22. Juni 2008 Wir, Christian Schuller und ich, bedanken uns beim Stiftungsrat der Festspiele Bayreuth für das uns entgegengebrachte Vertrauen und den Auftrag, die Festspiele von 2011 an zu leiten. Bis dahin sind die Spiele bei den Damen Wagner sicher in guten Händen, doch dann sollte, wie vielerorts schon mehrfach gefordert, mit der Erbhofmentalität Schluss sein, und es sollten neue Maßstäbe angelegt werden, auch wenn Wotan-Tochter Brünnhilde in der Walküre“ ihrem Vater zugesteht: Du zeugtest ein edles Geschlecht.“ Selbst für das edelste der Geschlechter kommt einmal der Tag des Abgangs. Wir verneigen uns in Ehrfurcht und beginnen neu.
Aber: Wir versichern, dass die Richard Wagner Festspiele“ in Bayreuth auch unter unserer Leitung Richard-Wagner-Festspiele bleiben werden, im Sinne des Meisters, nur vielleicht nicht ganz so rasend erhaben“ (Frau Cosima) und nicht mehr so monotheistisch . . . Allerdings wird sich einiges ändern, das wir uns im Folgenden kurz auszuführen erlauben.
Für ein jüngeres Publikum
Wir möchten in Bayreuth endlich den kompletten Wagner spielen, also auch Die Feen“, Das Liebesverbot“ und Rienzi“. Wir möchten zu diesem Zweck gern das von 1744 bis 1748 von Galli Bibiena errichtete Markgräfliche Opernhaus unten in der Stadt Bayreuth mit in die Festspiele einbeziehen und überprüfen, welche dieser Opern dort aufgeführt werden können, um vor allem auch einmal ein jüngeres Publikum an Wagners Opern heranzuführen – was auf dem Hügel mit den langen Aufführungszeiten und den großen Standardwerken nur begrenzt möglich ist.
Der Fliegende Holländer“ zum Beispiel muss nicht zwingend im Festspielhaus gespielt werden: Das ist ein Werk, das durchaus im Markgräflichen Opernhaus während der Festspielwochen für ein jüngeres Publikum aufgeführt werden kann.
Oper braucht ein Publikum für die Zukunft
Wir haben in der Kölner Kinderoper in einer Bearbeitung Wagners Oper Die Feen“ mit großem Erfolg vor Kindern und Jugendlichen gespielt, die so zum ersten Mal mit Wagners Musik in Berührung gekommen und nun bereit sind, sich auch auf die komplizierteren Werke einzulassen. Man muss irgendwann irgendwo anfangen. Oper braucht heute ein Publikum für die Zukunft.
Darum ist es auch die Überlegung wert, ein junges Publikum mit musikdramatischen Werken aus der direkten Nachfolge von Richard Wagner bekannt zu machen, etwa den Merlin“-Opern von Carl Goldmark und Isaac Albéniz, Harrison Birtwistles Gawain“ (er ist der abwesende Ritter aus Parsifal“). Abenteuer und Fahrten der Seele – sollte das Jugendliche nicht interessieren? Wir erinnern an Wagners These: Wir müssen Wissende werden durch das Gefühl. Der Verstand sagt es uns: so ist es erst, wenn uns das Gefühl gesagt hat: so muss es sein.“
Den bewährten Vierjahresturnus beibehalten
Die Festspiele werden unter unserer Leitung um eine Woche verlängert, weil im Markgräflichen Opernhaus Konzerte mit Musik von Richard Wagner und seinen Zeitgenossen stattfinden werden. Wir möchten das Werk Wagners in dem seiner Zeitgenossen spiegeln und so deutlich machen, was ihn beeinflusst und wo er sich abgesetzt hat.
Im Festspielhaus auf dem Hügel werden wir den erprobten und bewährten Vierjahresturnus beibehalten, aber jeweils pro Vierjahreszyklus die Uraufführung einer Oper hinzufügen, die in der Nachfolge Richard Wagners steht oder dessen Idee des Musikdramas ergänzt und weiterentwickelt, und deren Besuch beim Erwerb einer Karte für eine Wagner-Oper Pflicht ist. Stücke wie Bernd Alois Zimmermanns Soldaten“ (UA 1965) oder Saint-François d’Assise“ von Olivier Messiaen (UA 1983) passten in ihrem Gestus sehr gut nach Bayreuth.
Zeitgenössische Musik einbinden
Unsere Theatergewohnheiten stehen in Bayreuth zur Disposition. Sie wurzeln tief im neunzehnten Jahrhundert. Vor dieser Zeit sah und hörte man im Theater ausschließlich Neues, und auch Wagner entwickelte ja bewusst sein Musikdrama weg von der Nummernoper. Er wollte Musik, Text, Inszenierung gleichwertig nebeneinander sehen: grenzüberschreitend, unerhört und neu, der Zeit voraus.
Wir fallen hoffnungslos hinter diese Neuerungen zurück, wenn wir uns immer mit dem gleichen Repertoire begnügen und unsere Seh- und Hörgewohnheiten nicht deutlich mehr als bisher dem Neuen öffnen. Wir wollen durchaus risikobewusst der Oper das Großartige, das Unerhörte, das Neue und Grenzüberschreitende zurückgeben, das Wagner ihr gegeben hat, und möchten deshalb zeitgenössische Musik in die Festspiele ganz selbstverständlich einbinden.
Die Regieansätze der letzten Jahre beschränkten sich oft aufs rein Ästhetische oder suchten krampfhaft nach zeitgenössischen Bezügen. Wagners Opern sind aber auch reich an Konfliktstoffen etwa zwischen Mann und Frau – das Sich-nicht-Nahekommen, Sich-nicht-Begreifen, die Unmöglichkeit funktionierender Beziehungen. Wir wünschen uns mehr Augenmerk auf die immer noch aktuellen und uns bewegenden Themen in Wagners Opern und nicht nur ein sich Abarbeiten an konstruierter Aktualität.
Schluss mit der Stadttheatermentalität
Regieteams müssen bessere Probenbedingungen erhalten und längerfristig ans Haus gebunden werden – Schluss mit der Stadttheatermentalität von Kommen, Abliefern, Gehen. Es müssen über lange Zeit Konzepte weiterentwickelt werden.
Dazu gehört auch, dass man unter den Sängern wieder die Besten der Besten an die Festspiele zu binden versucht, und das geht nur mit deutlich besserer Bezahlung. Es kann nicht als Gnade gelten, in Bayreuth singen zu dürfen. Wer die schweren Partien dort singen kann, hat sich über Jahre hinweg einen Status erarbeitet, der auch angemessen honoriert werden muss. Wir möchten Schluss machen mit der Praxis der Unterbezahlung für die Ehre, in Bayreuth musizieren und singen zu dürfen. Es wird – im Gegenteil – uns eine Ehre sein, die besten Orchestermusiker und Sänger zu bekommen und sie marktgerecht zu bezahlen. Und den besten Sängern und Dirigenten sollte es ein künstlerisches Bedürfnis sein, hier zu arbeiten.
Ein Hort für Traditionalisten
Es geht der Oper nicht überall gut. Es haftet ihr der Ruch des Altmodischen an, und gerade Bayreuth ist ein Hort für Traditionalisten geworden. Wir möchten das behutsam aufbrechen und wieder zeigen, wie unerhört revolutionär, sinnlich und zeitgemäß Oper sein kann. Und wenn wir schon dabei sind: Das ganze Drumrum ist entsetzlich provinziell.
Vereinigt das Festspielhaus selbst noch den Charme eines Oktoberfest-Bierzeltes mit der Leichtigkeit eines Gründerzeitbahnhofes“ (Herbert Rosendorfer), so ist die angeklebte Außengastronomie optisch und inhaltlich gänzlich unerträglich und muss durch leichtere, modernere, hellere, unkompliziertere Gebäude und Gerichte zur Pausenerholung ersetzt werden. Hier kann man von Glyndbourne lernen.
Karten gibt es für jeden
Mit der Tradition von Premierenfreikarten für politische und mediale Prominenz werden wir radikal brechen. Karten gibt es für jeden – im normalen Vorverkauf. Der Sozialrevolutionär Wagner träumte von Volksfestspielen mit kostenlosen Karten für alle. Das kann und soll nicht möglich sein; aber die Praxis der Kartenvererbung, der Kartenvergebung durch Gnade, des jahrelangen Wartens einerseits und der selbstverständlichen Kartenvergabe an Prominente andererseits muss unterbrochen werden. Warum öffnet sich Bayreuth nicht pro Jahr mit einer Inszenierung auch für das Fernsehen? Und wäre es nicht denkbar – wie es schließlich die Met“ in New York auch schafft – für die, die draußen bleiben müssen, live Übertragungen in andere Räume zu organisieren? Wir leben im medialen Zeitalter, lasst es uns nutzen!
Wir wünschen uns heitere, intelligente Weltläufigkeit. Wir wünschen uns, dass die so geliebten und hoch beachteten Festspiele auf dem grünen Hügel in Bayreuth nicht im Muff der Tradition versinken, sondern wie ein Phönix aus der Asche leuchtend aufsteigen und zeigen, was Oper alles sein kann und sein muss – auch und gerade heute.
An die Arbeit!
Elke Heidenreich leitet zusammen mit Christian Schuller die Kinderoper Köln
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp