Reporter in Russland

Mensch zu sein ist hier die größte Leistung

Von Kerstin Holm

10. Mai 2007 „Wir werden euer Europa kaputtmachen, das ist die russische Rache!“ Naum Nim, Chefredakteur der für Menschrechte engagierten Zeitschriften „Index“ und „Newolja“ (Unfreiheit), kann seine Bitterkeit nicht zurückhalten. Seit dem Ende der Sowjetunion sammelt und publiziert Nim Geschichten über faschistoide Jugendgruppen, die sich antifaschistisch nennen, über die Zustände in Gefängnissen und an Gerichten und muss heute mit ansehen, wie das öffentliche Interesse erlischt, je schlimmer die Lage wird.

Die Quartalsschrift „Newolja“ und der halbjährlich erscheinende „Index“, ein russischer Ableger des britischen „Index on Censorship“, wird finanziert durch die amerikanische MacArthur-Stiftung, kostenlos über Nichtregierungsorganisationen verteilt und vor allem von Menschenrechtsaktivisten und Gefängnisverwaltern gelesen. „Wir wissen, dass unsere Häftlingstragödien die Aufseher manchmal zu Tränen rühren“, erklärt der ausgemergelte Reporter, während er angestrengt an einer Zigarette saugt. „Doch das ändert so viel wie das Quaken der Frösche im Sumpf“, sagt Nim, der zugibt, wenn er nachdenke, fühle er sich wie ein Narr.

Unser Zynismus wird auch Europa verpesten

Die russische Presse habe ihre öffentliche Warnfunktion verloren, die im Westen noch besteht, wenngleich auch dort mit abnehmender Tendenz, stellt Nim fest, der seine Periodika in einer Kammer im zentral gelegenen Journalistenverbandsgebäude produziert. „Noch“, bemerkt der sehnige, in einen Jeansanzug gehüllte Mann. „Das jetzige Regime sucht überall dort Spione, wo es die Geldströme nicht kontrolliert, also beispielsweise bei uns.“ Seit Monatsfrist liegen die Finanzdokumente des „Index“ bei den Kontrollbehörden, die durch ein banales Überprüfungsverfahren den Redaktionsbetrieb lähmen können. Dass sie es bisher nicht taten, ist Zufall, glaubt Nim. Sein Journalistenleben hat ihn aber auch belehrt, dass der Mensch nicht nach der Wahrheit strebt, sondern nach Legenden. Unsere Medien berichten nicht, was los ist, sondern füttern ihre Verbraucher mit Mythen, die bitte glamourös, aber anständig sein müssen und den Magen nicht verstimmen dürfen, sagt er grimmig. Im Redaktionszimmer erinnert ein Bücherregal voller leerer Whiskyflaschen an bessere Zeiten, da bittere Tropfen als heilsam galten. Der Eiserne Vorhang, mit dem Russland sich gegen West-Einflüsse abschirmte, schützte auch die europäische Identität, belehrt der Russe den deutschen Kollegen. Da es ihn nicht mehr gibt, prophezeit er, werden unsere kriminellen Energien, unser Zynismus auch Europa verpesten.

Dass nicht Putin das Hauptproblem der russischen Presse darstellt, glaubt auch Boris Timoschenko, Chef der Glasnost-Stiftung, die eine Etage über Nims „Index“ untergebracht ist. Es sei vielmehr das bolschewistische Prinzip, in jedem, der nicht Fußsoldat des Regimes sein wolle, den Feind zu wittern, sagt Timoschenko, ein abgeklärter Weiser mit Silbermähne, der seit fünfzehn Jahren Buch darüber führt, was russischen Journalisten im ganzen Land zustößt. Russlands Mächtige, ob in Moskau oder der Provinz, betrachten sich als über Kritik erhaben; das galt unter der Sowjetmacht wie heute, aber auch schon zu Zeiten von Väterchen Zar, meint der milde Asket, der in Iwan dem Schrecklichen den ersten Bolschewiken erblickt. Im derart weitgefassten Bolschewismus erkennt Timoschenko das Gesetz Asiens. Bei der Arbeit mit fernen Regionen kommt der Glasnost-Stiftung, die am Tropf europäischer und amerikanischer Geldgeber hängt, manchmal die Autorität einer hauptstädtischen Institution zugute. Die Aufklärung mitsamt Gerichtsurteil gelingt bei ganzen zwei Prozent der gemeldeten Übergriffe, lautet Timoschenkos homöopathische Erfolgsstatistik - das seien in der Regel Fälle, wo die Journalistenfeinde auch technisch patzten.

Selbstzensur ist ihre zweite Natur

Unterdessen zieht sich die Schlinge um das Reporterhandwerk immer enger zusammen. Schon fünf Journalisten kamen im laufenden Jahr zu Tode - alle aus dem investigativen Fach. Im März stürzte der Militärexperte der Zeitung „Kommerssant“, Iwan Safronow, der illegalen Raketengeschäften hoher Rüstungsfunktionäre mit Iran auf der Spur war, aus dem fünften Stock seines Moskauer Wohnhauses zu Tode. Die Polizei nimmt an, dass Safronow Selbstmord beging, was Kollegen, die den lebensfrohen Reserveoberst kannten, für ausgeschlossen halten. Timoschenko schließt nicht aus, dass Safronow Opfer eines Drogenanschlags wurde - allzu mächtig waren die Schattenwirtschaftskapitäne, deren Interessen Safronows Recherchen gefährdeten. Im April starb im südwestsibirischen Altaigebiet ein Kameramann, der sich den Unmut von nahebei stationierten Zeitsoldaten zugezogen hatte, in der eigenen Garage an Abgasvergiftung. Schlagwunden an der Leiche und die Verriegelung der Garage von außen deuten auf einen inszenierten Selbstmord.

Die Gewalttaten, die aussehen wie Teile eines strategischen Plans, sind oft spontaner Ausdruck des universalen Bemühens um Machtausbau, glaubt Medienbeobachter Timoschenko. Dazu gehört in diesen Tagen die faktische Liquidierung der in „Gebildete Medien“ (Obrasowannyje media) umgetauften Stiftung Internews, der Polizeibeamte vom Amt für ökonomische Sicherheit illegale Geschäfte vorwerfen. Anlass war, dass Internews-Leiterin Manana Aslamasjan kürzlich von einer Paris-Reise knapp zehntausend Euro in bar mitbrachte, die Zollbestimmungen indessen nur einen Freibetrag von zehntausend Dollar einräumen. Die Bagatelle, die gewöhnlich durch eine kleine Strafe beigelegt wird, bewog die Wirtschaftspolizei, den „Gebildeten Medien“, die sich durch Journalistenweiterbildung insbesondere für Provinzfernsehkräfte einen Namen gemacht haben, ihre Buchführungsakten und Computer zu konfiszieren. Diese Tat, die vor allem die russische Kultur zerstört, ist nur das jüngste Drohsignal an uns alle, schließt Timoschenko mit weicher Stimme: Die Selbstzensur, die russische Reporter sich zur zweiten Natur gemacht haben, beweist, dass es verstanden wird.

Die Not weckt Immunkräfte

Das Putin-Regime treibt Journalisten ins Exil. Jelena Tregubowa, die frühere Kreml-Berichterstatterin, deren persönlich gefärbte Abrechnung mit der politischen Elite im vergangenen Herbst unter dem Titel „Mutanten des Kreml“ auf Deutsch herauskam, hat in London politisches Asyl beantragt. Über ihre Moskauer Lebensumstände in der jüngsten Zeit verrät Frau Tregubowa nur, dass sie unerträglich geworden seien und dass ihre Heimkehr derzeit einem Selbstmord gleichkäme. Der russischen Journalistengemeinde gilt Jelena Tregubowa eher als halbseidene Skandalautorin. Im Gegensatz etwa zu Fatima Tlissowa, jener Associated-Press-Korrespondentin in der Kaukasus-Region Karatschajewo-Tscherkessien, die nach zwei Giftmordanschlägen auf sie an die Harvard-Universität ausgeflogen wurde. Frau Tlissowa, eine seriöse Faktensammlerin, hatte Giftexeperimente an Schülern in Karatschajewo-Tscherkessien aufgedeckt, weiß ihre Moskauer Kollegin Julia Latynina, spielte ihr persönliches Drama aber eher herunter, um nur weiterarbeiten zu können. Im sibirischen Kemerowo hatte der Journalist Alexander Koswinzew illegale Giftmüllentsorgung und große Veruntreuungen von Staatsgeldern durch den engsten Kreis von Gouverneur Tulejew aufgedeckt, der im Landkreis nicht anders als „Zar“ angesprochen wird. Nachdem die örtlichen Ordnungshüter ihn bedrohten, bemüht sich Koswinzew jetzt im westukrainischen Lwiw um den Status eines politisch Verfolgten.

Doch die Not weckt auch Immunkräfte. Etwa in der neunzehn Jahre alten Nachwuchsjournalistin Jelena Kostjuschenko, die seit einem Jahr für die „Novaja gazeta“ schreibt, jene kleine, kritisch-investigative Zeitung, die mehrmals den gewaltsamen Tod eines Redaktionsmitglieds beklagen musste, zuletzt den von Anna Politkowskaja. Die zierliche Jelena stammt aus der Provinzstadt Jaroslawl. Dort las sie als vierzehnjährige Schülerin, die später einmal Lehrerin werden wollte wie ihre Mutter, zufällig einen Politkowskaja-Artikel und wurde dadurch regelrecht „erweckt“, erinnert sie sich. Wie sich Frau Politkowskaja in ihrer Tschetschenien-Berichterstattung zur Stimme der Schwachen und Misshandelten machte, ihre plastische, aufrichtige, zugleich schnörkellose Sprache, das gab dem Leben des Mädchens ein Ziel. Jelena Kostjuschenko wurde Reporterin für Soziales, Flüchtlinge, Migranten. Sie schlug gut bezahlte Angebote von Werbe- und Wahlkampfbüros aus und arbeitet neben dem Studium lieber für wenig Geld bei der „Novaja gazeta“. „Zum Leben brauche ich nicht viel“, sagt die anmutige junge Frau mit dem Pagenkopf, die in einem Wohnheimzweierzimmer haust. „Die Zusammenarbeit mit großartigen Kollegen in der ,Novaja' gibt mir Kraft.“ Jelena Kostjuschenko bedauert, dass viele Russen sich gern sklavisch unterordnen und kein Gefühl hätten für persönliche Würde. Ein Arbeitsaufenthalt in Amerika überzeugte sie von dem überlegenen, weil nicht obrigkeitlich aufgezwungenen Verwaltungssystem dort, aber auch von einer emotionalen Verarmung der Menschen. Trotz der russischen Härten beziehungsweise gerade ihretwegen ist die Heimat für Jelena Kostjuschenko das gelobte Land. Denn wenn im Westen die Karriere Hauptsache ist, im Orient aber der Familien-Clan, so war in Russland, lautet ihr Befund, immer die größte Leistung, Mensch zu sein.



Text: F.A.Z., 10.05.2007, Nr. 108 / Seite 44
Bildmaterial: dpa

 
 
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