Von Oliver Tolmein
09. März 2009 In Ronald Dworkins Mitte der neunziger Jahre veröffentlichtem Buch Die Grenzen des Lebens“ ist es ein Gedankenspiel: Gehen wir einmal davon aus, Margo hätte vor Jahren, als sie noch gesund war, in einem formellen Dokument verfügt, falls sie je an Alzheimer erkranken sollte, wolle (sie) möglichst rasch und schmerzlos getötet werden ...“ Der amerikanische Philosoph, der als Theoretiker der Bürgerrechte Renommee erworben hat, als Bioethiker aber keine Schwierigkeiten darin sieht, Lebensqualität hierarchisch abzustufen, führt Margos Geschichte schnell zu dem Punkt, an dem existentielle Entscheidungen getroffen werden müssen. Verlangt das Recht auf Selbstbestimmung, dass die für Margos Betreuung zuständigen Menschen den Tötungswunsch nun respektieren, obwohl die an Alzheimer erkrankte Patientin allem Anschein nach mit ihren eselsohrigen Kriminalromanen und ihren Erdnussbutterbroten glücklich“ ist? Dworkin lässt keinen Zweifel daran, dass seine Antwort ja“ lautet.
Wer das Selbstbestimmungsrecht als höchstes Gut wahren will, muss bereit sein, Härten in Kauf zu nehmen. Das ist die Botschaft dieses intellektuellen Exkurses, den Dworkin mit der Geschichte von Odysseus anreichert, der – weil er die Sirenen hören, ihnen aber nicht zum Opfer fallen will – sich am Mastbaum seines Schiffes festbinden ließ und die Gefährten verpflichtete, ihn keinesfalls loszubinden, auch wenn er sehnlichst danach verlangen werde. Das Odysseus-Beispiel geht allerdings fehl: Den Sirenen zu folgen bedeutete den Tod; als Odysseus sich also vor der Abfahrt entschied, dass seine Freunde eine spätere, im Zustand der Verzauberung durch den Sirenengesang getroffene Willensänderung nicht zu beachten hätten, traf er eine Entscheidung für das Weiterleben. Er wollte gerade verhindern, dass er im Zustand verlorener Willensfreiheit einer Verlockung folgen und dadurch zu Tode kommen würde.
Ist das Weiterleben noch erträglich?
Dworkin interessiert sich aber nicht für den Mythos in seinem Zusammenhang, er analysiert den darin enthaltenen Konflikt unter Ausblendung konkreter Umstände abstrakt: das Spannungsfeld zwischen Wünschen, die im Zustand der Zurechnungsfähigkeit getroffen werden, und dazu entgegengesetzten Wünschen im Zustand der Inkompetenz“. Aus einer Lebensgeschichte eine abstrakte Kasuistik zu entwickeln ist ein in der Bioethik verbreitetes und nach außen erfolgreiches Vorgehen, weil es die suggestive Dramatik des Einzelfalles erhält, ohne eine (in diesen Fällen theoretische) Entscheidung durch dessen komplexe Differenzierungen zu erschweren.
Hans Küngs Betrachtungen über Walter Jens (siehe Walter Jens ist dement – Beobachtungen aus nächster Nähe von Hans Küng ) haben nichts von Dworkins extremistischer Konsequenz. Der Ausgangspunkt seines erschütterten Berichtes über das (Weiter-)Leben seines Freundes und Kollegen ist allerdings von dem des Bioethikers nicht wesentlich verschieden. Das Leben mit Demenz betrachtet Küng in erster Linie unter dem Aspekt, ob das Weiterleben des Erkrankten noch erträglich erscheint. Dabei schreibt Küng gar nicht in erster Linie über Jens. Sein Bericht skizziert vor allem die Wirkung, die Jens auf ihn hat. Küng ist erschüttert, und er leidet darunter, dass keine geistige Kommunikation mit seinem erkrankten Freund mehr möglich ist. Der Intellektuelle Küng vermerkt zwar, dass er noch emotionalen Zugang zu Jens finden kann, offensichtlich setzt er diese Erkenntnis aber nicht um. Im Verlauf der Besuche, wie er sie beschreibt, sucht er das Gespräch, das mit Jens kaum möglich ist, mit dessen Frau, bewundert sie für ihre Haltung, lässt die so Geadelte aber im Ergebnis allein.
Die falschen Orte
Küng zitiert zwar Textbrocken, um den Sterbewunsch von Jens zu belegen, aber er begleitet ihn nicht zum Kaninchenstall, nicht zu Caro, dem Wachhund, er spielt nicht mit ihm mit der Puppe. Mich erschüttert, dass ich so gar nichts für ihn tun kann“, bilanziert Küng, dabei wäre viel gewonnen, wenn er akzeptieren könnte, dass er mit ihm etwas tun kann. Ich möchte weinen“, schreibt Tilman Jens angesichts der neuen Erfahrungen seines Vaters, aber er fühlt sich wohl.“ Im Buch seines Sohnes (siehe Über Walter Jens: Es muss ja nicht gerade heute passieren) ist der Sterbewunsch von Walter Jens gebrochen.
Küngs Erkenntnis, dass Jens noch unter uns und mit uns lebe, aber eingeschlossen in seine eigene Welt“, sagt nichts über Jens aus, der, wie sich aus dem eindrucksvoll geschriebenen Bericht seines Sohnes ergibt, tatsächlich, weil seine Familie mit der Situation nicht klarkam, zeitweise in psychiatrischen Kliniken eingeschlossen leben musste. Jens ging es in dieser Zeit nicht besser als vielen Menschen mit Demenz, die in Deutschland an falschen Orten leben müssen, wo sie gezwungen werden, sich Regeln zu unterwerfen, die sie nicht verstehen, wo ihnen Zwang angetan wird, den sie nicht ertragen – und der ihre schwierige Situation noch schlimmer macht, damit wenigstens die auch stark belasteten Angehörigen entlastet werden.
Ars vivendi
Tilman Jens schreibt, hier einem ähnlichen Gedanken folgend wie Küng: Der Vater, den ich kannte, der ist lang schon gegangen.“ Man kann sein Buch, so einfühlsam es an vielen Stellen ist, leider nicht als Versuch lesen, den Vater, so wie er ist, kennenzulernen. Vielleicht ist das auch zu viel verlangt. Auf den letzten Seiten klingt aber auch etwas anderes an, eine Neugier: Jetzt, da er fort ist, habe ich einen ganz anderen Vater entdeckt, einen kreatürlichen Vater ...“ Diese Offenheit für ein Leben, das den gängigen Vorstellungen und Mustern nicht mehr folgt, fehlt Küngs Text gänzlich. Der Theologe entschließt sich, seinen so persönlich begonnenen Text mit Appellen für – ausgerechnet – eine Versachlichung der aktuellen Sterbehilfe-Diskussion“ durch Ärzte, Juristen, Politiker, Kirchen und Medien abzuschließen.
Damit folgt er der bioethischen Angewohnheit, in die Abstraktion zu entfliehen. Eigentlich müsste aber ein ganz anderes Thema unser Interesse wecken: Wie können wir das Leben mit Demenz verbessern – das Leben der Menschen, die an Demenz erkrankt sind, und auch das Leben derer, die mit Demenz konfrontiert sind, weil andere daran erkrankt sind? Wir reden laut und öffentlich über Patientenverfügungen und Sterbehilfe, nicht aber über neue Modelle der Demenzpflege, andere Wohnformen und die Stabilisierung der Psyche von Menschen, die erleben müssen, wie sie ihr Denkvermögen verlieren.
Die Ars moriendi ist wichtig (und wird seit Jahren viel diskutiert), weitaus schwerer tun wir uns aber gegenwärtig in den gar nicht so seltenen Extremsituationen des Lebens mit der Ars vivendi. Um auf das von Küng gebrauchte Bild des Eingeschlossenen zurückzukommen: Walter Jens hat sich nicht selbst irgendwo und vor uns eingeschlossen, er hat sich auch nicht selbst eine eigene Welt gesucht – im Gegenteil: Wo ihm die Gelegenheit geboten wird, nimmt er, so wie er es heute kann, offenbar gerne teil am allgemeinen Leben. Die Tragödie des dementen alten Mannes ist, dass er aus unserer Welt schon weitgehend ausgebürgert worden ist – als Fall Walter Jens, als einer, der, nach Meinung vieler, besser schon längst gestorben wäre.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa