strafe Gottes, einer „Säuberung“, die den Sündenpfuhl New Orleans endlich von seinen Lastern befreit hat. Und diejenigen, die am meisten unter den Folgen leiden, sind die größten Sünder. Es sind Arme, Schwarze, Homosexuelle und Einwanderer. Sie sind anders als das Bild, das ein Teil Amerikas von sich selbst haben möchte. Sie gehören nicht dazu. „,Katrina' hat den Amerikanern einen Spiegel vors Gesicht gehalten und ihnen ein Bild von sich selbst gezeigt, das als Fratze daherkommt“, sagt James O'Byrne, leitender Redakteur der lokalen Tageszeitung „Times Picayune“: „Dieser Hurrikan hat nicht nur New Orleans hinweggefegt, sondern auch unsere Vorstellung davon, dass Amerika die Dinge regeln kann.“ So hat die amerikanische Bundesregierung tagelang mit dem Staat Louisiana und der Stadt New Orleans um Kompetenzen gestritten, statt zu helfen. So liegt die Stadt fast drei Jahre nach dem Hurrikan noch immer am Boden, weil Bürokratie und Korruption die Aufbauhilfe zu einem absurden Hindernislauf haben werden lassen.

Die Spaltung zwischen „ihr“ und „wir“

Die einen sind beschämt und schauen weg. Die anderen sind wütend und wollen endlich beachtet werden. „Viele Menschen hier fühlen sich alleingelassen“, sagt Reverend Terry, „von der Regierung, den Behörden, aber auch von ihren Mitmenschen.“ Es ist die Geschichte „der anderen, die nicht Teil sind von uns“, sagt Terry. Er nennt sie die „you people“.

In New Orleans sind die „you people“ zum Beispiel die, deren Namen auf der Tafel stehen, dem „murder board“. Menschen, die anders sind, weil sie zu einer anderen Gruppe gehören („Ihr da seid nicht wie wir“). Menschen, von denen erwartet wird, dass sie sich anders, in der Regel falsch verhalten („Ihr da macht doch immer so was“). Menschen, die bevormundet und herablassend behandelt werden („Ihr da müsst endlich lernen, dass ...“). Menschen, die umgebracht wurden, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. So beschreibt Terry die Spaltung zwischen „ihr“ und „wir“.

Im Teufelskreis der Ausgrenzung

Der Mangel an Respekt und Wertschätzung gegenüber „den anderen“ führt zum Ausschluss aus dem sozialen Leben einer Nachbarschaft, einer Stadt, einer ganzen Gesellschaft. Und wer ausgeschlossen ist, unterliegt auch nicht mehr dem sozialen Regelwerk, das die Menschen zusammenhält und ein gemeinschaftliches Leben ermöglicht. So entsteht ein Teufelskreis: Menschen werden ausgegrenzt, weil sie als anders wahrgenommen werden. Sie verhalten sich anders, weil sie so wahrgenommen werden, und legitimieren dadurch wiederum ihre weitere Ausgrenzung.

Die Geschichte der „you people“ erzählt auch von einem veränderten Amerika, in dem die dazugehören, die weiß, wohlhabend, gebildet und integriert sind. In dem diejenigen, die es nicht geschafft haben, selber Schuld an ihrem Schicksal haben. Und in dem diejenigen, die bislang von Unglück, wirtschaftlichem Niedergang und Gewalttätigkeit verschont geblieben sind, nicht Teil des Problems werden wollen. „Jedes Mordopfer in dieser Stadt war bislang eine Nummer, jetzt hat es wieder einen Namen“, sagt der Reverend. Die Menschen sollen hinschauen, um zu verstehen, „denn das alles ist nicht das Problem von ,denen da', es ist ein Problem für uns alle, für die ganze amerikanische Gesellschaft“.

Obama sollte mal hinfahren. Und hinschauen

Wie in einem Brennglas zeigt New Orleans, was in der Weltgesellschaft geschieht. Einzelne Menschen und ganze Gruppen werden zu Ausgeschlossenen. Armut, Diskriminierung, Ignoranz und Marginalisierung führen zunächst zu wachsender sozialer Unsicherheit, dann zur sozialen und geographischen Ausgrenzung von Menschen und ganzen Gruppen. „Exklusion“ heißt das in der Sprache der Globalisierungstheorien, nach denen die wirtschaftliche Entwicklung für diesen Prozess verantwortlich zeichnet. Das trifft im gegenwärtigen Amerika der Kreditkrise und Rezessionsangst auch zu. Aber nicht allein. Erschreckend ist hier, zu beobachten, dass die Ausgrenzung ganzer Gruppen bewusst in Kauf genommen, ja zuweilen befördert wird. „Unsere Stadt ist ein bisschen wohlhabender, ein bisschen weißer, ein bisschen ruhiger und ordentlicher geworden nach ,Katrina'“, sagt ein Mitarbeiter der Erzdiözese New Orleans, der die kirchlichen Hilfsaktionen für Flutopfer betreut, und meint es zynisch.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat New Orleans bislang keinen Besuch abgestattet. Er sollte mal hinfahren. Und er sollte mal hinschauen. Vielleicht haben sie ihn nicht gewählt, die „you people“. Vielleicht wählen sie gar nicht mehr. Aber sie könnten ihm zeigen, was für eine Veränderung Amerika wirklich dringend braucht. Dass es kein Freihandelsabkommen ist, das über Amerikas Zukunft entscheidet, kein Krieg, keine Frage des symbolischen Patriotismus. Es ist die Frage, ob diese Gesellschaft als Ganzes noch zusammenhalten und wieder zusammenfinden kann. Ob „Yes, we can!“, das abgewandelte Glücksversprechen in Obamas Wahlkampf, nicht nur die meint, die es nach oben geschafft und ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Es muss ein Wandel für alle sein, der Amerika verändert, auch für die wachsende Gruppe der gesellschaftlich Überflüssigen. Er muss vor allem den Blick des Einzelnen wenden: auf den anderen zu.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

 
 
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