Reaktionen auf Grass' Geständnis

13. August 2006 "Ein bißchen spät" komme das Bekenntnis zwar, bemerkte der Schriftsteller Walter Kempowski, doch: "Auch für Grass gilt das Wort aus der Bibel: Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Für Klaus Staeck, den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, stehen das künstlerische Werk und die politische und moralische Integrität von Günter Grass "auch nach seinem Bekenntnis außer Zweifel". Er trenne nicht zwischen Werk und Person, sagte Staeck.

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek gab zu bedenken, daß Grass "mit einem früheren Bekenntnis seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft möglicherweise den Nobelpreis riskiert" hätte. Zwar habe Grass den Nobelpreis "wie kein anderer deutscher Autor" verdient. Aber nun erscheine doch alles in einem neuen Licht.

In einem Kommentar der britischen Zeitung "Sunday Times" heißt es, das Eingeständnis komme "etwas spät", doch würden die Enthüllungen das Interesse an der demnächst erscheinenden Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel" steigern. Dem "blitzsauberen Image" des Schriftstellers jedoch habe dies unermeßlich geschadet. Das Geständnis werde die völlige Neubewertung der Karriere eines Mannes zur Folge haben, der mit der Feststellung berühmt wurde, daß der Ruf Deutschlands für immer mit dem Wort Auschwitz verbunden sei. Die italienische Zeitung "La Repubblica" sprach von einem "Schock", würdigte jedoch den Mut, mit dem Grass sich jetzt dafür entschieden habe, "jene Zweideutigkeit und Schuld seines Vaterlandes anzunehmen, die der Vergangenheit angehört, die aber unauslöschlich ist".



Text: F.A.Z., 14.08.2006, Nr. 187 / Seite 2

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche