Benedikt XVI.

Runter von der Wunderbremse

Von Christian Geyer

Gegenstück zum Grabtuch von Turin: Das “Volto Santo“ von Manopello

Gegenstück zum Grabtuch von Turin: Das "Volto Santo" von Manopello

03. August 2006 Soeben wird aus den italienischen Abruzzen gemeldet: Noch vor seinem Besuch in Deutschland wird der Papst am 1.September mit dem Helikopter in das kleine Bergdorf Manoppello fliegen und dort das Wort in einem 20 mal 40 Zentimeter großen Bild bezeugen. Man könnte zugespitzt sagen: Gemessen an dem bildpolitischen Ereignis, das dieser kleine Abruzzen-Ausflug darstellt, ist der Deutschland-Besuch, der sich im September dann anschließt, nur noch eine Fußnote der Wortgeschichte. Die Zukunft wird im Bilde sein - oder sie wird nicht sein. Worum geht's?

In einer Volte der jüngeren Papstgeschichte wird Benedikt XVI. im Kirchlein von Manoppello das dort seit fünfhundert Jahren aufbewahrte „Volto Santo“, das Schleierbild Christi, verehren. Nein, nicht um das große Grabtuch von Turin handelt es sich, sondern um das viel kleinere Kopftuch von Manoppello, dessen verschlungene Geschichte hier nicht aufgedröselt werden soll, nur insoweit, als mit diesem Tuch das Antlitz Jesu im Grab bedeckt gewesen sein soll. Das Gesicht habe in dem berüchtigten Tuch einen Abdruck hinterlassen, welcher nach eingeweihter Lesart das Auferstehungsgesicht Christi mit offenen Augen zeigt, während das ein paar Helikoptertakte entfernte, nicht minder berüchtigte Grabtuch von Turin das Totengesicht mit geschlossenen Augen zeigt.

Was ist bei einem Papst schon privat?

Berüchtigt sind all diese Tücher und Tuchestücher deshalb, weil man, wie bei Reliquien fast allgemein üblich, sich gehörige Grabenkämpfe um deren Authentizität liefert. Die einen halten solche Linnen für göttlich, die anderen für windig. Und da bisher kein Gott ist, der mit einem Machtwort die Sache ein für allemal entschieden hätte, so ist die Deutung des Tuches von Manoppello dem gemeinen Katholiken samt und sonders freigestellt und als Privatsache aufgetragen. Er mag also befinden: göttlich; er mag befinden: windig - ihn trifft weder Segen noch Bann. Auch der Papst reist, wie ausdrücklich gesagt wird, als Privatmann in Manoppello an. Aber was ist bei einem Papst schon privat?

Rätselhaft darf man den durch viele Forscherhände gegangenen Schleier wohl nennen. Das hauchdünne, seidenähnliche Tuchbild wirkt weder gemalt noch gewoben. Die Wissenschaft häuft Hypothese auf Hypothese. Im Augenblick sagt sie, sie könne sich die Entstehung des „Volto Santo“ nicht erklären, seinen Stoff nicht, seine Farben. Aber die Wissenschaft ist im Vergleich zur Kirche eine unsichere Kantonistin. Was sie heute nicht erklären kann, kann sie vielleicht morgen erklären. Sie falsifiziert sich mit Freude selbst. Auf sie kann kein Wunder bauen.

Im Vatikan hat man bislang getan, als wäre das Tuch noch dort

Das Schleierbild von Manoppello wird darum immer hoch über der Wissenschaft hängen. Wie kommt's, daß der Intellektuelle auf dem Papstthron jetzt zu diesem Linnen reist? Ein auf Vernunft pochender Büchermensch, der noch vor wenigen Jahren, als er eine weitere Marienbotschaft von Fatima zu enthüllen hatte, seinerseits, so hatte man den Eindruck, deutlich auf der Wunderbremse stand, als wollte er sagen, was gute Wunderbremser eben so sagen: Sachte, liebe Leute, sachte, ihr glaubt ja nicht der Wunder wegen, die ihr seht, sondern des Gottes wegen, den ihr nicht seht.

Derselbe Joseph Ratzinger besteigt nun also am 1.September den Helikopter nach Manoppello. Manometer? Gewiß ist dieser Vorgang im Fluge (auch ohne daß man annehmen müßte, die Russenmafia habe ihre Finger im Spiel) ein ökumenischer Schulterschluß mit der bildbewegten orthodoxen Kirche und zumal mit ihren Christusikonen. Düpiert dürften nicht nur die bildkargen Protestanten sein, sondern auch der Vatikan. Denn der Vatikan hat von Manoppello bisher nur widerwillig Notiz genommen und tut bis dato so, als befinde sich das fragliche Tüchlein noch immer in seinen eigenen Hallen in Rom und sei dort nicht, wie die Eingeweihten von Manoppello wissen, vor vielen Jahren geraubt und in die Abruzzen gebracht worden.

Der Vernunft eine Lektion erteilen

Vermutlich leiten den Papst zwei Überlegungen, wenn er dorthin aufbricht. Die eine Überlegung: sich nicht erschrecken lassen. Die andere: der Vernunft eine Lektion erteilen. Die Vernunft soll bemerken, daß ihr das eine oder andere Bedürfnis entspringt, welches sie nach ihren eigenen Regeln nicht befriedigen kann und das deshalb die römische Kirche unter ihre Obhut nimmt, bevor es anderweitig - dämonisch auftrumpfend - aus dem Ruder läuft.

Was soll man halten vom hauchdünnen Schleierbild? Die Volksfrömmigkeit von Manoppello rechnet nach der Tabelle der katholischen Heilsökonomie. Diese ist keine Lehre der Knappheit, sondern eine Lehre der Verschwendung. Ihr Hauptsatz ist kein Sparmodell. Er lautet: Gott kann durch vieles bewirken, was auch durch weniges zu bewirken wäre. Das „Volto Santo“ hätte sich der Himmel also auch schenken können. Hat er aber nicht, scheint der Papst zu denken und will dem Bild ins Auge sehen.

Text: F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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