29. September 2006 Im Jahr 2008 wird die Türkei auf der Frankfurter Buchmesse als Gastland auftreten, die entsprechenden Verträge sind jetzt unterzeichnet worden. Welche Schriftsteller wir dann in Frankfurt begrüßen dürfen - das wird wahrscheinlich davon abhängen, welcher türkische Schriftsteller nicht gerade einen Prozeß am Hals hat wegen Beleidigung des Türkentums. Ein Jahr darauf kommt China, auch da werden wir die Schriftsteller begrüßen dürfen, die keinen Ärger mit dem chinesischen Staat am Hals haben, was ja dort leicht passieren kann. Erst einmal aber 2008 die Türkei. Unser Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat in dieser Zeitung am Mittwoch geschrieben, daß der Islam bei allen Kontroversen, etwa über die Rolle der Frau oder das Verhältnis von Religion und Rechtsstaat, einiges beizutragen hat, was vielen in Deutschland zu entgleiten droht: etwa die Betonung der Wichtigkeit der Familie.
Diesen Satz hatten wir noch vor Augen, als wir lesen mußten, daß Eva Herman, die ehemalige Tagesschau-Sprecherin, die mit ihrem Buch Das Eva-Prinzip (in dem ja die Rolle der Frau vor allem in der Familie bedacht wird) seit Tagen weit oben auf der Bestenliste rangiert - daß also diese Eva Herman ein, halten Sie sich fest: neues Buch schreiben möchte. So schnell geht das heute. Sie habe, sagt Eva Herman, auf ihr Eva-Buch hin dreitausend Leserbriefe erhalten, in denen Männer und Frauen ihre Lebensentwürfe schildern; und nun wolle sie diese Menschen zu Wort kommen lassen. Ihr neues Buch wird den Titel tragen: Liebe Eva Herman - Briefe an die Autorin des Eva-Prinzips, eine, wie wir hier ohne Groll und ohne Neid sagen, erstklassige Idee.
Das Eva-Prinzip in der Türkei
Nun wäre es, denken wir, doch noch toller, wenn dieses Liebe-Eva-Herman-Buch nicht schon im Herbst 2007 erscheint, wie sie sagt, sondern im Herbst 2008. Warum? Ja, siehe oben: weil im Herbst 2008 die Türkei bei uns zu Gast ist, in der die Frau prinzipiell mehr beim Eva-Prinzip gehalten wird, als das hierzulande offenbar der Fall ist (dazu eben die zitierte Äußerung unseres Bundesinnenministers Schäuble über den Vorbildcharakter des islamischen Familienbildes), während im angepeilten Jahr der Veröffentlichung des Liebe-Eva-Herman-Buches auf der Frankfurter Buchmesse: wer zu Gast ist? Das Land Katalonien.
Das Eva-Prinzip-Buch hat Furore gemacht, und das Liebe-Eva-Herman-Buch (warum nicht Liebes-Eva-Prinzip-Buch?) wird Furore machen, auch das sagen wir hier ohne Groll und Neid, was wahrscheinlich damit zusammenhängt - wir zitieren wieder unseren Bundesinnenminister -, daß in Deutschland ... eine Nachfrage nach Bindungen und Verläßlichkeiten zu vernehmen ist. Eva Herman möchte die Frauen dazu bewegen, darüber nachzudenken, ob sie nicht lieber Bindungsarbeit daheim leisten statt Büroarbeit irgendwo draußen in der Fremde, was ja schon sehr viele Männer entschlossen machen. Liebe Eva - 2008 wäre vielleicht doch wirklich besser, wir denken an all die Diskussionen, die sich auf einer, auf dieser Buchmesse wie von selbst ergeben.
Text: rtg / F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 35
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