Großbritannien

Schweres Erbe erwünscht

Von Gina Thomas, London

Darf man sich ein gehörloses Kind wünschen?

Darf man sich ein gehörloses Kind wünschen?

14. März 2008 Tomato Lichy ist taub, seine Lebensgefährtin Paula Garfield ebenso. Das Paar war beglückt, als auch die Tochter taub zur Welt kam. Es wünscht sich ein zweites Kind und hofft, dass auch dieses gehörlos sein wird. Da Paula Garfield die Vierzig überschritten hat, sind sie und ihr Partner darauf gefasst, womöglich eine künstliche Befruchtung in Anspruch nehmen zu müssen.

Das neue Menschliche Embryonen- und Befruchtungsgesetz, das dem britischen Parlament demnächst zur Abstimmung vorgelegt werden wird, würde dem Paar jedoch verbieten, ein taubes Kind auf diesem Wege zu bekommen. Dem Abschnitt 14/4/9 des Gesetzesentwurfs zufolge dürfen „Personen oder Embryone, bei denen eine Störung der Gene, Chromosome oder Mitochondrien festgestellt worden ist, die ein deutliches Risiko mit sich tragen, dass die Person mit der Anormalität eine ernste physische oder geistige Behinderung, eine ernste Krankheit oder jedweden anderen ernsten medizinischen Zustand entwickeln wird, nicht denen vorgezogen werden, bei denen eine solche Anormalität nicht bekannt ist“.

Klausel zur Embryonenauswahl

Eine Anmerkung zu diesem Paragraphen unterrichtet die Parlamentarier, dass die „positive Wahl von tauben Spendern“ mit dem Ziel, ein taubes Kind zu zeugen, außerhalb des Vereinigten Königreiches bereits vorgefallen sei. Die Klausel solle die Embryonenauswahl zu ähnlichem Zwecke verhindern.

Tomato Lichy bezeichnet die geplante Maßgabe als „schockierend, widerwärtig und unmenschlich“. In einem Rundfunkgespräch hat der Künstler mittels eines Übersetzers durch Zeichensprache seine Einwände zum Ausdruck gebracht. Es sei eine „Säule der modernen Gesellschaft und des Gesetzes, dass Gehörlose dieselben Rechte haben wie Menschen mit Hörvermögen. Wenn hörende Menschen das Recht hätten, ein taubes Embryo wegzuwerfen, sollten wir als Gehörlose ebenfalls das Recht haben, ein Embryo mit Gehör wegzuwerfen“.

Gehörlose als ethnische Minderheit

Der Fall findet in Großbritannien, wo die Gesetzesvorlage ohnedies tiefes Unbehagen erregt, große Aufmerksamkeit. In einer seltsamen Vermengung ethischer Bedenken mit einer extremen Erscheinungsform politisch korrekter Denkart wirft die Auseinandersetzung nicht nur die Frage auf, ob Eltern ein ungeborenes Kind bevormunden dürfen, in dem sie ihm ein Schicksal auferlegen, dass gemeinhin als Behinderung betrachtet wird.

Das Besondere an Tomato Lichy und Paula Garfields Anliegen ist, dass sie sich keineswegs als behindert empfinden. Vielmehr bedauern sie jene Mitmenschen, welche die Zeichensprache nicht beherrschen und somit „taubes Theater“ nicht verstehen können. Sie sprechen von einer „Kultur der Gehörlosen“ und betrachten sich als Mitglieder einer besonderen „sprachlichen Gemeinschaft“, die Anspruch hat auf dieselbe Behandlung etwa wie eine ethnische Minderheit. In einem gehörlosen Verein, ließ Lichy dem verdutzen BBC-Redakteur erklären, wäre er der Behinderte. Die Ablehnung eines tauben Embryos zugunsten eines Embryos mit Gehör empfindet er als Diskriminierung.

Taubsein, eine wunderbare Sache

In den Vereinigten Staaten machte ein ähnlicher Fall vor einigen Jahren Schlagzeilen. Dort hatte sich ein gehörloses lesbisches Paar ausdrücklich einen Samenspender mit einer Erbbelastung ausgesucht, die die Wahrscheinlichkeit erhärte, dass das Kind ohne Gehör zur Welt käme. Gegenüber der medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ bestritten die beiden, dass ihr Zustand als Behinderung zu betrachten sei. In ihrer Wahrnehmung sei das Taubsein „eine positive Sache mit vielen wunderbaren Aspekten. Wir sehen die Gehörlosigkeit nicht im selben Licht wie die Blindheit oder einer geistige Behinderung; wir sehen es so, wie wenn man jüdisch oder schwarz ist. Uns ist noch nicht aufgefallen, dass sich Mitglieder dieser Minderheitengruppen ausschließen wollen.“

Diesen Fall hatten die britischen Gesetzgeber wohl im Sinn, als sie jene Klausel einfügten, die Tomato Lichy nun als diskriminierend empfindet. Er plädiert dafür, dass man die Dinge so laufen lassen sollte wie von Gott gegeben, und vergisst dabei offenbar, dass seine Lebensgefährtin und er nach diesem Argument nicht einmal der Weg der künstlichen Befruchtung offen stehen würde, geschweige denn die Wahl eines tauben Embryos.



Text: F.A.Z., 14.03.2008, Nr. 63 / Seite 43
Bildmaterial: AP

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