08. November 2007 Die Welt hat es verschlafen, aber YouTube war dabei: Präsident Bush machte letzten Monat eine Stippvisite in Iran. Dabei erging es ihm vor Studenten der Teheraner Universität nicht viel besser als Ahmadineschad jüngst an der Columbia University. Unter viel Gejohle wurde er gefragt, warum er iranische Atomwaffen fürchte, die Iraner aber keine Angst vor den amerikanischen haben sollten. Weil Amerika eine zivilisierte Nation sei, antwortete er. Obwohl das Land seit fünfzig, sechzig Jahren über Atomwaffen verfüge, habe es sie nur einmal eingesetzt. Gut, vielleicht zweimal. Wie auch immer, Atomwaffen sollten nur friedliebenden Nationen zur Verfügung stehen.
Dieser Argumentation wollen die Studenten ebenso wenig folgen wie die Videoschnipsler von YouTube. Das Internetportal schwappt über von ironischen, bitterbösen, empörten, verzweifelten oder mit tiefem Ernst vorgetragenen Beiträgen zur Trias: Bush, Iran, Krieg. Bush in Teheran hat sich Jim Terr alias hymiehymie ausgedacht. Hamurabi31 hat die Botschaft Let’s Bomb Iran!“ in ein Popvideo verpackt, inspiriert von den Beach Boys in Bar-Bar-Ann-Partylaune, und schickt am Ende auch noch einen Gruß gen Washington: Ganz besonderen Dank an die Regierung Bush, dass sie ihr Verlangen unterdrückt hat, Iran zu bombardieren, bis ich mit meinem Cartoon fertig war.“
Es geht nur um das Wie
Nicht nur in der emotional aufgeladenen Debattenatmosphäre des Internets wird der Krieg als Fait accompli behandelt. Der großmäulige Joe Scarborough holt sich schon für seine morgendliche Debattenorgie Experten ins Studio, die er nicht länger über das Ob, sondern das Wie des Angriffs befragt. Dagegen ist Bill O’Reilly, der Doyen der rechten Scharfmacher, erstaunlich zurückhaltend. Er hat Bush noch nicht aufgefordert, endlich mit dem Krieg zu beginnen, zieht aber alle demagogischen Register, um wenigstens auf einen Luftangriff einzustimmen. Von Rush Limbaugh bis Tucker Carlson fehlt es nicht an Meinungsmachern, die uns einbleuen, Iran sei das gefährlichste Land der Welt, aber nur O’Reilly bringt es fertig, die Gefährlichkeit mit einem Interview über iranische Minderjährige im Todestrakt zu belegen. Gab es so etwas bis vor kurzem nicht auch in den Vereinigten Staaten? Eine Frage, die O’Reilly nie einfiele.
Bush und echte Bushies sind dagegen gefeit, Fehler einzugestehen, was sie auch davor bewahrt, aus Fehlern zu lernen. So können sie nun in aller Unschuld weiterhin an einen Militärschlag glauben, der zum Regimewechsel führt, dadurch die Demokratie aufblühen lässt und im Zweifelsfall vorbeugend und auch solistisch zu bewerkstelligen ist, wenn die Verbündeten sich wieder in ihre pazifistischen Ecken verkriechen. Da diese Doktrin in ihren Augen auch durch die katastrophale Realität, die sich bisher noch jeder Schönrednerei widersetzt, nicht zu entkräften ist, verspüren sie keine Hemmung, dieselbe Werbestrategie anzuwenden, mit der die Nation erfolgreich auf das Abenteuer im Irak eingestimmt wurde. Siehe dazu auch YouTube: Bush Iran War Deja Vu All Over Again“.
Ein neuer Hitler
Also zieht der Zauberer im Weißen Haus aus seinem Zylinder einen neuen Hitler, der jetzt nicht mehr Saddam Hussein, sondern Mahmud Ahmadineschad heißt, und der wie gehabt die Welt mit Massenvernichtungswaffen bedroht, für die nicht ganz hieb- und stichfeste Beweise vorgelegt werden. Ein Teil der Presse folgt gebannt der Zaubernummer, ein vielleicht nicht ganz so zahlreicher Teil versucht, die Tricks beim Namen zu nennen. Das ist gar nicht so einfach, wenn der Dritte Weltkrieg schon für den Fall angekündigt wird, dass Iran lediglich über das Wissen verfüge, Atomwaffen herzustellen.
Sie haben keine Angst vor einem Angriff Irans?“, fragt O’Reilly entrüstet den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul. Das Spiel mit der Angst und der nationalen Sicherheit, das die Regierung Bush in jeder ihr ungemütlichen Lage neu zu spielen anfängt, scheint auch diesmal nicht ohne Wirkung zu bleiben. Nach einer im Oktober durchgeführten Umfrage, deren Ergebnis sogar Bushs schärfste Kritiker nicht anfechten, unterstützt die Mehrheit der Amerikaner, immerhin 52 Prozent, einen Präemptivschlag, um Iran am Bau von Atomwaffen zu hindern. Und 53 Prozent von ihnen rechnen mit einem solchen Einsatz vor der nächsten Präsidentschaftswahl.
Keine triftigen Argumente
Auf der Website des Weekly Standard“, des Zentralorgans der Neocon-Bewegung, schwärmt Michael Goldfarb von einer Neocon Nation“. Soll der einflussreiche Blogger Barnett R. Rubin in der Kriegsbereitschaft ruhig die Folgen einer von Vizepräsident Cheney in Gang gesetzten und von konservativen Denkfabriken wie dem American Enterprise Institute und vom regierungstreuen Nachrichtensender Fox propagierten Kampagne erkennen. Goldfarb weiß es besser. Er wirft der Linken vor, keine triftigen Argumente, wenn es sie denn geben sollte, gegen einen Militärschlag vorgebracht zu haben.
Norman Podhoretz, einer der Gründerväter des Neokonservatismus, ist seinerseits Bush längst in den Vierten Weltkrieg vorausgeeilt. Er kann so flink sein, weil er und die Seinen den nach ihrer Zählung Dritten, den Kalten Krieg, gewonnen haben. Podhoretz rief zunächst dazu auf, Iran zu bombardieren, sobald logistisch möglich. In seinem neuen Buch The Long Struggle Against Islamofascism“ billigt er Fürsprechern der Diplomatie allenfalls Feigheit und Antiamerikanismus zu. Konservative Kritiker seiner Position werden des rechten Defätismus“ bezichtigt, und gegen Realisten“ wie Brent Scowcroft und Zbigniew Brzezinski, ehemals Sicherheitsberater für Bush den Älteren und Jimmy Carter, polemisiert er, sie machten sich für eine amerikanische Niederlage stark, um ihre Weltanschauung nicht auf dem Aschehaufen der Weltgeschichte enden zu sehen.
Keine skurrile Randgruppe
Podhoretz’ Weltanschauung wurzelt in seiner Weigerung, dem Islam unterschiedliche Facetten zuzugestehen, die ihn dabei stören könnten, mit dem Schlachtruf Islamofaschismus“ jede Auseinandersetzung außer der kriegerischen als überflüssig zu erklären. Damit gehört er keineswegs zu einer skurrilen Randgruppe von Kriegstreibern. Seinen Einfluss reguliert auch nicht allein der gegenwärtige Mann im Weißen Haus. Seit einiger Zeit ist Podhoretz Berater des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Giuliani, der sich in seiner Bereitschaft zum Kriegertum von niemandem übertreffen lässt. William Kristol, der Chefredakteur des Weekly Standard“ und Meinungsmacher bei Fox, stellt denn auch allen führenden republikanischen Kandidaten ein blendendes Zeugnis aus. Während Bush fortlaufend Angst schürt, um seine Präsidentschaft doch noch zu retten, soll die Angst der Wähler ihnen den Weg ins Oval Office bahnen, vorbei an den favorisierten Demokraten.
Es ist deshalb gar nicht zu vermeiden, dass auch der Wahlkampf in die Kriegsüberlegungen einer Partei eingeht, die sich als alleiniger Garant der nationalen Sicherheit aufspielt. Anders gesagt: Je düsterer es für die Republikaner in Amerika aussieht, desto gefährlicher wird es für die Welt. Und je länger die Trommeln tönen, desto leichter gewöhnen sich die Amerikaner an den nächsten Krieg. Seelenruhig kann schon der Fox-Kommentator Charles Krauthammer in die Kameras gucken und verkünden, er erwarte nicht, dass diese Regierung sich verabschiede, ohne den iranischen Feind ausgeschaltet zu haben. Der Teil der Bevölkerung, der sich nicht mit den 52 Prozent Kriegsbefürwortern identifiziert, nimmt inzwischen solche Prognosen mit seltsamer Gelassenheit hin. Er hat resigniert. Proteste nützen nichts, der Präsident tut doch, was ihm die Vorsehung auferlegt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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