29. Mai 2007 Nur der Papst selbst fehlte. Aus Jerusalem war Kardinal Carlo Maria Martini angereist, um in Paris Joseph Ratzingers Jesus-Buch vorzustellen. Geistliche Würdenträger und prominente Intellektuelle waren der Einladung gefolgt. Zwei Tage vor Pfingsten gelangte das Werk in die französischen Buchhandlungen. Erschienen ist es in den Editions Flammarion. Schon ein Bestseller, berichtete die katholische Zeitung La Croix über das Echo in Italien und Deutschland. Die Päpste als ,grands écrivains', als große Schriftsteller, waren das Thema ihres Dossiers: Viele haben vor ihrer Wahl bedeutende Werke vorgelegt - nur wenige schrieben während ihrer Zeit im Amt theologische Bücher.
Auch der Figaro widmete dem Ereignis die Literaturbeilage. Der Schriftsteller Philippe Sollers und der Philosoph Jean-Luc Marion debattieren über die Rückkehr des Papstes zu den Quellen. Der linke Politologe Jacques Julliard ist von der intellektuellen Qualität und der Subtilität des Werks überzeugt. Er nennt es ein Handbuch der Christologie. Für den Anthropologen René Girard sind die Ausführungen des Papstes ein großartiges Plädoyer für eine Theologie der Vernunft und gegen die Gewalt des Heiligen Krieges, welche die Welt bedroht.
Persönliche Meditation und Spezialistenforschung
Als unendlich schön hatte Martini das Buch in der Unesco bezeichnet. Es hilft uns, Jesus - den Sohn Gottes - und den Glauben seines Autors zu begreifen, schwärmte der frühere Erzbischof von Mailand, der seit seinem Rücktritt in Jerusalem lebt. Ich hatte die Vorstellung, am Ende meines Lebens selber ein Buch über Jesus zu schreiben, bekannte Martini. Benedikts methodisches Vorgehen verweigere sich dem Widerspruch zwischen dem Glauben und der Geschichte, erklärte Martini. Und deutete an, dass er es sich diesbezüglich vielleicht ein bisschen schwerer gemacht hätte. Er erwähnte ein paar belanglose Fehler des Autors und lobte die Ausweitung auf zeitgenössische Fragen sowie die resolute Verankerung des christlichen Glaubens in seinen jüdischen Wurzeln.
An seine Überlegungen schlossen nahtlos Joseph Dorés Ausführungen an. Doré war Ratzingers Schüler in Münster, Erzbischof von Straßburg und gilt als einer der führenden Theologen Frankreichs. Jesus ist der neue Moses, der den Menschen das wahre Gesicht Gottes offenbart, fasst Doré Benedikts Botschaft zusammen. An der Autorität seines Buches gibt es keine Zweifel: Es sei eine persönliche Meditation, aber auch das Ergebnis der Forschungen eines Spezialisten, gleichzeitig ein Zeugnis und die polemische Abrechnung mit gewissen Tendenzen der Exegese. Auf Kritik und Geschichte kann man nicht verzichten, sagte Doré in Paris: Aber das letzte Wort der Erkenntnis gehört nicht der Wissenschaft. Benedikts Buch beantworte nicht nur die Fragen, die sich Martini stellte. Neben der poetischen Größe, die auch Jacques Julliard hervorgehoben hat, bescheinigt ihm Joseph Doré noch eine ganz andere Dimension. Die Sensibilität eines Verliebten beseelt den Verfasser: Er liebt Jesus.
Text: F.A.Z., 30.05.2007, Nr. 123 / Seite 40
Bildmaterial: dpa
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