Von Heinrich Wefing
09. Januar 2007 Lange war der sechsgeschossige Rasterbau an der Ecke Otto-Suhr-Allee und Cauerstraße mitten in Charlottenburg, auf halbem Weg zwischen Schloss und Ernst-Reuter-Platz nur ein Verwaltungsgebäude unter vielen. Viel Glas, weithin sichtbare Stützen aus Beton, eine eingekurvte Wand. Nichts Besonderes. Seit ein paar Tagen jedoch kennt so gut wie jeder in der Stadt die Adresse, und die Bekanntheit dürfte bis zum Wochenende noch wachsen. Dann nämlich will die Scientology-Organisation dort auf viertausend Quadratmetern feierlich ihre neue Berlin-Zentrale - in der internen Diktion die Scientology Kirche Berlin - einweihen, die Ende vergangenen Jahres bezogen worden war.
Angeblich werden bis zu zehntausend Gäste zur Eröffnungszeremonie erwartet, weshalb nach Presseberichten vorsorglich eine Sperrung der Otto-Suhr-Allee beantragt worden sein soll. Und Gerüchte besagen, Tom Cruise und sein Kollege John Travolta könnten unter den Gästen der Party sein.
Furcht vor einer Scientology-Werbeoffensive
Entsprechende Zeitungsmeldungen haben die zuständigen Berliner Behörden offenbar überrascht und einige Unruhe in der Hauptstadt ausgelöst. Schon seit November, erklärte die Sektenbeauftragte des Berliner Senats, Reingard Stein, erreichten sie beinahe täglich Anrufe oder Briefe besorgter Charlottenburger Eltern und Anwohner, die sich vor Belästigungen oder Zudringlichkeiten der Scientologen fürchteten. Mehrere Oppositionspolitiker zeigten sich empört, dass die Scientology-Organisation in der Hauptstadt, anders als in anderen Ländern, nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werde.
Nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz bestehen bei der ,Scientology-Organisation' (SO) tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Damit sind die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Beobachtung der Organisation durch die Verfassungsschutzbehörden gegeben. Die Berliner Verfassungsschützer hingegen mussten die Beobachtung der Gruppierung einstellen, nachdem das Berliner Verwaltungsgericht 2003 einer Klage von Scientology stattgegeben hatte. Ein neuer Triumph des Föderalismus, der nur schwer zu verstehen ist. Nun ist die Sorge nicht von der Hand zu weisen, die Scientologen könnten das laxe Berliner Klima gezielt für eine offensivere Mitgliederwerbung in der Hauptstadt und überhaupt für ein aggressiveres Auftreten nutzen.
Im Internet kursieren bereits Papiere von Sektenbeobachtern, in denen vor geplanten massiven Werbeaktionen gewarnt wird, zu denen SO Anhänger aus ganz Europa in Berlin zusammenziehe. Und der Berliner Tagesspiegel zitierte Befürchtungen von Ursula Caberta, die in der Hamburger Innenbehörde die Arbeitsgruppe Scientology leitet, die Neueröffnung einer Großkirche in Berlin, der ähnliche Expansionen in London, Madrid und Brüssel vorangegangen seien, könne Teil einer Kampagne sein, die zum Ziel habe, Europa endgültig zu scientologisieren.
Ziemlich üppig für etwa tausend Mitglieder
Wie noch stets sind alle Äußerungen über Scientology von einem Nebel aus Gerüchten, Geheimhaltung und Halbwissen umwabert - nicht zuletzt, weil es aufgrund der erzwungenen Untätigkeit des Berliner Verfassungsschutzes kaum objektive Erkenntnisse über die Absichten und Potentiale der Scientologen in der Hauptstadt gibt. Klar scheint lediglich zu sein, dass die neuen Räumlichkeiten in Charlottenburg für eine Organisation recht üppig bemessen sind, die nach eigenen Angaben in Berlin etwa tausend Mitglieder zählt. Nach einem Bericht des baden-württembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz vom Juni vergangenen Jahres gibt es in der Bundesrepublik insgesamt nur etwa fünf- bis sechstausend Scientologen. Die Behörde spricht davon, dass die seit Jahren verbreitete Propaganda von der fortwährenden Expansion in Deutschland keine ernsthafte Grundlage hat.
Frappant erinnert dieses Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit an die Meldungen aus dem vergangenen Sommer, Scientology unterwandere den deutschen Bildungsmarkt und eröffne in rascher Folge dubiose Nachhilfeschulen, die der Indoktrination ahnungsloser Schüler dienten. Deren im Internet publizierten Adressen entpuppten sich freilich bei näherem Hinsehen fast durchweg als unerreichbar: teils waren Anschriften und Telefonnummern unbekannt, teils meldeten sich Hausfrauen, die von Nachhilfeangeboten noch nie gehört hatten (siehe auch: Das System Scientology). Der Verdacht lag nicht ganz fern, hier seien gezielt Desinformationen verbreitet worden, um Aufmerksamkeit zu erzielen und die Potenz der SO übertrieben darzustellen.
Durchaus möglich also, dass auch die neue Groß-Kirche in Berlin nichts weiter ist als eine kulissenhafte Geste, schlichtes Imponiergehabe, das vom realen Scheitern der eminenten Expansionsgelüste ablenken soll.
Text: F.A.Z., 09.01.2007, Nr. 7 / Seite 34
Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Christian Thiel