01. Juli 2009 Es war eine Überraschung, als Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee im November vergangenen Jahres verkündete, den Architektenwettbewerb für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses samt einem sogenannten Humboldt-Forum darin habe ein Architekt namens Franco Stella aus Vicenza gewonnen – einer Stadt, in der, vor mehr als fünfhundert Jahren, immerhin der berühmte Baumeister Palladio starb, die aber seitdem keine vergleichbaren Kaliber hervorbracht hat. Stella war nahezu unbekannt – und jetzt werfen Recherchen der Kunstzeitschrift Art“, die gestern in der Online-Ausgabe des Magazins veröffentlicht wurden, und des Berliner Magazins Zitty“ weitreichende Fragen auf.
Der siegreiche Architekt soll gleich zwei Bedingungen der Ausschreibung nicht erfüllt haben. In den Jahren 2004 bis 2006 hätte er im Schnitt mindestens 300.000 Euro Umsatz pro Jahr erwirtschaften müssen“; nach dem derzeitigen Stand der Recherche habe Stella nach einem Projekt in Padua von 2002 aber kein Projekt mehr gebaut. Eine weitere Bedingung lautete, dass jeder Teilnehmer mehr als drei festangestellte Mitarbeiter beschäftigen musste. Laut Recherchen hatte Stella damals jedoch nur einen. Stimmt das, hätte er also gar nicht teilnehmen dürfen.
Muss der Wettbewerb wiederholt werden?
Stella musste den Mindestumsatz nur durch eine Unterschrift bestätigen, nicht aber nachweisen. Seine Angaben wurden, wie ein Mitarbeiter des Ministeriums dieser Zeitung gegenüber bestätigte, auch dann nicht überprüft, als Stella als Gewinner feststand. Man kann die Kritik an dieser Laxheit natürlich für Haarspalterei halten – aber die Nonchalance, mit der das Ministerium erst (durchaus fragwürdige) Zulassungskriterien aufstellt, sie dann aber weitgehend ignoriert, ist schon erstaunlich und eventuell verhängnisvoll für die Schlossbauer: Könnte die Vergabe an Stella zurückgenommen werden? Muss sie es nicht sogar?
Schließlich wurden andere Architekten durch die Preisvergabe an Stella benachteiligt, Architekten, die vielleicht sofort gegen die Vergabe geklagt hätten, wenn sie gewusst hätten, dass Stella die Kriterien für eine Teilnahme nicht erfüllte. Und hätten kleinere Bewerber geahnt, dass es Tiefensees Ministerium mit den eigenen Regeln nicht gar so genau nimmt, hätten auch sie vielleicht teilgenommen – und gewonnen. All dies spräche für eine Wiederholung des Wettbewerbs.
Eine überstürzte Ausschreibung
Die Gegenposition lautet: Beide Bedingungen sollten lediglich garantieren, dass der Architekt in der Lage wäre, ein solches Großprojekt zu stemmen, und da Stella inzwischen mit dem betreffs Mindestgröße unverdächtigen Büro Hillmer & Sattler und Albrecht zusammenarbeitet, sehe man diesbezüglich kein Problem – doch ob dieses Argument dem juristischen wie politischen Druck bei einem solchen nationalen Prestigeprojekt standhält, ist noch die Frage. Falls aufgrund der neuen Faktenlage Wettbewerbsteilnehmer klagen sollten, werden Gerichte entscheiden müssen, welche Konsequenzen der Verfahrensfehler hat – wenn es denn einer war; noch ist ja nicht ausgeschlossen, dass Stella bisher geheimgehaltene Projekte und Mitarbeiter hervorzaubert.
Die Panne wirft aber so oder so ein Licht auf das eigentliche Problem des Humboldt-Forums: Es ist mehr als bizarr, dass der Architekturwettbewerb für ein Sechshundert-Millionen-plus-Bauwerk zu einem Zeitpunkt anberaumt wurde, als der Inhalt erst in Skizzenform umrissen war. Die Drängelei mag man damit erklären, dass der von einer politischen Großpannenserie gebeutelte Tiefensee einen Erfolg dringend brauchte – dem Projekt tat das nicht gut.
Denn die Arbeitsgruppe aus hochkarätigen Fachleuten, die jetzt erst das genaue inhaltliche Konzept des Humboldt-Forums entwickelt, muss sich nun mit Stellas Raumraster herumschlagen, als ginge es darum, einen Altbau zu füllen, und nicht darum, etwas Neues in einer rekonstruierten Hülle zu versuchen. Schon jetzt reiben sich die Gestalter des Inhalts, die eine eher poröse Raumstruktur mit vielen Sichtachsen und räumlich erlebbaren Bezügen zwischen den Kulturen wünschen, an den nur in Maßen veränderbaren Vorgaben fürs Innere. Doch dieses Innere muss völlig neu – vom Inhalt, nicht von der Fassade her – gedacht werden, wenn das Humboldt-Forum nicht nur die wohlklingende Legitimationsfüllung des neuen Schlosses sein soll.
Doppelter Kompromiss
Ein Humboldt-Forum im Schloss, das heißt im Klartext: ein Centre Pompidou des 21. Jahrhunderts, einen völlig neuen Typ von Raumerzählung, der die Geschichte fremder Dinge anders erfahrbar macht, zwischen drei rekonstruierte Barockfassaden und eine, wenn es nach Stella geht, gen Osten gerichtete rationalistische Großrasterentlüftung zu pfropfen. Es schien so, als wäre die Chance vertan worden, dass Architekten, Ethnologen und andere Fachleute miteinander etwas grundlegend Neues entwickeln: Räume, die dem Forschungsstand und einer veränderten Sicht auf die Welt entsprächen – und wohl anders aussähen als das um europäische Repräsentations- und Hierarchievorstellungen herumgebaute Innere eines Schlosses.
Aber warum herrscht, bis in die höchsten Etagen, ein Klima der Angst, wenn die Rede auf das Schloss kommt? Als Reporter verzweifelt man: Vertreter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ziehen plötzlich bereits geführte kritische Interviews zurück, andere erklären, es laufe nicht optimal“, wollen aber keinesfalls namentlich zitiert werden (Das kostet mich den Kopf“).
Die Verantwortlichen scheinen nach der Devise Augen zu und durch, sonst kippt das Projekt“ zu verfahren. Wo ist der Museumsmann, der Politiker, der den Mut hat zu sagen: Wenn man den Kopf weiter so entschlossen in den sandigen Boden an der Spree steckt, übersieht man die größte Gefahr: dass eine wegen Zeit- und Finanzmangel halbgare Neobarockfassade ein in ein unnötig rigides Innenraster hineingestopftes Völkerkundemuseum verbergen wird; dass hier ein mit einem Kompromiss umwickelter Kompromiss entsteht? Vielleicht führt die neue Diskussion um einen kleinen Verfahrensfehler doch noch zum nötigen großen Umdenken.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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