Gefahr durch Islamisten (8)

Erdogan im Visier der Dschihadisten

Von Rainer Hermann, Istanbul

Nach dem Anschlag auf die Istanbuler Neve-Shalom-Synagoge im November 2003

Nach dem Anschlag auf die Istanbuler Neve-Shalom-Synagoge im November 2003

28. Juli 2007 Der große Terror, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ist jener der kurdischen Separatisten, der kleine, wenn auch über den Tag hinaus gefährlichere, ist aber jener der türkischen Dschihadisten. Unablässig spricht die ganze Türkei über den ersten, den zweiten verhüllt vornehm ein Mantel des Schweigens. Auch die Polizei spricht nicht gerne darüber, sie beobachtet aber scharf. Beispielsweise jene, die Visa nach Pakistan beantragen, um von dort über die Grenze nach Afghanistan zu schlüpfen. Irgendwann schlagen die Polizisten in Zivil zu. Zum Beispiel am Morgen des 30. Mai, als sie in vier Stadtteilen gleichzeitig acht Verdächtige verhafteten, von denen sie mit gutem Grund glaubten, dass sie sich in afghanischen Lagern ausbilden lassen wollten. Nur kurz zuvor hatte der Führer von Al Qaida in Afghanistan, Mustafa Abu Yazid, der Türkei mit Terroranschlägen gedroht.

Größer war die Razzia vom Januar. Einheiten der Anti-Terror-Polizei nahmen am 29. Januar in fünf Provinzen achtundvierzig Verdächtige fest. Die Aktion deckte auf, dass Zellen überall bestehen. In Istanbul und in der benachbarten Provinz Kocaeli, im westtürkischen Izmir, im zentralanatolischen Konya sowie in Mardin im kurdischen Südosten der Türkei. Von den Verhafteten blieben sechsunddreißig in Gewahrsam, unter ihnen sollen sich zwei Drahtzieher befinden. Eine „sensationelle Aktion“ habe man mit diesem Schlag verhindert, sagte die Polizei zunächst kryptisch, ließ die Katze dann aber aus dem Sack: Ministerpräsident Erdogan sollte ermordet werden. Denn die Polizei hatte entdeckt, dass einige der Verdächtigen den Funkverkehr von Erdogans Leibwächter abgehört hatten und nach einer Lücke im dichten Sicherheitsnetz um den Regierungschef suchten.

Auch im Visier der islamistischen Stadtguerrilla

Auftakt zur Verhaftungswelle vom Januar war die Festnahme eines erst fünfundzwanzigjährigen Anwalts. Die Überraschung war groß. Denn der Verdächtige sieht so unauffällig aus wie viele andere Anwälte, er praktizierte in Izmir, einer der weltoffensten Städte der Türkei, gestanden hat er aber, „Türkei-Kommandant von Al Qaida“ zu sein. In seinem Haus, behauptete zumindest die türkische Presse, habe er an einer „CD-Bombe“ gebastelt, die, legt man sie in ein Laufwerk ein, möglichst großen Schaden anrichten sollte. Er verkehrte, und damit fiel er auf, mit einem Mitglied der alten islamistischen Stadtguerrilla IBDA-C. Sie hatte um das Jahr 2000 spektakuläre Anschläge während der Millenniumsnacht geplant und auf Istanbuler Vergnügungszentren. Ihr Anschlag auf den jüdischen Unternehmer Jak Kamhi konnte im letzten Augenblick vereitelt werden.

Auch die IBDA-C hatte Erdogan im Visier. Im April 2004 hatte die Polizei wieder einmal eine Istanbuler Zelle von IBDA-C ausgehoben, die sich ausgeschrieben „Front der Kämpfer für einen Großen Islamischen Osten“ nennt und deren Führer Salih Mirzabeyoglu seit 2000 eine lebenslange Haftstrafe abbüßt. IBDA-C ist zwar gefährlich, aber überschaubar. Denn die kompliziert geschriebenen Traktate von Mirzabeyoglu versteht kaum einer. Bei der Razzia vom April 2004 fand die Polizei aber eine leicht deutbare Todesliste. Auf ihr stand der Name Erdogan. Als muslimischer Demokrat ist er den Dschihadisten mehr als andere ein Dorn im Auge. Neben ihm standen die Namen des bekannten jüdischen Unternehmers Ishak Alaton und des Popsängers Celik Erisci. Vieles spricht dafür, dass die Zellen von Al Qaida und IBDA-C miteinander kommunizieren und bei Bedarf Schläfer mobilisieren.

Seit Ende 2003 kein spektakulärer Anschlag mehr

Immer wieder heben die Sicherheitskreise neue Zellen aus und engen damit den Aktionsradius der Dschihadisten ein. Daher ist den Terroristen seit dem November 2003 kein spektakulärer Anschlag mehr geglückt (siehe auch: FAZ.NET-Spezial zu den Terroranschlägen in Istanbul). Damals töteten sie bei vier Selbstmordanschlägen dreiundsechzig Menschen, verletzt wurden 644. Am 15. November waren zwei Synagogen das Ziel, am 20. November das britische Generalskonsulat und eine britische Bank. Der Planer der Anschläge, Habip Akdas, setzte sich danach in den Irak ab, wo er inzwischen getötet worden sein soll. Gegen achtunddreißig weitere Angeklagte wurde in Istanbul ein Verfahren eröffnet. Im vergangenen Februar verurteilte das Gericht sechs Türken und den Syrer Louia Sakka zu lebenslanger Haft. Deren Lücke sollten die Zellen stopfen, die im vergangenen Januar ausgehoben worden sind.

Sakka war verhaftet worden, als die Polizei in seiner Wohnung im Badeort Antalya eine 750 Kilogramm schwere Bombe fand. Mit dieser Bombe an Bord wollte er, das Vorbild gab der Hollywoodfilm „Syriana“ ab, vor der türkischen Küste ein Schnellboot in ein israelisches Kreuzfahrtschiff rammen. Sakka wurde nicht, wie die Vorbilder in „Syriana“, auf den arabischen Ölfeldern zum Dschihadisten. Er stammt aus Aleppo und lebte mehrere Jahre im politischen Exil in Schramberg, einer stillen Kleinstadt im Südschwarzwald. Dschihadist wurde er über seine Kontakte zu deutschen Konvertiten. Er ging in den Irak, geriet in das Umfeld von Terrorführer Zarqawi, und der schickte ihn mit Dollarbündeln in die Türkei. Zuvor habe er, sagte er in Istanbul aus, persönlich den „Prozess“ gegen den Briten Bigley geleitet, bei dem dieser zum Tod durch Enthauptung verurteilt worden sei.

Al Qaida hilft, die Hizbullah reorganisiert sich

In der Türkei setzte er aus Zarqawis Geldern 160.000 Dollar zur Finanzierung der vier Terroranschläge vom November 2003 ein. Die operative Zelle dazu bestand aus sieben Personen. Einer von ihnen war Harun Ilhan. Er hatte sich als Koordinator vor Ort noch einer Augenoperation unterzogen. Weit her mit der Planung war es aber nicht. Denn Ilhan sagte aus, ursprünglich seien die Anschläge während der Sommermonate geplant gewesen. Die Bombe sei aber nicht fertig geworden. Außerdem hätten die beiden Synagogen der Detonation standgehalten.

Al Qaida entsendet erfahrene Dschihadisten in die Türkei, und sie rekrutiert Mitglieder aus dem vorhandenen Extremistenpotential, neben der IBDA-C auch aus der türkischen Hizbullah. Mindestens zwei der Selbstmordattentäter vom November 2003 gehörten ihr an. Die Hizbullah war in den achtziger Jahren, auch mit Unterstützung der damaligen Regierungen, im kurdischen Südosten als Gegengift zur Separatistenbewegung der PKK entstanden. Als PKK-Führer Öcalan in einem türkischen Gefängnis landete, wandte sich die Hizbullah von ihrem Patron ab. Seither bombt sie für einen theokratischen Staat. Innenminister Aksu brüstete sich jüngst, in den letzten sieben Jahren seien allein 15.000 Mitglieder der Hizbullah verhaftet worden. Das Reservoir muss noch größer sein. Denn der amerikanische Think Tank „Washington Institute“ hatte behauptet, mit finanzieller Hilfe von Al Qaida reorganisiere sich die türkische Hizbullah. Darüber redet in der Türkei aber niemand gerne.

Denn der große Terror ist ja jener der Kurden.

Text: F.A.Z., 28.07.2007, Nr. 173 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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