Palast der Republik

Wo sind die Millionen?

Von Heinrich Wefing

11. Januar 2006 Die Beschlüsse sind gefaßt, die Bagger bestellt, die Tage des Palastes der Republik gezählt. Der Abriß soll Ende Januar beginnen. Noch aber geben die Anhänger des einstigen DDR-Renommierbaus nicht auf.

Beflügelt von dem Erfolg der improvisierten Ausstellung „White Cube“ suchen sie die ausgeschabte Gebäudehülle, die sie als urbanen Abenteuerspielplatz liebgewonnen haben, gegen die drohende Niederlegung zu verteidigen, fast verzweifelt, und offenbar mit allen Mitteln. Natürlich werden die üblichen offenen Briefe publiziert und Rettungsannoncen für den Palast in Zeitungen geschaltet, aber es wird mittlerweile auch mit härteren Bandagen gestritten.

Ein sechzig Seiten langes Dossier

In der Hauptstadt zirkuliert derzeit ein mehr als sechzig Seiten langes Dossier, in dem der Architekt Philipp Oswalt die Spendenpraxis des Vereins der Schloßfreunde um den Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien in Zweifel zieht. Die Stoßrichtung ist klar: Sollte es Oswalt und seinen Mitstreitern, von denen mindestens eine wie er zum wissenschaftlichen Team der von der Bundeskulturstiftung üppig geförderten Ausstellung „shrinking cities“ gehört, tatsächlich gelingen, Boddien Unregelmäßigkeiten im Budgetgebaren nachzuweisen, wäre die private Finanzierung des Nachbaus der barocken Schloßfassade in Frage gestellt. Denn damit wäre eine entscheidende Voraussetzung für den Bau des Schlosses entfallen, das nach bisherigem Planungsstand an die Stelle des Palasts der Republik treten soll.

In dem Dossier, das dieser Zeitung vorliegt, erhebt Oswalt unter der Überschrift „Wo sind die Millionen an Spenden für den Wiederaufbau der Barockfassaden des Berliner Schlosses?“ eine ganze Reihe von teils massiven Vorwürfen gegen Boddien und die Schloßinitiative: Erwähnt werden mögliche Verstöße gegen das Vereinsrecht wie eine „unrechtmäßige Veränderung des Vereinszwecks“, vermeintliche Tricksereien bei der Gemeinnützigkeit, eine Irreführung potentieller Spender, widersprüchliche Angaben zur Höhe der bereits eingeworbenen Spenden, Vergeudung von Mitteln für eine aufwendige Öffentlichkeitsarbeit und ein allgemein undurchsichtiger Umgang mit Geld.

Noch nie eine Kassenprüfung

So sei, monieren die Kritiker, noch nie eine vereinsinterne Kassenprüfung vorgelegt worden; überhaupt, heißt es, „findet eine unabhängige Prüfung der Finanzen nicht statt“. Behauptet wird schließlich eine an Korruption grenzende Verwischung von Vereinsinteressen und privatem Vorteil. So soll „ein wesentlicher Anteil der Vereinseinnahmen an die Akteure des Vereins selbst fließen“. Etwa an den Gründer der Initiative und ihren Haupt-Antreiber Wilhelm von Boddien, der seit dem Konkurs seiner Privatfirma beim Schloßverein als Geschäftsführer angestellt ist, mit üppigem Gehalt, wie es heißt, Dienstwagen und Zuschuß zu den Kosten seiner Wohnung in Berlin.

Das Papier basiert nach Auskunft von Oswalt, der seit jeher intensiv für den Palast kämpft, auf Gesprächen mit Vereinsmitgliedern, Recherchen im Vereinsregister, Anfragen beim Finanzamt und der Auswertung von Äußerungen der Schloß-Befürworter in der Presse. Entstanden ist eine Mischung aus Zahlen, Zitaten, Indizien, bürokratischen Ungereimtheiten und Verdachtsmomenten, die ihrerseits ähnlich viele Fragen offenlassen wie sie stellen. Schwerwiegende Rechtsverstöße jedenfalls sind nicht darunter, und auch die Finanzbehörden hatten bislang offenbar nichts auszusetzen am Vereinsgebaren. So heißt es im Dossier selbst: „Fakt: Es ist bis auf wenige Details keine Beanstandung der Tätigkeiten des Vereins von Amts wegen feststellbar.“ Philipp Oswalt räumt im Gespräch ein, es gehe nicht um „illegale“ Vorgänge, sondern um Unsauberkeiten und eine notorische Neigung der Schloßherren zur „Hochstapelei“.

„Sparsamer geht es nicht“

Wilhelm von Boddien zeigt sich von den Vorwürfen demonstrativ unbeeindruckt. Er habe ein „absolut sanftes Ruhekissen“ für sein Gewissen, erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Finanzen des Schloßbau-Vereins würden kontinuierlich von externen Wirtschaftsprüfern kontrolliert, die mit den komplexen Fragen der Gemeinnützigkeit vertraut seien; mit den Berliner Finanzbehörden stehe er laufend im Kontakt, nie habe es bislang Einwände gegeben.

Die Verwaltungskosten des Vereins, so Boddien, lägen unter zwanzig Prozent der jährlichen Einnahmen. „Sparsamer geht es nicht.“ Sein eigenes Geschäftsführergehalt mache etwa drei Viertel dessen aus, was der Geschäftsführer der Dresdner Aktivitäten zum Wiederaufbau der Frauenkirche verdient habe, er sei „aus dem Alter heraus, in dem man sich noch bereichern“ wolle. Nichts sei an den Behauptungen der Palastleute dran außer Böswilligkeit, ohne Schwierigkeiten und lückenlos könne er alle Vorwürfe widerlegen.

Das wird auch nötig sein. Keineswegs, weil das Dossier der Palastanhänger eine beeindruckende Anklageschrift wäre. Vielmehr, weil das Papier durch seine pure Existenz das wichtigste Kapital aufzehren könnte, das der Schloßverein besitzt: das Vertrauen in Wilhelm von Boddien. Ist sein Ruf einmal angeknackst, wird es kein Schloß geben. Nur wenn es ihm gelingt, alle Zweifel auszutreiben, jedes Geschmäckle zu beseitigen, kann ihm auch glücken, das hochgesteckte Ziel zu erreichen, mindestens achtzig Millionen Euro an Spenden einzusammeln. Nur dann wird eintreten, was von Boddien in seiner charmanten Unerschütterlichkeit schon als Gewißheit prophezeit: „Die Blamierten werden die Palastfreunde sein.“



Text: F.A.Z., 11.01.2006, Nr. 9 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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