Vor dem Integrationsgipfel

Der Aufstand der türkischen Männer

Von Regina Mönch

Sorgt sich ums Grundgesetz: Kenan Kolat sieht Türken diskriminiert

Sorgt sich ums Grundgesetz: Kenan Kolat sieht Türken diskriminiert

12. Juli 2007 Wenn die deutschtürkischen Großfunktionäre an diesem Donnerstag dem Integrationsgipfel der Bundesregierung tatsächlich fernbleiben sollten, ist das natürlich ein Skandal. Aber vielleicht entfaltet er die Kraft eines reinigenden Gewitters. Denn die nassforsch auftretenden Männer haben im Großen und Ganzen für mehr Klarheit gesorgt als alle wohlmeinenden „Dialoge“, Workshops und Talkshows, die uns die heile Welt der Migration beschwören sollten.

Es ist keine heile Welt, nicht in den türkischen und arabischen Parallelgesellschaften, die nicht abgeschottet wurden, sondern sich selbst abgrenzten - zu lange mit Duldung der Politik und der Mehrheitsgesellschaft. Und nicht in den Schulen, wo Lehrer daran verzweifeln, dass sie mit den Eltern ihrer Schüler nicht über deren Not sprechen können; nicht in den Arztpraxen, in deren Sprechzimmer analphabetische, sprachlose Ehefrauen darauf hoffen dürfen, dass ihr Ehemann ihnen das übersetzt und das gestattet, was die Ärztin empfiehlt.

Beharren auf Eigenheiten

Millionen von Euro hat der Staat inzwischen investiert, um diesem Elend beizukommen. Der Erfolg ist gering, die Liste gescheiterter Integrationsversuche lang. Und nur darum geht es jetzt: Dies zu ändern, zum Beispiel mit einem reformierten Zuwanderungsgesetz. Dass die türkischen Funktionäre es jetzt, nachdem es demokratisch diskutiert und angenommen wurde, mit einem Ultimatum bedrohen, ist dreist. Es führt allerdings auch vor, wie über lange Jahre miteinander verhandelt wurde. Wortführer wie Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde haben in ihrem Beharren auf Eigenheiten der eigenen Klientel lange meist recht bekommen.

Doch als er vor einem Jahr eine Medienkampagne gegen eine Berliner Schule lostrat, die sich auf Deutsch als gemeinsame Umgangssprache geeinigt hatte, übersah er, wie jetzt, dass es nicht um Türkentum und Türken ging, sondern um den Common sense einer Schulgemeinschaft, eines Stadtteils sogar. Er unterlag, besser noch, er verlor die Deutungshoheit über gutes oder schlechtes Zusammenleben. Und hat es bis zum heutigen Tag nicht begriffen; so wie ihm und anderen türkischstämmigen Großfunktionären noch nicht aufgefallen ist, dass sie hier ein Phantom diskriminierter Minderheiten aufgeblasen haben, das weder Russen, auch nicht Thailänderinnen oder Polen in Deutschland etwas sagt.

Eigensinn befürchtet

Nun ist offenbar ein neuer Siedepunkt erreicht. Irritierend daran ist vor allem der Auslöser: Die türkischen Funktionäre verteidigen den Import jugendlicher und möglichst sprachloser Bräute aus der Türkei, als handele es sich um ein Menschenrecht türkischer Männer. Wen sonst sollten sie meinen, wenn sie das Heirats- und Nachzugsalter von achtzehn Jahren als türkenfeindliche Reform geißeln? Warum bezeichnen sie jene dreihundert deutschen Worte, die die Bräute können sollen, bevor Einwanderung zwecks Familiengründung möglich sein soll, als Zumutung? Weil der Ehemann und die Schwiegereltern dann Eigensinn befürchten müssen statt Ausgeliefertsein und stumme Duldung? Wenn es nicht so bitterernst wäre, könnte man meinen, hier würde eine Groteske inszeniert.

Die Tragödien junger Mädchen und Frauen sind, seit sie bekannt wurden - durch Bücher, Filme, durch das Auftreten einiger weniger mutiger Frauen, nicht aber durch Verbandsfunktionäre -, immer mal wieder bagatellisiert worden. Alles übertrieben, heißt es dann. So zweifelte die „Zeit“ erst kürzlich an, dass es sich um eine Not handelt, von der Jahr um Jahr Tausende Frauen neu betroffen sind. Zum Beweis führte sie an, dass es weitaus weniger sein müssten, zähle man einmal die Frauen, die sich bei Frauenhäusern oder Beratungsstellen meldeten. Das seien dann jährlich „nur einige hundert Fälle“. Nur einige hundert Verstöße gegen deutsches Recht?

Das Scheitern der Söhne

Vom Elend häuslicher Gewalt wird geschwiegen in den einflussreichen Verbänden, genauso vom Scheitern vor allem der Söhne, von denen beunruhigend viele in die Kriminalität abdriften. Wenn überhaupt darüber gesprochen wird, dann als Schuldzuweisung an die anderen, die Lehrer, die Gesellschaft an sich. Keine Rede von gewalttätiger Erziehung, die an Misshandlung grenzt, legten wir unsere, die deutschen, Maßstäbe an. Dieser Mangel an Empathie mit den Opfern - von denen jedes Einzelne eines zu viel ist -, den Journalisten oder sogenannte Migrationsforscher mit den Funktionären teilen, ist das eigentlich Skandalöse.

Das Ziel der neuen Konferenzen, ob sie nun die Integration oder den Islam zum Thema haben, sind Wege aus dieser Misere. Sie werden erfolgreich sein, wenn sich Migranten als mündige Bürger begreifen, nicht als Mündel der Funktionäre. Die scheinen, das hat dieses Drama auf offener Bühne soeben gezeigt, daran kein Interesse zu haben. Sie fürchten wohl um ihre Idealkundschaft, die hilf- und sprachlosen Familien. Doch die Zeiten haben sich geändert, zum Glück, und nur sie haben es nicht bemerkt. Damit lässt sich besser leben als mit dem Wissen, dass es mitten in Deutschland Frauen und Mädchen ohne Recht gibt und wir nur zuschauen.

Text: F.A.Z., 12.07.2007, Nr. 159 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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