Russlands kremltreuer Nachwuchs

Jugend ohne Gott, aber mit Putin

Von Kerstin Holm, Moskau

10. Juli 2007 Regimekritik braucht Urvertrauen. Der Mut zum demokratischen Experiment, zum Widerspruch gegen die politische Führung, der Russland Ende des vorigen Jahrhunderts beseelte, verdankte sich auch dem zivilen Geist, den es von der altersmilden Sowjetgesellschaft geerbt hatte, und einem dicken Kissen aus Sympathie für die westliche Welt. Politischer Gewichtsverlust, Wirtschaftskämpfe, der Druck der Globalisierung haben das Polster aufgezehrt. Der obszöne Graben zwischen Superreichtum und Armutselend erbittert viele, ebenso wie die russische Bürokratenarroganz. Doch ebenso verbreitet ist das Gefühl, das Vaterland, das von seinen Rohstoffen lebt, während ihm die Bevölkerung wegstirbt, sei existentiell gefährdet.

Demokraten und Bürgerrechtler versuchen, den Staat für die Ansprüche des Einzelnen in die Pflicht zu nehmen. Für Kremlpatrioten hingegen ermisst sich der Wert des Einzelnen daran, was er seinem Staat Gutes tut. Die vorrangige Aufgabe des postliberalen Systems, die Staatspyramide zu konsolidieren und Russland international wieder stark zu machen, scheint dank Putins Zentralisierungs- und Verstaatlichungswerk glänzend gelöst. Zugleich wächst der Modernitätsrückstand der russischen Wirtschaft, ebenso wie die Einkommensschere und Korruption, während die Einwohnerschaft jährlich um 800.000 Menschen schrumpft - oder um eine mittlere Stadt. Die Präsidentenadministration und ihre Parteiableger des „Einheitlichen“ und des „Gerechten Russland“ (Edinaja Rossija, Spravedlivaja Rossija) bemühen sich daher, in ihren Jugendorganisationen „Naschi“ (Die Unsrigen), „Molodaja gwardia“ (Junge Garde) und „Pobeda“ (Sieg) eine Nachwuchselite heranzuziehen, die das System stabilisiert und zugleich neu aufmischt.

Die besten Vitamine für die Heimat

Die Putin-Jugend der „Unsrigen“, deren harter Kern auf siebentausend Aktivisten geschätzt wird, legten sich durch Randale vor der estnischen Botschaft und der Europäischen Vertretung, durch Pöbeleien gegen den britischen Botschafter und Oppositionsführer Kassjanow das Profil eines kulturrevolutionären Stoßtrupps zu. Das hindert die „Naschisten“, wie man sie wegen ihrer aggressiven Führertreue oft nennt, nicht daran, sich zu Freiheit, Toleranz, Demokratie und Zivilgesellschaft zu bekennen - freilich mit dem Zusatz „souverän“, das heißt unter der Regie und im Interesse des russischen Staates.

Die weltpolitische Arena sei wie die freie Wildbahn, erklärt der athletisch aussehende Nationalökonom Jewgeni Iwanow, 27 Jahre alter Chefideologe der „Unsrigen“. Politische wie biologische Organismen wollen wachsen und müssen sich verteidigen, um nicht geschluckt zu werden, lehrt Iwanow. Deshalb müsse ein Staat auch „essen“, wie der blonde Mann mit Bürstenschnitt sich ausdrückt, beispielsweise menschliche und materielle Ressourcen. Jene Jugendlichen, in denen er politisches Bewusstsein und patriotische Ideale wecke, bekennt der aus der Provinz stammende Iwanow glutvoll, seien für die Heimat die besten Vitamine.

„Sich vermehren ist angenehm und nützlich“

Im Hauptquartier der „Unsrigen“, einer ehemaligen Moskauer Grundschule, ist vor Sommerferienbeginn Hochbetrieb. Im Hof, den Plakate mit Gruselbildnissen der Staatsfeinde Chodorkowski, Limonow und Kassjanow zieren, konferieren die aus der Provinz angereisten Gruppenleiter über das bevorstehende Schulungslager am Seliger-See, auf halbem Wege zwischen Moskau und Petersburg. Das Gebäude, in das nur Träger des Diagonalkreuz-Abzeichens der Bewegung eingelassen werden, gleicht einem Bilderdschungel für Politpartisanen. Treppenhäuser mit comicfuturistischem Dekor aus Energieblitzen und Sowjetsternen, geleiten über Stufen, auf denen „Vorwärts, Russland“ und „Verschlaf das Land nicht!“ zu lesen ist, auf die mit „Unsrigen“-Schnappschüssen tapezierten Korridore, wo Wegweiser im altsowjetischen Stil anzeigen, wie man ins Bildungsbüro gelangt und wie zum leitenden Kommissar.

Viele Zukunftskader tragen Sportmode aus der „Unsrigen“-Linie, die Parteigenossen nach einem Designertraining in Mailand extra für sie entworfen und mit schicken Slogans bedruckt haben. Wie jenes T-Shirt, das, geschmückt mit einem Wuschelkopf und dem Logo „Antifa-Friseur“, auf der sehnigen Brust eines Aktivisten aus Saratow suggeriert, Langmähnige kämen prima mit Kaukasiern und Schwarzen aus, im Gegensatz zu kahlgeschorenen Rassisten. Es ist für nur zwölf Euro zu haben, ebenso wie das adrette Top mit dem Strichmännchenpaar über dem Schriftzug „Sich vermehren ist angenehm und nützlich“. Den seit den neunziger Jahren dramatischen Familienverfall umzubiegen zu einer demographischen Revolution ist erklärtes Ziel der „Unsrigen“.

Sommerakademie mit Massenhochzeit

In Russland müssen sich heute mehr als drei Millionen Sozialwaisen ohne Eltern durchschlagen, mehr als nach dem Bürgerkrieg. Die „Unsrigen“, die Sammelaktionen für Kinderheime abhalten, konnten während der letzten zwei Jahre fünfzig werdende Mütter dazu bewegen, ihr Neugeborenes bei sich zu behalten, statt ins Heim zu geben, berichtet Bildungskoordinator Nikolai Andrejew. Für vierzehn Heimkinder fand man russische Adoptiveltern. Vor allem aber wollen die „Unsrigen“ mit gutem reproduktivem Beispiel vorangehen. Auf der bevorstehenden Sommerakademie soll eine Massenhochzeit von hundert Paaren gefeiert werden.

Für europäisch denkende Russen und Soziologen sind die „Unsrigen“ ein protofaschistischer Verein unter antifaschistischem Etikett. Schon unter der Sowjetmacht, die sich als Sieger über die faschistische Hydra verstand, konnten systemanalytische Bücher über Hitler-Deutschland nicht erscheinen, weil Ähnlichkeiten zum Stalinismus zu offensichtlich gewesen wären. Auch jetzt versteht man „faschistisch“ vor allem als Aggression von außen. Zugleich legt die Putin-Garde Wert auf ethnische Toleranz - wie um die verbreitete Xenophobie im einfachen Volk zu korrigieren und die alte Politweisheit zu bekräftigen, wonach in Russland die Regierung der einzige Europäer ist.

Echte Patrioten und Zyniker zugleich

Die Putin-Jugend wolle aus der Vergangenheit lernen, aber pragmatisch, sagt Ideologe Iwanow. Man dürfe sich in die finsteren Seiten der eigenen Geschichte nicht dermaßen verlieren, dass man darüber das eigene Land ablehne. Vom sowjetischen Erbe halten die „Unsrigen“ daher neben dem Industrialisierungssprung und Pioniertaten in der Raumfahrt vor allem den opfervollen Verteidigungskampf im Zweiten Weltkrieg heilig. Aktivisten bringen überlebenden Veteranen Neujahrsgeschenke und fragen sie über den Krieg aus. Das Emblem der „Unsrigen“, die rote Fahne mit weißem Andreaskreuz, soll die lichte Zukunft auf vollblütiger Lebensgrundlage ebenso symbolisieren wie den Bund der Generationen, der Revolutionen und Putsche überbrückt.

Man staunt immer wieder, wie selbstverständlich Russen zugleich echte Patrioten und Zyniker sein können. Die „Unsrigen“ verhehlen nicht, dass sie keineswegs die Armut der Veteranen lindern, sondern sie nur zu Weihnachten mit einem kleinen „Wunder“ überraschen wollen. Nadeschda Orlowa, Leiterin des politischen Rates der „Jungen Garde“, des Jugendverbandes der Funktionärspartei „Einheitliches Russland“, preist die Putin-Gegner vom „Anderen Russland“ als wackere Spinner, die geschickt mit regierungskritischen Seifenblasen jonglieren - als wären deren Sachargumente gegen die Staatswillkür gegenstandslos. Dass in Russland Meinungsfreiheit herrscht, erkennt Frau Orlowa schon daran, dass man nach Herzenslust Putin-Witze erzählen dürfe. Im Übrigen sei doch klar, zwitschert die hübsche Jungpolitikerin, dass Medien stets das verbreiteten, was ihr Geldgeber von ihnen verlange.

„Für uns die schönste Verheißung

Auf den Sommerakademien der Parteijugend wird neben dem richtigen Denken auch das Überleben in freier Natur trainiert. Besonders spartanisch geht es beim Jugendverband der „Eurasier“ zu, einem Klub russischer Reichsideologen, der sein bescheidenes Breitenecho durch spirituelle Exklusivität ausgleicht. Die gleichfalls mit dem Kreml verbündeten Eurasier, die Anhänger in der Ukraine und Georgien, aber auch in der Türkei und selbst Italien haben, schicken ihren Nachwuchs im August an „heilige“ altrussische Orte, wo die jungen Männer und Frauen am frühen Morgen drei Kilometer Dauerlauf absolvieren und mystische Energie tanken. Machtausübung ist ein sakraler Dienst, lehrt der Kopf der Jung-Eurasier, Pawel Sarifullin, der nur Rechte von Völkern, nicht von Individuen anerkennt - genau wie Carl Schmitt, wie Sarifullin anmerkt.

Um die geldtrunkenen Funktionäre und Oligarchen gelegentlich an Russlands Mission zu erinnern, stilisiert sich die junge eurasische Garde gern zum blutrünstigen Terrororden der „Opritschniki“ von Zar Iwan dem Schrecklichen, den der Romanautor Wladimir Sorokin in seiner jüngsten Antiutopie auferstehen lässt (siehe auch: Wladimir Sorokins neuer Roman: Rußland im Jahr 2027). Der Wortkünstler Sorokin wollte wahrscheinlich ein Horrorszenario malen, sagt Sarifullin mit feinem Lächeln. „Doch das, wovor er warnt, ist für uns die schönste Verheißung.“



Text: F.A.Z., 10.07.2007, Nr. 157 / Seite 40
Bildmaterial: AP

 
 
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