17. Dezember 2007 Sechstausend Stunden Programm werden im deutschen Fernsehen Woche für Woche ausgestrahlt. Etwa ein Hundertfünfzigstel davon widmet sich zwei der existentiellsten und befriedigendsten Beschäftigungen des Menschseins: dem Kochen und Essen. Das ist weniger Zeit, als forensischen Leichenbeschauern und prekariatshumoristischen Herrenwitzereißern eingeräumt wird. Trotzdem hört man überall das Klagelied, im Fernsehen werde zu viel gekocht und gegessen. Warum?
Vielleicht liegt es daran, dass die Deutschen doch Kants Geisteskinder sind, seine Metaphysik der Diätmoral tief in ihrem Herzen tragen und im Essen den Feind jeder Vernunft sehen, eine lästige Pflicht ohne Lustgewinn. Das Fernsehen indes, ein Medium, frei von aller Metaphysik, ist nicht für Königsberger Imperative, sondern für Königsberger Klopse zuständig und bereitet sie, grob vereinfacht, in vier verschiedenen Varianten von Koch- und Essensendungen zu.
Kochen, als Breitensport betrieben
Unverwüstlich ist die klassische Hausfrauenunterhaltung, die seit Anbeginn der Flimmerkiste existiert, meist in den dritten Programmen läuft, das Hohelied der heimatlichen Hausmannskost singt und von einem Koch Typus Gemütsonkel mit Schürze und Schnauzbart, gern auch mit Dialekt und leichtem Übergewicht, repräsentiert wird. Die zweite Kategorie sind Lifestyleformate wie Johannes B. Kerners freitägliche Quasselkochrunde und die zahllosen Sendungen mit all den Wiedergängern von Jamie Oliver, deren frohe Botschaft lautet: Kochen ist chic, Kochen ist hip, Köche haben immer Spaß und sind Popstars, und jeder, der kocht, ist auch ein kleiner Popstar.
Die Zubereitung von Essen wird hier nicht als Spitzensport betrieben, sondern als Breitensport, immerhin jenseits von Dr.Oetker und Tiefkühltruhe. Es geht um einfache Rezepte, schnelle Handgriffe und garantierten Erfolg. Wie wenig dieses Schnellschnibbeln bei gleichzeitigem Schnellsprechen mit Haute Cuisine zu tun hat, merkt man, wenn sich bei Kerner einmal ein leibhaftiger Drei-Sterne-Küchengott wie Dieter Müller oder Heinz Winkler die Ehre gibt. Dann sind die Plappermäuler ganz stumm und starr vor Ehrfurcht.
Wie der Schnaps in die Praline kommt
Die dritte Kategorie sind Sendungen wie Das perfekte Dinner, die es auch in der Variante mit C-Prominenz oder schwer vermittelbaren Singles gibt und die derzeit schwindelerregende Einschaltquoten erzielen. Bei diesen kulinarischen Laienschauspielen lädt sich eine bunt gemischte Gruppe aus ambitionierten Hobbyköchen und frohgemuten Küchentölpeln reihum zum Diner ein. Und es geht wirklich ums Essen: um seine Zubereitung, seine Präsentation, seine Wirkung, seinen Geschmack, um die kleinen Triumphe und verzeihlichen Blamagen, die im richtigen Leben zehntausendfach jedes Wochenende beim gemeinsamen Essen unter Freunden geschehen.
Der letzte Typus schließlich sind Wissenssendungen, etwa Galileo oder Welt der Wunder, in denen seriös und unterhaltsam gezeigt wird, wie der Schnaps in die Praline, der Schokoladennikolaus in sein Stanniolgewand und die Gänsestopfleberpastete auf den Gourmetteller kommen - lehrreiche Erklärungen unserer wundersamen Welt für Eltern und Kinder, Feinschmecker und Fastfood-Freunde, lauter Dinge, die man nicht wissen muss, aber gerne weiß.
Köche sind eben keine Charakterschweine
Das Wunder des Fernsehkochbooms ist dort noch nicht erklärt worden - aus gutem Grund, denn es ist gar keines. Verwunderlich ist höchstens, dass die Kochlawine so spät ins Rutschen gekommen ist. Denn schon lange zuvor wurde der übrige Lebensalltag ins Fernsehen verlagert. Das Schlafzimmer fand sich früh in den unvergessenen Beischlafratgebersendungen wieder, das Wohnzimmer etwas später in den Nachmittagstalkshows und zahllosen Big Brother-Derivaten, das Kinderzimmer in den Nanny-Rettungsversuchen verhaltensauffälliger Nervensägen, Garten und Hobbykeller in den Heimwerker- und Renovierungsepen. Jetzt ist eben die Küche dran, und seit es sich die Kameras dort gemütlich gemacht haben, merkt man, dass sie der telegenste Teil des Alltags ist.
In der Küche herrscht immer eine angenehme Atmosphäre, hier endet jede gute Party, hier ist man entspannt und lustvoll bei der Sache und setzt sich nie dem Verdacht des blödsinnigen Zeittotschlagens aus, weil Kochen an sich eine sinnvolle Tätigkeit ist. In der Küche gibt es keinen Streit, keinen Zickenkrieg, auch nicht den permanenten Konkurrenzdruck des Daseins wie im Fernseh-Überwachungs-Container oder bei den epidemischen Casting-Geißelungen, sondern bestenfalls einen spielerischen Wettbewerb ohne Denunziationszwang. Denn Köche, gleich ob Profis oder Amateure, sind keine Charakterschweine, keine Giftspritzen à la Heidi Klum, die lustvoll auf Schwächeren herumtrampeln. Deswegen akzeptiert man sie gerne als temporären Familienersatz und fühlt sich beim Zugucken fast so, als säßen alle gemeinsam an der großen Tafel.
Das Fernsehen profitiert aber noch von einer ganz anderen Qualität des Kochens: Es ist ein Akt anarchistischen Aufbegehrens gegen die Kantsche Vernunftstyrannei, gegen den materiellen Utilitarismus unseres Lebens. Ständig müssen wir an die Zukunft denken, uns um Rücklagen kümmern, unsere Rente sichern, immer nur Riester statt Robuchon. Andauernd geht es um Geld, und wer nicht genug zu haben glaubt, kann im Fernsehen auf allen Kanälen etwas gewinnen. Beim Kochen aber wird etwas Schönes geschaffen und sofort wieder vernichtet, es ist die direkteste Verwandlung von Geld in Genuss. Als Mattscheibenkomplizen der Fernsehköche sitzen wir am Ende mit leeren Händen da, ohne japanischen Kleinwagen, ohne Modelvertrag, ohne 64.000 Euro von Herrn Jauch - aber mit metaphorisch vollem Bauch und einem guten Gefühl. Das ist der Luxus des Carpe diem.
Wir sind hier doch nicht im kulinarischen Klassenzimmer
Kochen im Fernsehen ist eine einzige Armseligkeit - Zeitverschwendung, Volksverblödung, Schaumschlägerei, kommerzieller Kokolores. Das sagen die Kritiker. Keine Kochsendung fördere den Sinn fürs gute Essen, keine einzige erziehe das Volk zu Feinschmeckern oder verbessere auch nur die Essgewohnheiten der Zuschauer, die sich die Fertigpizza in den Rachen schöben, während sie einem Sternekoch beim Parieren und Bardieren zuschauten. Solche Kritik ist naserümpfende Heuchelei.
Sie unterwirft Kochsendungen einem viel strengeren Urteil als den großen Rest des Fernsehprogramms und verlangt von ihnen einen didaktischen Impetus, eine Moralität, als sei das Fernsehen eine Schillersche Erziehungsanstalt mit kulinarischem Klassenzimmer. Ja, sie spricht dem Kochen rundherum das Recht auf Unterhaltsamkeit ab. Denn nichts anderes als Unterhaltung sind diese Sendungen, nur eben mit einem deutlich appetitlicheren Gegenstand als die libidinösen Irrungen oder hypochondrischen Abstrusitäten, die in den Talkshows am frühen Nachmittag besprochen werden.
Und vollkommen ins Leere läuft der Vorwurf, die Kochsendungen ruinierten die kulinarische Kultur der Deutschen. Schön wär's, gäbe es viel zu ruinieren. Selbst bei wohlwollendster Betrachtung und trotz aller Fortschritte sind wir noch kein einig Volk von Feinschmeckern, dessen delikate Finesse in allen Dingen der Gourmandise vom bösen, plumpen Fernsehen versaut würde. Im Gegenteil: Wir fangen ganz unten an und müssen um jeden Gedanken, jeden Moment froh sein, den das Massenpublikum dem guten Essen widmet - zumal keine einzige Kochsendung eine Lanze fürs schlechte Essen bricht und Kartoffelklöße aus der Plastikfolie preist.
Die Erkenntnis, dass Reis auch ohne Kochbeutel gar wird
Es geht ja voran, und das sogar mit Kants Segen, der beruflich zwar ein Asket, privat aber ein Gourmand war: Noch nie haben in Deutschland so viele Spitzenrestaurants ihr Publikum und ihr Auskommen gefunden, noch nie hat es mehr Drei-Sterne-Köche gegeben. Kochbücher erreichen Hunderttausenderauflagen, selbst Alain Ducasses Tausendseitenkoloss Grand Livre de Cuisine ist eilig ins Deutsche übersetzt worden. Und in den Städten wimmelt es von Nobelnudelküchen und Sushi-Karussells, die vergessen lassen, dass vor wenigen Jahren noch auf dem Gipfel der gastronomischen Straßenkultur einsam die Currywurstbude stand.
Den Kochenthusiasmus der Deutschen hat das Fernsehen nicht entfacht. Es macht ihn sich zunutze, schlachtet ihn aus und überspannt manchmal den Bogen - wie bei der abendfüllenden Tim-Mälzer-Selbstinszenierung Born to cook, bei der es nur mehr um Show und fast gar nicht mehr ums Essen ging. Das indignierte Publikum verhängte die Maximalstrafe, nach sechs Folgen verschwand die Sendung. Doch genau dieses Scheitern ist ein Indiz dafür, dass Deutschland kulinarisch in einer besseren Verfassung ist denn je: Wir meinen es ernst.
Unser Fernsehen ist voll von allem Allzumenschlichen. Es gibt Sendungen für Volksmusikfreunde, Autofahrer, Dauercamper, Haustierhalter, Ratefüchse, Leseratten, Lackfetischisten, Hobbypathologen, Möchtegernmodels, Auswanderer, Einwanderer. Und jetzt gibt es auch eine Menge Sendungen für Menschen, die sich fürs Kochen und Essen interessieren oder zumindest so tun, als ob. Nicht alle sind pädagogisch wertvoll, doch irgendeinen klitzekleinen Nutzen birgt sogar die albernste Kochlöffelgaudi, und sei es nur die Erkenntnis, dass Reis rätselhafterweise auch außerhalb eines Kochbeutels gar werden kann.
Text: F.A.Z., 17.12.2007, Nr. 293 / Seite 33
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