Atomausstieg

Nach uns die Kernschmelze

Von Robert Spaemann

Fässer mit Natururan, Caesium und Neptunium 237 im Atommüllendlager Asse II

Fässer mit Natururan, Caesium und Neptunium 237 im Atommüllendlager Asse II

06. Oktober 2008 Die ökonomisch und politisch bedenkliche Abhängigkeit Europas von importiertem Öl zwingt dazu, die Ausschau nach Alternativen zu intensivieren, die nicht die Umwelt unzumutbar belasten. Wo das Ergebnis dieser Suche nicht befriedigt, da wird der Ausstieg aus der atomaren Energiegewinnung erneut in Frage gestellt. Bei der Abwägung des Für und Wider spielen jene Kriterien nach wie vor die entscheidende Rolle, die, vor Jahrzehnten heftig diskutiert, inzwischen zu unausgesprochenen, aber als solchen umso wirksameren Hintergrundüberzeugungen geworden sind. Ohne dass diese erneut bewusstgemacht werden, ist aber eine rationale Erörterung des Problems nicht möglich. Es prallen dann einfach unvermittelbare Glaubensüberzeugungen aufeinander.

Bei Rechtsstreitigkeiten ebenso wie bei politischen Entscheidungen, aber auch bei den fundamentalen Optionen der Metaphysik spielt die Verteilung der Begründungspflichten eine entscheidende Rolle. Diese Pflichten sind nicht symmetrisch verteilt. Wer einen bestehenden Zustand zu ändern wünscht, trägt die Begründungspflicht. Er muss die Vernünftigkeit und Berechtigung des Status quo nicht jedes Mal ab ovo beweisen. Er darf sich damit begnügen, die Unzulässigkeit der gegnerischen Argumente darzutun. In unserem Fall trägt also derjenige die Begründungspflicht, der den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergiegewinnung rückgängig machen will. Die Hintergrundüberzeugungen, die seine Argumente tragen, stehen zur Debatte.

10.000-Jahresfristen

Welches sind diese? Da ist erstens die Vorstellung eines garantierten zivilisatorischen, technisch-wissenschaftlichen Fortschritts oder wenigstens der Erhaltung des heutigen zivilisatorischen Niveaus für die Dauer der Strahlung des Atommülls, also für die nächsten 10.000 Jahre. Man muss das voraussetzen, wenn man durch Lagerung des Atommülls No-go-Areas schaffen will, deren Respektierung auch noch nach Jahrtausenden erwartet werden kann, weil das diesbezügliche Know-how noch existiert und weil unsere Warnschilder noch existieren, noch gelesen und noch verstanden werden.

Nichts berechtigt zu dieser Erwartung. Sie ist eher eine unwahrscheinliche Annahme. Unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation ist eine labile und gefährdete Ausnahmeerscheinung auf diesem Planeten. Es ist frivol, in sie für unsere späten Nachkommen Gefahrenquellen einzubauen, die über die ohnehin vorhandenen natürlichen hinausgehen und die von unseren Nachfahren möglicherweise nicht beherrschbar sein werden - es sei denn, es gelänge, diese Zonen für zehn Jahrtausende garantiert unzugänglich zu machen.

Verfallsmöglichkeit des Wissens

Dass dies mit Sicherheit gelingt, ist die zweite Hintergrundannahme. Die Endlagerfrage ist bisher ungelöst. Das Endlager muss nicht nur für Jahrtausende resistent sein gegen alle möglichen natürlichen Einwirkungen. Es muss auch für Menschen definitiv unzugänglich sein. Wir kennen in der Geschichte keine Zivilisation von vergleichbarer Dauer. Wir wissen nicht, ob eine Menschheit, die das Wissen um die Strahlung verloren hat, auch die Möglichkeit zu Bohrungen verloren haben wird, die die unsrigen übersteigen. Das ist nämlich durchaus denkbar. Wir wissen zum Beispiel nicht mehr, wie die Erbauer von Stonehenge ihre Steinblöcke aufeinandergetürmt haben. Wir können vieles, was sie nicht konnten, sie konnten etwas, was wir nicht können.

Das aber heißt: Die Anforderungen an die Endlager müssen sehr hoch sein. Sie müssen resistent sein gegen jede Form von Überschwemmung und gegen alle denkbaren geologischen Veränderungen innerhalb des genannten Zeitraums. Immer noch leben wir aber in dieser Hinsicht vom Prinzip Hoffnung, jedoch so, dass wir das sogenannte Restrisiko nicht selbst tragen, sondern auf unsere ohnmächtigen Nachfahren abwälzen. Leider gehört diese Abwälzung zu den Kennzeichen unserer gegenwärtigen Zivilisation. Unsere Familien- und Steuerpolitik belastet skrupellos unsere Kinder und Enkel, und wenn wir an die verbrauchende Embryonenforschung denken, so müssen wir feststellen, dass diese Verlagerung inzwischen Formen des Kannibalismus annimmt.

Quasi-religiöse Hintergrundüberzeugungen

Mit der Erzeugung von Atomkraft zu beginnen, ehe die Endlagerfrage definitiv geklärt ist, war in jedem Fall ein unverantwortlicher Poker, selbst wenn sich tatsächlich am Ende eine Lösung finden wird. Die Sicherheit, dass sie sich finden wird, beruht auf einer weiteren, quasi religiösen Hintergrundüberzeugung, nämlich der, dass es immer eine prästabilierte Harmonie geben wird zwischen unseren Bedürfnissen und der Bereitschaft des Universums, diese zu erfüllen.

„Ich brauche das!“ ist seit den sechziger Jahren im Mund von Menschen, die sich weigern, erwachsen zu werden, so etwas wie eine letzte, nicht mehr weiter zu hinterfragende Begründung von Forderungen an ihre Mitwelt. Das Universum ist aber dadurch nicht zu beeindrucken. Und der Glaube, dass sein wird, wovon wir denken, dass es doch sein müsste, ist ein kindischer Glaube. Ob wir ein Endlager der beschriebenen Art finden werden, wissen wir erst, wenn wir es gefunden haben.

Diktat des Konsums

Man könnte einwenden, das gelte auch für die Erwartung, vollwertigen Ersatz für die aus der Atomspaltung resultierende Energie zu finden. Aber dabei würde man zwei Unterschiede übersehen. Erstens wissen wir schon, in welcher Richtung das Ziel der alternativen Bemühungen liegt, und die Erreichung dieses Zieles hängt weitgehend von unseren eigenen Bemühungen ab. Zweitens aber: Man betrachtet als unverzichtbare Bedingung für jede Alternative, dass der bisherige Energieverbrauch allenfalls durch bessere Ausnutzung der Ressourcen gesenkt wird, niemals aber durch Einschränkung unseres Konsums.

Dabei wissen wir inzwischen, dass unser Planet eine Anhebung des globalen Konsumniveaus auf das jetzige amerikanische und europäische nicht verkraften würde. Wenn wir die Erhaltung dieses Niveaus zur Bedingung machen, dann erscheint uns die Entdeckung der Kernenergie wiederum als Beweis für die prästabilierte Harmonie, nach welcher alles so gekommen ist, wie es kommen musste. Aber wo steht das geschrieben?

Kreative Selbsteinschränkung

Das Abenteuer der Existenz des Homo sapiens ist das Resultat von Zufällen in eins mit der Reaktion des Menschen auf diese Zufälle. Auch die Entdeckung der Kernenergie im zwanzigsten Jahrhundert ist ein solcher Zufall. Wenn es ihn nicht gegeben hätte oder wenn es ihn erst zweihundert Jahre später gegeben hätte, sähe die weitere Geschichte der Menschheit anders aus, als sie nun aussieht. Aber sie wäre deshalb nicht zu Ende. Angesichts des immensen Zuwachses an Macht des Menschen muss es in Zukunft Dinge geben, die wir uns aus guten Gründen verbieten. Und erst wenn wir dieses Verbot wie eine naturgegebene Unmöglichkeit und uns selbst als mit dem Rücken an der Wand stehend betrachten, werden die kreativen Kräfte mobilisiert, die erforderlich sind, um die weitere Entwicklung der Menschheit nicht auf den fortschreitenden Verbrauch von Zukunft zu gründen.

Wer die genannten Hintergrundüberzeugungen nicht preiszugeben bereit ist, der sollte sich doch beeindrucken lassen von der Gefahr, die Carl Friedrich von Weizsäcker veranlasste, sein früheres Plädoyer für Atomkraftwerke zurückzunehmen: die Gefahr des Terrorismus. Um sie auszuschließen, müsste unser Land sich in einen Polizeistaat verwandeln. Es ist einfach Hybris, die Welt so zu möblieren, dass sie nur dann bewohnbar bleibt, wenn alle Menschen gut sind. Dass sie es seien, ist die letzte Hintergrundüberzeugung. Sie ist ebenso hartnäckig wie erwiesenermaßen falsch.

Von Robert Spaemann erscheint in diesen Tagen das Buch „Rousseau - Mensch oder Bürger. Das Dilemma der Moderne“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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