Von Sibylle Tönnies
30. September 2007 Die Debatte um Eva Herman ist weniger wegen der anstößigen Äußerungen interessant als wegen der Heftigkeit der Ablehnung, auf die sie gestoßen sind. Warum hat die Öffentlichkeit so stark reagiert? Es gibt zwei Gründe; nehmen wir erst den schlechten und dann den guten: Die Ablehnung gibt die Gelegenheit, sich vom Nationalsozialismus abzugrenzen. Selbst junge Leute fallen dieser Versuchung anheim. Sie lehnen den Nationalsozialismus von ganzem Herzen ab - und davon wird tatsächlich ihr ganzes Herz beansprucht. Im Übrigen haben sie nämlich kein Herz - jedenfalls dürfen sie sich nicht dazu bekennen.
Es ist ja keineswegs modern, ein guter Mensch zu sein, im Gegenteil: Es ist verdächtig. Unter den Stichworten Gutmensch und Helfersyndrom steht es unter Soupçon. Man will heute kein Gutmensch sein, und man hat auch kein Helfersyndrom; man denkt heute ordnungsgemäß nur an sich selbst. Ist man also korrekterweise ein Schwein? Nein! Man ist insofern kein Schwein, als man schlecht über die Nazis denkt. Man ist ein dezidierter Gegner des Nationalsozialismus. Das stellt man dadurch unter Beweis, dass man immer neue Nazigreuel in der Vergangenheit aufdeckt und rastlos Naziideen in der Gegenwart nachspürt.
Haben wir nicht auch mit den Wölfen geheult?
Im Herbst treffe ich mich mit meinen früheren Anwaltskollegen wieder zum geistigen Austausch. Worüber werden wir reden? Über die juristischen Untaten der Nazis. Mal wieder. Wir alten Linken tun das nämlich seit über dreißig Jahren. Wohl dem, der über ein bisher unbekanntes Schandurteil berichten kann. Der Gedanke, dass wir altlinken Anwälte mal untersuchen, wie weiß unsere eigenen Westen sind, darf nicht aufkommen. Aber haben wir damals nicht auch mit den Wölfen geheult?
Haben wir nicht Stalinisten und Maoisten verteidigt, ohne zu erforschen, wie die Wirklichkeit aussah, die hinter den Ideen unserer Mandanten stand? Haben wir nicht, soweit wir für die RAF arbeiteten, hemmungslos Kassiber geschmuggelt und auf diese Weise die Verteidigerprivilegien untergraben? Die Diskussion dieser Fragen wäre doch viel interessanter. Wir könnten uns gegenseitig befragen: Warum hast du das mitgemacht? Daraus ließen sich doch Schlüsse auf die Ursachen des Nationalsozialismus ziehen.
Das Schlechte darf nicht übersehen werden
Diese Ursachen lassen sich nicht erforschen, wenn man nur auf die Nazigreuel sieht. Es muss endlich erlaubt sein zu fragen, warum der Nationalsozialismus trotzdem so erfolgreich war. Die Antwort ist die: Er hat viel Gutes aufgesaugt. Hitler - diese, mit Goethe, Spottgeburt aus Dreck und Feuer - hat sich des Besten und Heiligsten bemächtigt, es verdreht und missbraucht. Es muss endlich erlaubt sein, den Nationalsozialismus daraufhin zu untersuchen, was er an Gutem verschluckt hat - das ans Tageslicht gefördert, gesäubert und rehabilitiert werden muss und von dem unterschieden, was genuin schlecht war.
Das Gute, man möge lachen: der Autobahnbau. Er war eine Variante der Keynesschen Arbeitspolitik, wie Roosevelt sie im New Deal angewandt hat. Hitler fand die Pläne in den Schubladen der Ministerien vor, ausgearbeitet von Menschen, die später in der Emigration oder im Widerstand waren. Binnen kurzem war die Arbeitslosigkeit beseitigt, und Hitler gewann Popularität. Das Schlechte am Arbeitsdienst darf dabei nicht übersehen werden. Aber es ist bekannt: sein Zwangscharakter, sein totalitäres, ideologisches Element.
Das Gute bestand in Elementen der Ideologie
Das Gute: die Elemente der Jugendbewegung, die Entdeckung der Natur, die Geländespiele, das Draußenschlafen, das Feuermachen, das Singen. Das Schlechte: der Missbrauch für ideologische Zwecke, die Gleichschaltung, die gewaltsame Erstickung des Individuellen, der paramilitärische Charakter, die Kriegsvorbereitung. Sollte man nicht trotzdem die Kinder heute wieder in den Wald führen, sie dort übernachten lassen und ihnen die Chance zu Geländespielen, Feuermachen und Singen geben?
Das Gute bestand auch in manchen Elementen der Ideologie, die sie mit dem Sozialismus gemeinsam hatte. Das Selbstbewusstsein des einfachen Menschen wurde gestärkt und seine Arbeitsleistung gewürdigt. Der Sinn für das Allgemeinwohl, dessen Träger der Staat ist, wurde wieder geweckt. Das Schlechte auch hier: dass das Maß des Guten weit überschritten, der Einzelne geknechtet und dem Allgemeinwohl geopfert wurde.
Was ist das Motiv für Förderung der Fortpflanzung?
Das Gute - wir kommen hier zu Eva Herman zurück: die Ehrung der Mutter. Das war ein Trick, um einem bösen System Menschen zuzuführen zum Zwecke der Verheizung. Aber was ist heute das Motiv, wenn die Fortpflanzung gefördert werden soll? Die Sicherung der Renten. Wie man den Menschen (heute sind es auch Männer), die Kinder großziehen, das Leben erleichtert, wie man ihnen mit Halbtagsstellen entgegenkommt, wie man ihnen praktische Hilfe verschafft - das wird nicht ernsthaft genug besprochen.
Das Klima für Schwangere ist zwar besser geworden. Mütter sind wieder selbstbewusst. Die Tatsache, dass in Prenzlauer Berg in Berlin, wo die jugendliche Avantgarde wohnt, Deutschland seine höchste Geburtenquote hat, zeigt, dass der Zeitgeist der Fortpflanzung günstig ist. In den vergangenen Jahrzehnten war das anders. Meine Kinder sind in den siebziger und achtziger Jahren geboren, in denen die Fortpflanzung suspekt war. Die Abtreibung wurde höher geachtet. Ich habe in dieser Zeit sechs Kinder zur Welt gebracht und wurde in meinem Freundeskreis als Karnickel oder Gebärmaschine bezeichnet. Ich muss bekennen, dass ich damals, ganz für mich und nur aus Spaß - nicht etwa aus Sympathie mit dem Nationalsozialismus, den ich von Grund auf verabscheue -, gedacht habe: Wo ist eigentlich das Mutterkreuz geblieben?
Warum soll Kindererziehung nicht geehrt werden?
Man sieht, ich bin ängstlich geworden, und ich möchte deshalb an dieser Stelle feierlich erklären: Ich halte den Nationalsozialismus für die größte Sauerei aller Zeiten. Ich lasse mich in dieser Überzeugung durch nichts, auch nicht durch das Ausmaß der stalinistischen und maoistischen Greuel, beirren. Allerdings würde ich es lieber nicht nötig haben, diese Feststellung auszusprechen. Sie ist so billig; das verabscheute Phänomen macht sie so leicht, und der Zeitgeist begünstigt sie so stark, dass sie eine Anpassungsleistung ist. Da sie dennoch richtig ist, will ich sie gern wiederholen: Der Nationalsozialismus ist die größte Sauerei aller Zeiten.
Aber Hitler zum Trotz sei gesagt: Warum soll die Kindererziehung, die schwerste Arbeit, die in der Gesellschaft verrichtet wird, nicht wieder hochgehalten und geehrt werden? Ein Wunder, dass man in den vergangenen Jahrzehnten nicht das Müttergenesungswerk aufgelöst hat, diese wunderbare Einrichtung der Nazigegnerin Elly Heuss-Knapp, in der Frauen zu Kräften kommen, die unter ihrer Last zusammengebrochen sind. Wer sieht sie denn, diese Last? Sie ist allerdings da am größten, wo die Frauen an den Herd gefesselt sind. Und damit kommen wir zu dem zweiten, dem guten Grund, aus dem Eva Hermans Äußerungen so heftig abgelehnt werden. Nicht nur, dass die nationalsozialistische Familienpolitik schlechten Zielen diente. Sie war auch anachronistisch. Sie wollte die geschichtlich unaufhaltsame Angleichung von Mann und Frau rückgängig machen.
Veränderungen als Anlass zu großen Hoffnungen
Nein, die Frau soll nicht zurück an den Herd. Da liegt Eva Herman falsch. Denn der Herd ist nicht mehr das, was er mal war: ein Lebensmittelpunkt. Was sich abspielt in einer Neubauwohnung, in der eine Mutter Tag um Tag mit ihren Kindern allein gelassen ist, weiß kein Mensch, und kein Mensch will es wissen. Ich konnte meine vielen Kinder nur deshalb ertragen, weil ich andererseits berufstätig war und mich im Beruf von ihnen erholen konnte; weil mein Mann die Doppelbelastung zu fünfzig Prozent mit mir teilen konnte. Damit zurück zu Prenzlauer Berg: Bewegt man sich in diesem Viertel, springt ein Phänomen ins Auge, das viel zu wenig beachtet wird: Die Väter schieben die Kinderwagen, die Väter tragen die Kinder, die Väter füttern sie auf der Parkbank. Darin liegt eine Veränderung, die man nicht nur hier beobachten kann, sondern überall auf der Welt.
Astrid Lindgren, befragt, welches die größte Neuerung war, die sie in ihrem langen Leben verzeichnen konnte, sagte: die Tatsache, dass sich die Väter ihren Kindern zuwenden. Die Auswirkungen, die diese Veränderung haben wird, sind kaum abzusehen. Sie geben zu großen Hoffnungen Anlass.
Die Verfasserin ist Juristin und lebt in Potsdam.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite 15
Bildmaterial: AP